Eine schwarze Plane nimmt dem Sockelhelden die Sicht. "Er soll die Schande nicht sehen", erklärt Zdravko Komšić, warum die Büste von Staatsgründer Franjo Tudjman in Kroatiens "Heldenstadt" verhüllt ist. Die geplanten zweisprachigen Ortsschilder in Vukovar seien "der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt", sagt der 57-jährige Veteran. "Mit unserem Blut ist das Fundament dieses Staates getränkt. Wenn hier kyrillische Schilder aufgehängt werden, wird die Hälfte der Kroaten aus Vukovar abwandern."

Über zwei Jahrzehnte liegen die verhängnisvollen Ereignisse zurück, die das Leben in Vukovar unwiderruflich verändern sollten. Zwei Monate nach der kroatischen Unabhängigkeitserklärung hatten serbische Milizen und die jugoslawische Volksarmee Ende August 1991 mit dem Angriff auf die multi-ethnische Stadt begonnen.

Fast drei Monate lang schlugen in Vukovar die Granaten ein, mehr als eine Millionen Geschosse verwandelten die Stadt in ein Trümmerfeld. Gegen den hochgerüsteten Gegner waren die Verteidiger hoffnungslos unterlegen, dennoch hielten sie 87 Tage lang stand. Rund 1.700 Menschen starben bei den Kämpfen, mehr als 2.500 wurden verletzt, mindestens 300 gelten bis heute als vermisst.

Fast alle Ruinen, die noch vor wenigen Jahren die Straßen des Stadtzentrums säumten, sind rekonstruiert oder abgerissen. Die Fassade des wieder aufgebauten Schlosses Eltz strahlt in frischem Gelb. Doch obwohl die Spuren des Krieges immer weniger sichtbar sind, hat sich die Erinnerung an den Krieg unauslöschlich in das Bewusstsein der Bewohner eingegraben. Bis heute belastet sie das Zusammenleben zwischen Kroaten und Serben.

Die Schrift der serbischen Kriegsbesatzung

Die "Kriegsmentalität" habe sich in der Stadt gehalten, sagt der Redakteur Milan Paun im Studio von "Radio Vukovar". Serben und Kroaten lebten in der Stadt "nebeneinander und nicht miteinander". "Schon die Kindergärten sind getrennt – und die Schulen genauso." Wäre der Krieg nicht gewesen, würde heute niemand die zweisprachigen Ortsschilder infrage stellen, ist Paun überzeugt. Für viele Kroaten sei Kyrillisch jedoch die Schrift der serbischen Kriegsbesatzung: "Die Veteranen haben das Gefühl, den Krieg zwar gewonnen zu haben, aber nun den Frieden zu verlieren."

"Für das kroatische Vukovar, Nein zu Kyrillisch" steht auf Plakaten im Zentrum der Stadt. Vor allem die erst im Dezember veröffentlichten Ergebnisse der Volkszählung von 2011 haben in Vukovar die alten Kriegswunden wieder aufgerissen. Die Einwohnerzahl war demnach von 44.000 auf 28.000 gesunken, der Anteil der Serben stieg dabei auf 34,8 Prozent. Vorher stellten sie etwas weniger als ein Drittel, nun ist es etwas mehr – der Minderheit steht damit laut der 2002 verabschiedeten Verfassung das Recht auf eine zweisprachige Beschilderung zu.

Doppelt beschriftete Ortstafeln sind beispielsweise in Istrien durchaus üblich, obwohl dort die italienische Minderheit wesentlich weniger als ein Drittel der Bevölkerung ausmacht. Serbisch-kyrillische Lettern finden sich auch bereits auf den Ortstafeln einiger Dörfer mit hohem Serben-Anteil rund um Vukovar. Doch hier stößt die geplante zweisprachige Beschilderung auf großen Widerstand, der nicht auf die Stadt begrenzt ist. Denn Vukovar gilt der ganzen Nation als Symbol für ihren Selbstbehauptungswillen während des Krieges.