KroatienDer brüchige Frieden von Vukovar

Die Versöhnung mit der serbischen Minderheit ist kurz vor Kroatiens EU-Beitritt in Gefahr. In Vukovar weckt der Streit um kyrillische Schilder Erinnerungen an den Krieg. von Thomas Roser

Kroatische Kriegsveteranen bei einer Demonstration zum Gedenken an die Schlacht von Vukovar 1991 während des Kroatienkriegs (Archivbild)

Kroatische Kriegsveteranen bei einer Demonstration zum Gedenken an die Schlacht von Vukovar 1991 während des Kroatienkriegs (Archivbild)  |  © Nikola Solic/AFP/Getty Images

Eine schwarze Plane nimmt dem Sockelhelden die Sicht. "Er soll die Schande nicht sehen", erklärt Zdravko Komšić, warum die Büste von Staatsgründer Franjo Tudjman in Kroatiens "Heldenstadt" verhüllt ist. Die geplanten zweisprachigen Ortsschilder in Vukovar seien "der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt", sagt der 57-jährige Veteran. "Mit unserem Blut ist das Fundament dieses Staates getränkt. Wenn hier kyrillische Schilder aufgehängt werden, wird die Hälfte der Kroaten aus Vukovar abwandern."

Über zwei Jahrzehnte liegen die verhängnisvollen Ereignisse zurück, die das Leben in Vukovar unwiderruflich verändern sollten. Zwei Monate nach der kroatischen Unabhängigkeitserklärung hatten serbische Milizen und die jugoslawische Volksarmee Ende August 1991 mit dem Angriff auf die multi-ethnische Stadt begonnen.

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Fast drei Monate lang schlugen in Vukovar die Granaten ein, mehr als eine Millionen Geschosse verwandelten die Stadt in ein Trümmerfeld. Gegen den hochgerüsteten Gegner waren die Verteidiger hoffnungslos unterlegen, dennoch hielten sie 87 Tage lang stand. Rund 1.700 Menschen starben bei den Kämpfen, mehr als 2.500 wurden verletzt, mindestens 300 gelten bis heute als vermisst.

Fast alle Ruinen, die noch vor wenigen Jahren die Straßen des Stadtzentrums säumten, sind rekonstruiert oder abgerissen. Die Fassade des wieder aufgebauten Schlosses Eltz strahlt in frischem Gelb. Doch obwohl die Spuren des Krieges immer weniger sichtbar sind, hat sich die Erinnerung an den Krieg unauslöschlich in das Bewusstsein der Bewohner eingegraben. Bis heute belastet sie das Zusammenleben zwischen Kroaten und Serben.

Die Schrift der serbischen Kriegsbesatzung

Die "Kriegsmentalität" habe sich in der Stadt gehalten, sagt der Redakteur Milan Paun im Studio von "Radio Vukovar". Serben und Kroaten lebten in der Stadt "nebeneinander und nicht miteinander". "Schon die Kindergärten sind getrennt – und die Schulen genauso." Wäre der Krieg nicht gewesen, würde heute niemand die zweisprachigen Ortsschilder infrage stellen, ist Paun überzeugt. Für viele Kroaten sei Kyrillisch jedoch die Schrift der serbischen Kriegsbesatzung: "Die Veteranen haben das Gefühl, den Krieg zwar gewonnen zu haben, aber nun den Frieden zu verlieren."

"Für das kroatische Vukovar, Nein zu Kyrillisch" steht auf Plakaten im Zentrum der Stadt. Vor allem die erst im Dezember veröffentlichten Ergebnisse der Volkszählung von 2011 haben in Vukovar die alten Kriegswunden wieder aufgerissen. Die Einwohnerzahl war demnach von 44.000 auf 28.000 gesunken, der Anteil der Serben stieg dabei auf 34,8 Prozent. Vorher stellten sie etwas weniger als ein Drittel, nun ist es etwas mehr – der Minderheit steht damit laut der 2002 verabschiedeten Verfassung das Recht auf eine zweisprachige Beschilderung zu.

Doppelt beschriftete Ortstafeln sind beispielsweise in Istrien durchaus üblich, obwohl dort die italienische Minderheit wesentlich weniger als ein Drittel der Bevölkerung ausmacht. Serbisch-kyrillische Lettern finden sich auch bereits auf den Ortstafeln einiger Dörfer mit hohem Serben-Anteil rund um Vukovar. Doch hier stößt die geplante zweisprachige Beschilderung auf großen Widerstand, der nicht auf die Stadt begrenzt ist. Denn Vukovar gilt der ganzen Nation als Symbol für ihren Selbstbehauptungswillen während des Krieges.

Leserkommentare
  1. diese Kroaten in die EU kommen. Sie sind noch weit davon entfernt mit europäischen Werten klar zu kommen. Was sollten den die Serben sagen, die mit der kroatischen Schachbrettmuster Fahne (Ustascha Emblem) leben müssen? In Jugoslawien waren die Serben von Vukovar keine Minderheit sondern eine Mehrheit. Daß sie nun wieder ihre kyrillische Schrift verlangen, die ihnen zusteht, ist ja wohl das Mindeste. Wenn Kroatien in die EU möchte, dann muß es lernen andere Völker zu respektieren. Wir brauchen keine Nationalisten in der EU sondern weltoffene Menschen.

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    Ihre Gleichsetzung der "Sahovnica" mit einem Ustascha Emblem geht auf keine Kuhhaut... Die Ustascha hat dieses Symbol in veränderter Darstellung missbraucht. Die reguläre Sahovnica, also das was Sie als "Schachbrettmuster" bezeichnen hat mit Ustaschas rein gar nichts zu tun. Anbei, Serbien hat auch ein Problem mit dem "Kreuz" in der Flagge, wurde ebenfalls von den Tschetniks missbraucht - ebenso wie ihr drei Finger Gruß... Aber lassen Sie mich raten, das ist ja was ganz was anderes.

    Zitat: "In Jugoslawien waren die Serben von Vukovar keine Minderheit sondern eine Mehrheit."

    Erstens stimmt Ihre Aussage nicht (25-30% wäre korrekt) und zweitens erklärt es dann wohl auch, warum die serbische Armee Vukovar vom 25. August bis zum 18. November 1991 diese Stadt fast vollständig zerstört hat. Was darauf folgte können Sie gerne in neueren Geschichtsbüchern und Nachrichten Archiven nachlesen. Nichts gegen eine Diskussion bezüglich des aktuellen Themas, aber auf Geschichtsverfälschung sollte man nicht als Diskussionsgrundlage bauen.

  2. wie jeder weiß, der einmal mit dem Auto durch Belgien gefahren ist.

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  3. Ihre Gleichsetzung der "Sahovnica" mit einem Ustascha Emblem geht auf keine Kuhhaut... Die Ustascha hat dieses Symbol in veränderter Darstellung missbraucht. Die reguläre Sahovnica, also das was Sie als "Schachbrettmuster" bezeichnen hat mit Ustaschas rein gar nichts zu tun. Anbei, Serbien hat auch ein Problem mit dem "Kreuz" in der Flagge, wurde ebenfalls von den Tschetniks missbraucht - ebenso wie ihr drei Finger Gruß... Aber lassen Sie mich raten, das ist ja was ganz was anderes.

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  4. Zitat: "In Jugoslawien waren die Serben von Vukovar keine Minderheit sondern eine Mehrheit."

    Erstens stimmt Ihre Aussage nicht (25-30% wäre korrekt) und zweitens erklärt es dann wohl auch, warum die serbische Armee Vukovar vom 25. August bis zum 18. November 1991 diese Stadt fast vollständig zerstört hat. Was darauf folgte können Sie gerne in neueren Geschichtsbüchern und Nachrichten Archiven nachlesen. Nichts gegen eine Diskussion bezüglich des aktuellen Themas, aber auf Geschichtsverfälschung sollte man nicht als Diskussionsgrundlage bauen.

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  5. und freundlicher waren die Serben auch!
    Was bitte hat Kroatien in der EU zu suchen?

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  6. Meiner Meinung nach hat weder Kroatien noch Serbien zur Zeit etwas in der EU verloren. In Kroatien herrscht ein verbissener Nationalismus und in Serbien ist die Korruption überdurchschnittlich hoch.
    Eigentlich will auch niemand (außer Deutschland) diese beiden Länder wirklich in der EU haben.
    Deutschland will seinen Schützling Kroatien wegen seiner Loyalität in die große europäische Familie aufnehmen und Serbien will man das Kosovo wegnehmen. Deswegen lockt man das Land mit dem EU Beitritt. Andere Gründe gibt es nicht. Beide Länder sind nicht reif für einen EU Beitritt. Das waren Rumänien und Bulgarien erst recht nicht.

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  7. die kroaten sind durch stark einseitige berichterstattung der eigenen und westlichen medien in dem glauben geblieben, sie hätten sich während des bürgerkrieges gegen einen agressor zu wehr gesetzt und das die vertreibung unter schwersten menschenrechtsverletzungen von 250.000 serbischen zivilisten in der krajina region berechtigt und geboten war.

    sie blenden aus das die damalige politische führung sich mit faschisten aus dem zweiten weltkrieg rühmte faschistoide symbolik und rhetorik verwendete und einen systematischen exodus betrieb.

    Ferner blenden sie aus das die kroaten in der bosnischen region herzegowina genauso vermeintliche agressoren sind/waren wie die serben, (siehe staat kroat.rep herceg bosna)

    Als sich unmut innerhalb der bevölkerung über den eu eintritt breit machte, weil man die prozesse gegen "kriegshelden"als ungerecht empfand wurde von den nato staaten das bauernopfer gotovina und markac erbracht.

    erstinstanzlich zu 24 jahren haft verurteilt,plötzlich(wer hätts gedecht), der freispruch.........oj lässt grüßen.

    durch dieses skandalurteil, aufgrunddessen viele die glaubwürdigkeit des tribunals in frage stellen, keimte der faschistoide narzismus der kroaten zwar auf, jedoch änderten sich die umfragewete bzgl des eu beitritts rapide.

    so schnell gehts.......wer hats erfunden?

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    @Schülerdavid: Vor der ethnischen Säuberung durch das kroatische Militär haben in Kroatien faßt 600.000 Serben gelebt. Heute sind es nicht einmal 10% der ursprünglichen Zahl.
    Sie liegen in Ihrer Annahme richtig, daß die Kroaten tatsächlich glauben sie hätten sich nur verteidigt. Der Grund liegt in der Dämonisierung der Serben durch die westliche Presse während des jugoslawischen Bürgerkriegs.

    Kroatien wurde leider viel zu lange als Opfer gesehen. Es sollte überglücklich sein, daß es in die EU aufgenommen wird. Einmal in der EU werden sie den Serben ihre kyrillische Schrift nicht verbieten können.

  8. @Schülerdavid: Vor der ethnischen Säuberung durch das kroatische Militär haben in Kroatien faßt 600.000 Serben gelebt. Heute sind es nicht einmal 10% der ursprünglichen Zahl.
    Sie liegen in Ihrer Annahme richtig, daß die Kroaten tatsächlich glauben sie hätten sich nur verteidigt. Der Grund liegt in der Dämonisierung der Serben durch die westliche Presse während des jugoslawischen Bürgerkriegs.

    Kroatien wurde leider viel zu lange als Opfer gesehen. Es sollte überglücklich sein, daß es in die EU aufgenommen wird. Einmal in der EU werden sie den Serben ihre kyrillische Schrift nicht verbieten können.

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    Sind 10% nicht etwas wenig? Sind so viele nicht allein nach dem Krieg nach Kroatien zurückgekehrt? Sind da auch die Serben dabei die nicht mehr nach Kroatien zurückwollen?
    Kroatien hat sich zumindest gegen die jugoslawische Armee und die "ausländischen" Paramilitärs verteidigt. Wie nun der Kampf gegen die kroatischen Serben (wir lassen mal die Jugo-Armee und die Freischärler dort weg) angesehen wird, ist eine andere Frage. Zumal diese Gruppe 1/3 Kroatiens für mehrere Jahre okkupiert hielten. Nach 50 Jahren Jugoslawien hatten die Kroaten die Serben satt und wollten mal in Ruhe auf dem Schachbrettbadetuch am Strand die Sonne geniessen.

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  • Schlagworte Frieden | Kroatien | EU-Beitritt | Minderheit | Veteran | Vukovar
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