KoalitionsverhandlungenGrillo handelt verantwortungslos

Er äußert sich vulgär und verweigert die Zusammenarbeit. Das Verhalten des italienischen Protestpolitikers Beppe Grillo ist unangebracht. von 

An das Charisma von Beppe Grillo kommt er nicht ran: Der Sozialdemokrat Pier Luigi Bersani wirkt hölzern und redet umständlich. Er ist ein Mann des Apparates. Das ist einer der Gründe, warum Bersani die Wahlen verloren hat. "Wir sind zwar Erster, aber gewonnen haben wir nicht!" – auf diese seltsame Formel brachte er das Wahlergebnis des vergangenen Wochenendes. Bersanis PD lag letztlich nur mit hauchdünnem Vorsprung vor Silvio Berlusconis Partei PdL. Dabei hatte sie in den Umfragen vor wenigen Wochen noch weit vorne gelegen.

Bersani ist der Verlierer der Wahl. Doch tut er jetzt, was nötig ist. Er versucht dem wirtschaftlich gebeutelten Italien eine halbwegs stabile Regierung zu geben. Dazu braucht er eine Mehrheit innerhalb des Parlaments. Eine Koalition mit Silvio Berlusconi will er aus verständlichen Gründen nicht eingehen. Darum ist er vom ersten Tag an auf die Movimento 5 Stelle (M5S) von Beppe Grillo zugegangen.

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Bersanis Vorschläge: Reform des Wahlgesetzes, Halbierung der Zahl der Parlamentsabgeordneten, tiefe Einschnitte im Militäretat, radikale Senkung der Verwaltungskosten, Gesetz gegen die Interessenkonflikte der Politiker. Dem M5S dürften diese Maßnahmen gefallen – vor allem die Senkung des Militäretats und die Halbierung der Zahl der Parlamentsabgeordneten.

Grillo muss Kompromisse eingehen

Doch was antwortet Beppe Grillo? "Diese Leute sind Arschgesichter! Sie benehmen sich wie vulgäre Verführer!"

Und auch auf die eigenen Leute schimpft er. Innerhalb des M5S sollen einige ihre Bereitschaft signalisiert haben, mit Bersani zusammenzuarbeiten. Grillos Reaktion: "Das sind Infiltrierte" – das heißt so viel wie: Das sind Agenten des Feindes.

Nun kann Grillo über die Vorschläge anderer denken, was er will. Er darf freilich auch seine üblich vulgäre Sprache pflegen. Doch wenn er seine Bewegung als verantwortungsvollen Akteur versteht, muss er in der Lage sein, Koalitionsverhandlungen zu führen. Er muss Kompromisse eingehen können.

Um eine Regierung zu bilden, braucht es das Vertrauen einer Mehrheit im Parlament. Darum müssen Verhandlungen geführt werden. Grillo hält dies für "Kuhhandel" und die "übliche Art, Politik nach Nuttenart" zu betreiben.

Und weil er das so sieht, hat er in den Verhaltenskodex für die Abgeordneten des M5S schreiben lassen: "Die parlamentarischen Gruppen des M5S dürfen mit keinen anderen Parteien zusammengehen noch koalieren, außer bei Abstimmungen über gemeinsame geteilte Programmpunkte."

Im Klartext: Grillo verbietet seinen Abgeordneten jede Zusammenarbeit, die zur Bildung einer Regierung führen kann. Er will das System sprengen, will sich nicht an die Regeln halten. In seinen Augen ist das alles morsches Zeug, das weggehört. Das mag folgerichtig sein, ist aber verantwortungslos.

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Leserkommentare
  1. Und dann regen sich die schwarz/grünen Dauerwahlkämpfer über Steinbrück auf.
    Die sollten einfach mal über das verantwortungslose Getöse des Herrn Grillo und die strafbaren Handlungen des Obergauners Berlusconi nachdenken.
    Wo waren die Moralapostel eigentlich, als sich Mutti in den französischen Wahlkampf eingemischt hat?

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    dass sich Steinbrück vertan hat und Grillio es ernst meint. Steinbrück wollte einen witzigen Spruch machen und mit dem Finger auf die Bösen zeigen. Das er in Deutschland aber zu den abgelaufenen Polikern gehört die hier nur aus Mangel an Alternativen gewählt werden - er also selbst größe Schuhe und Nase trägt, ist ihm entgangen.

    Grillio hat nun den Witz diesen Unterschied zu nutzen und das Geplapper der führenden Politiker nicht zu ernst zu nehmen und sie auflaufen zu lassen. Ich freue mich darüber. Und man kann froh sein dass es nicht einer dieser rechten Menschenfänger ist wie z.b.: in Ungarn. Hoffe ich. Selbst Grillios Selbstverliebtheit karikiert noch die Machtbesessenheit anderer Politiker. Ein Clown ist im übrigen nicht zu unterschätzen: https://www.youtube.com/w...

    • hairy
    • 02. März 2013 14:59 Uhr

    Wer hat denn unsere Krisen ausgelöst? Das waren die Verantwortungslosen. Und wer wurschtelt so weiter wie bisher, a la Merkel und Monti: das sind die Verantwortungslosen. An der Wallstreet werden schon wieder die Milliardenboni ausgeteilt: das sind die Verantwortungslosen. Hedgefonds haben argentinische Staatsanleihen zu Bruchteilen des Nominalwertes gekauft, und wollen nun den Nominalwert zurück: das sind die Verantwortungslosen.

    USW.

    nicht nur, sondern auch in sich gehen und vernünftig, verantwortungsvoll handeln! Gilt für alle Clowns, Flegel und sonstwie Bezeichneten.

    sierte?

    und warum hat sich Gabriel nicht mehr mit Frankreich assozieren lassen ,seitdem die Premiumsozialisten auch dieses Land zerstört haben - mit der 1a Politik von Hollande?
    Wie die Mehrzahl der Landsleute sehe ich nicht ein auch noch Frankreich , Italien und andere Länder zu alimentieren.
    Die Sozen und Grünen hätten aus weltfremder Gewissensberuhigung schon alles in den Süden überwiesen.
    Tragisch

  2. er ist nur konsequent. das "system" ist ja auch das problem, also ist es folgerichtig nicht mit diesem zusammen zu arbeiten. einfach mal den film "goldman sachs-eine bank lenkt die welt" von arte anschauen, dann ist es eigentlich jedem klar das es nur so geht. also lieber ein ende mitschrecken als ein schrecken ohne ende.

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    Entfernt. Bitte beachten Sie das Thema des Artikels. Danke, die Redaktion/jp

    • bonner
    • 02. März 2013 15:48 Uhr

    "also lieber ein ende mit schrecken als ein schrecken ohne ende"

    Haben Sie schon mal ein Ende mit Schrecken mitgemacht?
    Haben Sie schon mal gehungert? Gefroren im Winter ohne Heizmaterial? Nur noch kaputte Schuhe gehabt?

    Nein? Dann informieren Sie sich mal bei ihren Großeltern...
    und wenn Sie tatsächlich schon älter sein sollten...
    gute Besserung

  3. ... macht sich in mir eine gewisse Bewunderung für diesen Mann breit.

    41 Leserempfehlungen
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    Je stärker sich Herr Ladurner über Herrn Grillo ereifert, umso sympathischer wird mehr Herr Grillo. Herr Grillo ist genau im Bilde über das System und die Menschen, die in diesem agieren.

    ,,, der PIRATEN-Bewunderer von vor ca. einem Jahr und der GRILLO-Fans von jetzt sein
    mag ...

    Hauptsache "witzig", "spritzig" und "erfrischend" ?

    WÜRG !!!

    allein diese völlig undifferenzierte Art der Berichterstattung sorgt für Sympathie.

    Grillo hat es doch richtig erkannt.
    Das gesamte System ist völlig marode. Insofern hilft, wie bei einem einsturzgefährdeten Gebäude nur der Totalabbruch, ohne weitere Koalitionen zum Abstützen dieser Ruine.
    Wäre ein Volk vorübergehend ohne Regierung obdachlos und handlungsunfähig?
    Das nehmen doch nur unfähige Politiker und Ökonomen in ihrem Regulierungswahn dieses Wirtschaftskrieges an, dass es ohne sie nicht gehen könnte. Weil sie auch nichts anderes kennen. Es wird und muß auch radikale Rückschnitte geben, aber nicht bei der arbeitenden Bevölkerung, sondern bei parasitären Nichtstuern und den Huren des Kapitals in der EU-Politik in Brüssel.

    Das hat Grillo erkannt. Deshalb ist er auch nicht als Clown zu betrachten, der Randale macht, sondern als ein Mann mit dem Tiefblick eines guten Unternehmers, der sowohl einen bislang noch utopische Vision, aber auch einen geübten Blick für die Probleme en detail auf dem Markt zu haben scheint.
    Ihm geht es hier in erster Linie um die Menschen und das Volk. Das ist nicht verantwortungslos! Das ist sogar hoch verantwortlich! Das Ganze ist zu werten wie ein medizinischer Notfalleinsatz zur Rettung der gesamten Gesellschaft, unter Blaulicht und Martinshorn. In solchen Katastrophenfällen geht es gewiß nicht locker, flocker und journalistischem Plauderjargon gemäß zu.

    In welcher Welt leben Sie denn, Herr Ladurner?
    Haben Sie schon jemals etwas anderes getan, als nur Lesen, Schreiben und anderer Leute (Notfall)-Einsatz zu bewerten?

  4. Ich find den Typ erfrischend.

    29 Leserempfehlungen
  5. Die Frage ist, wie man den handlungsunfähigen Strukturen und Mechanismen unserer Demokratien überhaupt noch konstruktive begegnen kann. Dieses Patt, dass überall jede wirkliche Reform verhindert, den Status Quo zementiert und das fortschreibt, was letztlich doch auch niemand will. Und wo diejenigen ihren Profit raus ziehen die mit dem Zustand macht oder Geldpolitik betreiben und alles noch schlimmer machen. Die Occupy Bewegung war ein Phänomen, dass es in der Form bisher nicht gegeben hat. Grillo und seine Bewegung ist ein anderes. Ich glaube, es ist ganz natürlich, dass so etwas jetzt auftaucht. Es wird die politische Landschaft verändern. Hoffentlich in der Form, dass funktionierende echte demokratische Einrichtungen dabei entstehen.

    13 Leserempfehlungen
  6. Georg Schramm - Bundeskanzler
    Volker Pispers - Wirtschaftsminister
    Priol - Familien- und Bildungsminister
    Hagen Rether - Verteidigungs- und Innenminister.

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    Nina Hagen: Familienministerin

    Die beiden sind viel zu sehr links angepasst.

  7. er "muss" nichts und das spüren ja alle die ihn brauchen. Es kommt also sehr darauf an was er denn will - im Moment scheint alles nach Plan zu laufen, auch wenn die Moralkeule etwas anderes fordert.

    Ob allerdings die Spielregeln einzuhalten immer etwas bringt oder ob es einigen Ländern nicht ganz gut tun würde sich mal zu schütteln und den grauen Ballast abzuwerfen, die Apparate zu verschlanken und wieder die Bürger zu vertreten, dass halte ich doch für sehr diskussionswürdig.
    In diesem Sinne ist er als Revolutionär zu disskutieren.

    Es ist ein Angriff auf die tatsächlich auch fragwürdigen Strukturen. Und wie man bekanntlich weiß, ist es in diesem Falle am effektivsten die Regeln zu missachten, ob für etwas Gutes wird sich zeigen.

    12 Leserempfehlungen
  8. Nina Hagen: Familienministerin

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Tja...."
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    • yato
    • 02. März 2013 12:29 Uhr

    Nena nicht Nina als Familienministerin!
    Wobei sogar schon die mittlerweile schrullige Nina Hagen weit besser wäre als die intellektuell unbedarfte Lobby-Marionette Kristina Schröder.

    Umweltminister: Daniel Cohn Bendit, statt dem "Kuckucksei" der AKW-Lobby Altmaier!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Koalitionsverhandlung | Agent | Bildung | Italien | Parlament | Reform
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