US-MilitärprozessBradley Manning, WikiLeaks-Informant aus Gewissensgründen

US-Soldat Manning sagt vor Gericht, warum er WikiLeaks informiert hat: Der "Blutrausch" im Irakkrieg habe ihn schockiert. Den Kampf gegen den Terror nennt er unmoralisch. von Ragnar Vogt

Bradley Manning vor Gericht (Archivbild)

Bradley Manning vor Gericht (Archivbild)  |  © Brendan Smialowski/AFP/Getty Images

Seinen Arbeitgeber, die US-Armee, stellte der Soldat Bradley Manning bloß. Er veröffentlichte Akten über die Kriege im Irak und Afghanistan, die dem Pentagon als hochgeheim galten. Sein Vaterland, die USA, machte er lächerlich, indem er Botschaftsdepeschen voller Tratsch und Intrigen ins Internet stellte. Und er riskierte eine hohe Strafe, als er all diese geheimen Daten WikiLeaks zuspielte. Warum hat er das getan? Vor einem Militärgericht hat Manning erstmals ausführlich seine Motive benannt.

Die Amerikaner hätten ein Recht darauf gehabt, die "aufschlussreichsten Dokumente über die wahren Kosten des Krieges" zu kennen, sagte der Soldat. Er habe aus moralischen Gründen gehandelt, deshalb seien seine Taten gerechtfertigt gewesen. In voller Uniform verlas er im Gerichtssaal eine 35-seitige Erklärung – mit Hochgeschwindigkeit, manchmal habe er sich verhaspelt, manchmal habe er über seine eigenen Aussagen gelacht, berichtet ein Guardian-Reporter.

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"Wir waren besessen davon, menschliche Ziele auf Listen zu fangen und zu töten und haben unsere Ziele und Aufträge ignoriert", erzählte Manning, der für die US-Armee als Geheimdienst-Analyst in der Nähe von Bagdad gearbeitet hatte. "Ich glaubte, dass die amerikanische Öffentlichkeit das erkennen muss, damit eine Diskussion über unsere Militär- und Außenpolitik beginnt." Als die USA den Terrorabwehr genannten Krieg führten, ignorierten sie in den Kriegsgebieten die humanitäre Katastrophe, die sie Menschen brachten, für die sie sich vorgeblich einsetzten. Den Sinn dieser Taktik sollte die US-Gesellschaft überdenken.

Manning beschrieb vor Gericht auch, warum er sich ursprünglich die ersten geheimen digitalen Akten besorgt habe. Er habe im Irak dienstlich eine Datenbank nutzen müssen. Weil die Internetverbindung oft ausgefallen sei, habe er einmal alle Dateien heruntergeladen, um sich die Arbeit zu erleichtern. So habe er mit dem Kopieren des Geheimmaterials begonnen. Doch je mehr er darin gelesen habe, desto mehr sei er besorgt gewesen.

"Für sie schien menschliches Leben wertlos zu sein"

Besonders eindringlich sprach Manning über das Video von einem Kampfhubschrauber-Einsatz der US-Armee im Irak, das unter dem Namen Collateral Murder bekannt wurde: "Dieser Blutrausch, den sie zu haben schienen, für sie schien menschliches Leben wertlos zu sein." In dem Clip aus dem Jahr 2007 ist zu sehen, wie die Helikopter-Besatzung in Bagdad auf eine Menschengruppe schießt. Dabei starben Zivilisten, Kinder und auch zwei Korrespondenten der Nachrichtenagentur Reuters.

Das Video zeigt auch einen Menschen, der verletzt im Staub liegt. Man hört einen US-Soldaten im Helikopter sagen, er wünschte, dass der Verletzte nach einer Waffe greifen würde, damit er ihn töten könne. "Auf mich wirkte das wie ein Kind, das mit einer Lupe einen Frosch quält", sagte Manning.

Reuters versuchte damals, das Video zu bekommen. Doch die US-Armee weigerte sich, sie habe sogar bestritten, dass der Film noch existiere, beklagte Manning. Es habe ihn gestört, dass das Militär so einen Fehler herunterspielen wollte. Deshalb habe er das Video an WikiLeaks geschickt.

"Hinterzimmer-Deals und anscheinend kriminelle Aktivität"

Vor der Veröffentlichung der US-Depeschen habe er gezögert. Ihm sei klar gewesen, dass es für die USA peinlich werden würde. Doch je mehr er in den 250.000 Mitteilungen aus den US-Botschaften gelesen habe, desto mehr sei im klar geworden, dass sie an die Öffentlichkeit gehörten. Denn sie dokumentierten "Hinterzimmer-Deals und anscheinend kriminelle Aktivität".

Manning droht nun eine lebenslange Gefängnisstrafe wegen Geheimnisverrats. Seine Erklärung hielt er bei einer Vorverhandlung eines Militärgerichts in Fort Meade im US-Staat Maryland. Er bekannte sich dabei in zehn von 22 Anklagepunkten für schuldig. Wesentlichen Vorwürfen der Anklage widersprach er aber. So habe er sich nicht schuldig gemacht, Feinden der USA geholfen zu haben.

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Leserkommentare
  1. Es ist unfassbar das der Mann überhaupt vor Gericht gestellt wird.
    Kein Staat will seine Kriegsverbrechen öffentlich sehen, aber so ist es nunmal.
    Herr Manning hat aus Gewissensgründen gehandelt, und dafür soll er so eine Strafe bekommen? Zivilisten aus einem Helikopter beschießen mit einem hämischen lachen führt höchstens eine degradierung mit sich.
    Seinem Gewissen zu folgen, und moralische und menschenunwürdie Fakten aufdecken ist aber ein Verbrechen?

    Der Mann sollte nicht als Angeklagter in den USA sitzen, sondern als Kronzeuge in Den Haag.

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    Welcome to reality.

    Hochverrat sollte nicht geahndet sondern noch gefördert werden? [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf herablassende Äußerungen. Danke, die Redaktion/jp

  2. für den Friedensnobelpreis.

    Beste Grüße
    FSonntag

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    Wer hat den Friedensnobelpreis denn schon erhalten?

    Kissinger, Carter, Begin, Arafat, Obama, die EU....

    Der Friedensnobelpreis ist inzwischen völlig entwertet.

    Bradley Manning in diese Liste einzureihen wäre eine Beleidigung für ihn.

    Was könnten wir nur für eine Welt haben, wenn es mehr Bradley Mannings gäbe?

    Und bevor jetzt irgendein Forist mit dem Finger auf mich zeigt: ich habe aus Gewissensgründen immerhin einen gut dotierten und sehr sicheren Arbeitsplatz aufgegeben, weil mein damaliger Arbeitgeber im großen Stil mit Lebensmitteln spekuliert hat und dies auch weiterhin tut.

    Nun habe ich eine Stelle, bei der ich weniger verdiene, aber ein gutes Gewissen haben kann und es fühlt sich saugut an. Natürlich ist das nicht mit dem Einsatz vergleichbar, den Bradley Manning in die Waagschale geworfen hat, aber ich bin trotzdem jeden Tag froh, dass ich meinem Gewissen gefolgt bin.

    Erich Kästner: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es."

    - nach den vielen fragwürdigen Entscheidungen, die das Osloer Gremium getroffen hat, wäre es an der Zeit, endlich einen Kandidaten im Sinne des Preisstifters zu ehren. Nobel war Pazifist, nach seinem Willen sollte der Preis dezidiert für Antimilitarismus vergeben werden.
    Da wüßte ich keinen besseren Kandidaten als Manning, welcher den US-Militarismus bloßstellte und jetzt - trotz schikanöser Untersuchungshaft ungebrochen - mutig zu seinen Taten steht. Seine Anwälte hätten sicher eine Verteidigungsstrategie wählen können, bei welcher möglichst viel bestritten worden wäre - und die wohl nicht aussichtslos gewesen wäre.
    Manning hat sich anders entschieden. Er ist ein tatsächlicher Held. Ganz anders als die Schwarzkopf, Petraeus, Allen - denen das Heldentum nur angedichtet wurde.

  3. Und was macht eigentlich Friedensnobelpreisträger Obama (wenn er nicht gerade Fußballplätze un Guantanamo bauen lässt)?

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  4. Welcome to reality.

    Antwort auf "Der Prozess"
  5. Ich frage mich ja, was Oliver North über diesen Fall so denkt, wenn er bei Fox News gelangweilt rumsitzt. Vielleicht:
    "Gott sei dank hab ich damals nur Waffen an den Iran verkauft und mit dem Geld faschistoide Massenmörder in Nicaragua finanziert."

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  6. 6. Sonne

    Hochverrat sollte nicht geahndet sondern noch gefördert werden? [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf herablassende Äußerungen. Danke, die Redaktion/jp

    Antwort auf "Der Prozess"
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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf polemische Vergleiche. Danke, die Redaktion/jp

    Es macht einen Unterschied zwischen Hochverrat und Kriegsverbrechen anprangern.
    Sonnst hätte man die Clique um die Nürnberger Prozesse auch laufen lassen können.

    Ich als Bundeswehrsoldat, würde bei Kriegsverbrechen seitens meiner Einheit und Nation, ebenfalls der Welt mitteilen, das nicht nur die Taliban sich menschenverachtender Methoden bedienen.

    Denn Hochverrat bedeutet zu versuchen die verfassungsmäßige Ordnung zu zerstören, ich kenne die dt. oder US Verfassung zwar nicht auswendig, allerdings glaube ich nicht das "Overkill aus Spaß" oder Folter, drinne steht.

    Und ja, Hochverrat sollte gefördert werden, solange man damit andere Taten eindämmen kann, wie etwa "Verbrechen gegen die Menschlichkeit".
    Denn nach den "Geheimnissen" wurde das Rom-Stutut massiv verletzt etwa mit: §7.1a versätzliche Tötung, §7.1e Freiheitsentzug und beraubung der körperlichen Freiheit, §7.1f Folter, §7.1g Vergewaltigung, §7.1k unmenschliche Behandlung.
    Sowie: §7.2a Angriffe gegen die Zivilbevölkerung.

    Aber ich vergaß, die Retter der Demokratie lehnen ja das Rom-Statut und den Internationalen Gerichtshof ab, Menschenrechte zählen ja ohnehin nur für die WASP.

    Er hat absolut vorbildlich gehandelt und sehr viel Mut bewiesen!
    Ich habe den allerhöchsten Respekt vor diesem Mann!

    Das ist gelebte Zivilcourage!

  7. Wer hat den Friedensnobelpreis denn schon erhalten?

    Kissinger, Carter, Begin, Arafat, Obama, die EU....

    Der Friedensnobelpreis ist inzwischen völlig entwertet.

    Bradley Manning in diese Liste einzureihen wäre eine Beleidigung für ihn.

    Was könnten wir nur für eine Welt haben, wenn es mehr Bradley Mannings gäbe?

    Und bevor jetzt irgendein Forist mit dem Finger auf mich zeigt: ich habe aus Gewissensgründen immerhin einen gut dotierten und sehr sicheren Arbeitsplatz aufgegeben, weil mein damaliger Arbeitgeber im großen Stil mit Lebensmitteln spekuliert hat und dies auch weiterhin tut.

    Nun habe ich eine Stelle, bei der ich weniger verdiene, aber ein gutes Gewissen haben kann und es fühlt sich saugut an. Natürlich ist das nicht mit dem Einsatz vergleichbar, den Bradley Manning in die Waagschale geworfen hat, aber ich bin trotzdem jeden Tag froh, dass ich meinem Gewissen gefolgt bin.

    Erich Kästner: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es."

    43 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kandidat "
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    Es haben schon Personen den Friedensnobelpreis erhalten, die wirklich etwas für den Frieden getan haben. Mit der Verleihung des Preises an die größten zivilen "Feinde" der USA (den anderen ist ja der Krieg erklärt worden) könnte der Nobelpreis wieder aufgewertet und demonstriert werden, dass die Vergabe an Obama einen mehr als bedauerlichen Betriebsunfall darstellte. Aber haben die in Oslo genug Selbsterkenntnis und Mut? Ich zweifle.

    Ich plädiere also, für den Preis Assange, Manning und Snowden vorzuschlagen. Man könnte aber auch einen neuen Preis stiften, vielleicht zu benennen nach Carl von Ossietzky oder einer/einem anderen, der/die versucht hat, mit der Preisgabe von Informationen (vulgo: Verrat) Schlimmes zu verhindern.

    Der Preis, den ein deutsches Forschungsinstitut verleiht, wie neulich in einer Diskussion erwähnt wurde, hat leider zu wenig Publizität.

  8. 8. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf relativierende Vergleiche. Danke, die Redaktion/jp

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Irak | Nachrichtenagentur | Pentagon | US-Armee | USA | Video
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