Feldlager Kundus : "Die Bundeswehr hat uns allein gelassen"

Sie fürchten die Rache der Taliban: Ehemalige Übersetzer der Bundeswehr haben vor dem Feldlager in Kundus protestiert und um Ausreise oder Asyl in Deutschland gebeten.
Ein Versorgungskonvoi verlässt das Lager Kundus der Bundeswehr. ©Maurizio Gambarini/dpa

Aus Angst vor Attentaten durch die Taliban haben ehemalige Ortskräfte der Bundeswehr vor dem Feldlager in Kundus Asyl in Deutschland verlangt. Etwa 35 Afghanen versammelten sich vor dem Camp und forderten Schutz. "Die Sicherheitslage verschlechtert sich hier, und die Bundeswehr hat uns allein gelassen", sagte der 24-jährige Übersetzer Aliullah Nasar. "Die Bundeswehr muss uns dabei helfen, außer Landes zu kommen, oder uns Asyl in Deutschland gewähren."

Die Mitarbeiter der Bundeswehr in Afghanistan befürchten, dass die Taliban sie für ihre Zusammenarbeit mit den ausländischen Truppen bestrafen wollten. In Deutschland beschäftigen sich das Innen- und das Verteidigungsministerium sowie das Auswärtige Amt damit, was mit den bedrohten ehemaligen Mitarbeitern geschehen soll.

Ein Bundeswehr-Sprecher in Kundus sagte, man habe Nasari versichert, die Ängste auch ehemaliger Mitarbeiter würden sehr ernst genommen. "Wir sind uns unserer besonderen Verantwortung und Fürsorgepflicht für Ortskräfte sehr bewusst." Jedem Ex-Mitarbeiter stehe es frei, sich mit seinen Sorgen schriftlich an die Bundeswehr zu wenden.

Karsai verhandelt in Katar

Unterdessen ist der afghanische Präsident Hamid Karsai zu Gesprächen über die Eröffnung einer Vertretung der islamistischen Taliban nach Doha gereist. Sein Sprecher sagte, bei den Gesprächen in Katar werde es auch um den Friedensprozess in Afghanistan gehen. Die gegen die Regierung in Kabul kämpfenden Taliban-Rebellen lehnen direkte Gespräche mit Karsai ab, den sie als Marionette der USA bezeichnen.

Die Taliban hatten sich zu Jahresbeginn bereit erklärt, eine dauerhafte Vertretung in Katar zu eröffnen, um Verhandlungen mit den USA zu führen. Die Regierung in Kabul protestierte zunächst dagegen, dass Washington separat Kontakte zu den Taliban aufbaute, um den Konflikt in Afghanistan beizulegen. Angesichts des bis Ende 2014 vorgesehenen Abzugs der Nato-geführten Kampftruppen aus Afghanistan steht Karsai jedoch zunehmend unter Druck, sich mit den Taliban zu arrangieren.

Bei einem Angriff eines Nato-Hubschraubers in Afghanistan sind am Samstag zwei Kinder und neun mutmaßliche Taliban-Kämpfer ums Leben gekommen. Die Soldaten seien von afghanischen Polizisten in der Stadt Ghasni im Südosten des Landes um Unterstützung gebeten worden, weil diese von Aufständischen angegriffen worden seien, sagte ein Nato-Sprecher. Nach afghanischen Angaben wurden acht Zivilisten verletzt. Die Nato will den Berichten über Opfer in der Bevölkerung nachgehen.

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Zu dieser Erklärung war man wohl bei der Bundeswehr

gezwungen, um den von Pseudopazifisten und Deutschland-den-Deutschen-Fraktion wider jede Vernunft geforderten Abzug der Hilfstruppen aus Afghanistan zu rechtfertigen. Ist doch völlig klar, dass bei dem geplanten Abzugstermin jeder, der da vor Ort den Deutschen oder Amerikanern geholfen oder zugearbeitet hat, dem Tod geweiht ist, im schlimmsten Fall incl. deren Familien.

Es gibt Menschen, den ist das so etwas von egal, anderen bereitet es Sorgen. Wo mag da wohl der Unterschied sein.

Es droht ein Brain Drain

Die angesprochenen Leute sind immens wichtig für den Fortbestand der Demokratie in Afghanistan. Denn während ihres Aufenthaltes im deutschen Camp haben sie die Grundlagen demokratischen Handelns verinnerlichen können, etwas, was immer noch breiten Bevölkerungsschichten fehlt. Würden diese Leute jetzt ausser Landes geschafft, könnten sie die wichtige Aufgabe der nun anstehenden, selbständigen, Vertiefung demokratischer Standards und die notwendige Stärkung der Institutionen nicht wahrnehmen. Es würde zu einem demokratischen Brain Drain kommen.
Insofern sollte diesem Ansuchen keinesfalls statt gegeben werden, es würde unsere langjährigen Bemühungen um Frieden und Menschenrechte untergraben. Diese Leute sollten nun konzentriert die vor ihnen liegende Aufgabe ins Auge fassen. Es könnte darüber nachgedacht werden, Kolaboranten nach dem Anzug mit modernen Waffen auszustatten, damit sie den subversiven Elementen der Gesellschaft mit Nachdruck entgegen treten könnten. Auch Lehrer an Mädchenschulen sollten nicht unbewaffnet zurück bleiben, denn sicherlich werden mittelalterlich denkende Horden diese sofort angreifen.

ich hoffe ich habe die ironie in ihrer wortmeldung überlesen

ansonsten müsst ich die nämlich reichlich zynisch finden.

die 2000 zukünftig ehemaligen mitarbeiter deutscher behörden und NGOs werden sicher schwer was reissen bei der fortschreitenden demokratisierung (?) ihrer heimat. gerade bei den ganzen dann-nicht-mehr-übersetzern täte ja einiges an persönlichen ressourcen freiwerden für ein engagement in der erwachsenenbildung an der volkshochschule von kandahar oder mazar i sharif. wenn denen deswegen dann gelegentlich das eine oder andere familienmitglied abhanden kommen sollte - naja, kein job hat nur schöne seiten. bzw. - immer noch besser, als gar keine ressonanz