Die bösen Anschläge von Ankara kamen nicht von ungefähr. Zwei Bomben, ein Verletzter, ein Angriff auf das Parteibüro von Premier Tayyip Erdoğan. An den Terroranschlägen in der Nacht zum Mittwoch haben sowohl türkische als auch kurdische Extremisten Interesse. Schließlich ist zum ersten Mal eine Ahnung von Frieden in Sicht zwischen Kurden und Türken, und das gefällt ihnen nicht. Wer immer es war, die Bomben werden die Feiern nicht stoppen.

Das kurdische Newrozfest wird in diesem Jahr zum ersten Mal ein nationales türkisches Ereignis. Die Regierungspartei AKP lädt zum Newroz genauso ein wie die pro-kurdische BDP. Es gibt Veranstaltungen in der ganzen Türkei – als nationale Versöhnung. Doch das eigentliche historische zum diesjährigen Newrozfest ist die Erklärung des auf der Marmarainsel Imrali lebenslang inhaftierten Kurdenführers Abdullah Öcalan. Er rief am Donnerstag seine Anhänger in der Milizentruppe PKK zu einer Waffenruhe auf, die Kämpfer sollten sich aus der Türkei und von den Grenzen des Landes zurückziehen.

Die vor wenigen Monaten noch unerwartete Wende ist möglich geworden durch einen politischen Schwenk von Tayyip Erdoğan. Er hat sich – fürs Erste zumindest – von der militärischen Lösung der Kurdenfrage und nationalistischer Rhetorik verabschiedet. Seine Partei unternimmt den dritten Versuch einer politischen Lösung in fünf Jahren – hoffentlich nun ohne Zittern und Versagen. Auf der anderen Seite wittern die Kurden, dass sie dieses Mal wirklich etwas erreichen können.

Erdoğan will ein mächtiger Präsident werden

Denn Erdoğan hat ein genuines Interesse an der Sache. Er braucht die Kurden, weil er mit den Türken im Parlament nicht vorankommt. Der türkische Premier muss die Verfassung ändern, um sein politisches Überleben über diese Legislaturperiode bis 2015 hinaus zu sichern. Als Premier kann er nicht wiedergewählt werden. Deshalb will er nun Präsident werden, aber nicht ein eher schwach bewehrter zur Repräsentation wie der jetzige Präsident Abdullah Gül. Nein, Erdoğan möchte sich den Posten auf seine Person zuschneidern: allgegenwärtig, alles regelnd, allmächtig.

Das ist der prokurdischen BDP weniger wichtig, weil es im Zweifel vor allem die Türken betrifft. Sie bieten Erdoğan einen Deal an: Sie verhelfen ihm zur Mehrheit für die neue Präsidialverfassung. Sie bedrängen zusammen mit Öcalan die PKK, die Waffen niederzulegen. Im Gegenzug wird die neue Verfassung den Kurden umfassende Autonomie gewähren. Kulturell, ja und auch politisch. Die Kurden möchten, dass ihre gewählten Bürgermeister wirkliche Macht haben und nicht mehr von einem in Ankara entsandten Gouverneur geschurigelt werden. Sie möchten Lokalparlamente wählen und über ihr Leben stärker selbst bestimmen. So denken sich das die Kurden in der BDP und anderen Parteien.

Gelingt es, wäre es ein historisches Erdbeben in der Geschichte der Türkei. Die beiden politischen Kräfte, die Republiksgründer Mustafa Kemal in den zwanziger Jahren gewaltsam von der Macht ausgeschlossen hat, formen die Türkei der Zukunft. Die Erben der religiösen Parteien hier und die Kurden dort, Erdoğan und die BDP. Außer Lippenbekenntnissen machen sie sich nicht viel aus Atatürk. Die Gestalter kommen von den einstigen Rändern der Republik.