NSU-ProzessTürkei fordert Plätze für türkische Politiker

Im Streit um die Plätze beim NSU-Prozess erhöht die türkische Regierung den Druck: In einem Telefonat mit Westerwelle fordert der Außenminister Zugang für Abgeordnete.

Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu

Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu

Die Platzvergabe beim Prozess um die NSU-Mordserie hat nun die oberste diplomatische Leitungsebene erreicht. Wie die Bild am Sonntag berichtet, war der Prozess Thema bei einem Telefonat zwischen dem türkischen Außenminister Ahmet Davutoğlu und seinem deutschen Amtskollegen Guido Westerwelle. Dabei habe Davutoğlu nicht nur Zugang für Vertreter türkischer Medien verlangt, sondern auch für Abgeordnete des türkischen Parlaments.

Westerwelle, so schreibt die Zeitung, verwies auf die richterliche Unabhängigkeit. Er zeigte aber Verständnis für den Wunsch und sagte im Gespräch mit Davutoğlu: "Größtmögliche Klarheit und Offenheit bei der strafrechtlichen Aufarbeitung der schrecklichen Taten der NSU sollten uns angesichts der traurigen Vorgeschichte ein ganz wichtiges Anliegen sein." Aus dem Umfeld des Bundesaußenministers hieß es: "Es wäre mehr als schade, wenn diese Gelegenheit vertan würde."

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Der Prozess gegen die 38-jährige Beate Zschäpe sowie vier mutmaßliche Helfer der Neonazi-Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) soll am 17. April in München beginnen. Zuletzt war das zuständige Oberlandesgericht unter massiven Druck geraten, weil es weder für den türkischen Botschafter noch für türkische Medien feste Beobachterplätze im Gerichtssaal garantiert – obwohl acht der zehn NSU-Mordopfer türkische Wurzeln hatten.

Kritik von der Bundesregierung

Die Bundesregierung hat deshalb bereits vor einigen Tagen den mangelhaften Zugang türkischer Journalisten zum dem Prozess kritisiert. Das Gericht hatte seine Entscheidung mit dem Argument gerechtfertigt, die Plätze seien nach Reihenfolge der Anfragen vergeben worden. Eine Übertragung der Verhandlung in einen anderen Saal lehnt das Gericht ab, da das gegen das Gerichtsverfassungsgesetz verstoße.

Die Bundesanwaltschaft legt dem NSU die Ermordung von acht türkischen und einem griechischen Einwanderer sowie den Mord an einer deutschen Polizistin zur Last. Die Taten ereigneten sich zwischen 2000 und 2007. Außerdem soll die Neonazi-Zelle 2001 und 2004 zwei Bombenanschläge in Köln verübt haben.

 
Leser-Kommentare
  1. Nachdem sich ein ziemlich breites Spektrum bis hin zu (hat mich selbst überrascht) Ch.Ströbele in dieser Angelegenheit auf die Seite des Gerichts geschlagen hat, kann von "eindeutig überfordertem Gericht" wohl keine Rede sein.

    Und in einem Land zu leben, in dem Richter nicht von einem "Shitstorm" beeinflussbar sind, bich ich echt froh!

    Auch allgemeinpolitische und sonstige prozessfremde Überlegungen muß und darf das Gericht nicht zur Grundlage seiner Entscheidungen machen.

    Daran, daß sich das Gericht nicht willfährig den üblichen Dampfmachern aus unserer hochentwickelten Empörungsmaschinerie fügt, habe ich nichts auszusetzen.

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    Christian Ströbele hat sich mitnichten "auf die Seite des Gerichts" geschlagen. Es ist schon merkwürdig, wie sie dies in seine Worte hineininterpretieren. Im von mir hier im Thread geposteten Interview von Ströbele ist ja wohl eindeutig zu lesen, dass er die Entscheidung des Müncher OLG sehr wohl heftig kritisiert, aber zu Recht darauf hinweist, dass politischer Druck auf das Gericht kontraproduktiv ist.

    • wikla
    • 01.04.2013 um 10:58 Uhr

    ...was das Gericht und die Rechtssicherheit des Verfahrens angeht, empfehle ich folgende Seite (und Links) zu lesen:

    http://www.freitag.de/aut...

    Die Argumentation "Rechtssicherheit" und unabhängiges Gericht steht ohnehin auf sehr wackligen Beinen. Wenn da mal nicht zahlreiche Revisionsgründen lauern...

    Christian Ströbele hat sich mitnichten "auf die Seite des Gerichts" geschlagen. Es ist schon merkwürdig, wie sie dies in seine Worte hineininterpretieren. Im von mir hier im Thread geposteten Interview von Ströbele ist ja wohl eindeutig zu lesen, dass er die Entscheidung des Müncher OLG sehr wohl heftig kritisiert, aber zu Recht darauf hinweist, dass politischer Druck auf das Gericht kontraproduktiv ist.

    • wikla
    • 01.04.2013 um 10:58 Uhr

    ...was das Gericht und die Rechtssicherheit des Verfahrens angeht, empfehle ich folgende Seite (und Links) zu lesen:

    http://www.freitag.de/aut...

    Die Argumentation "Rechtssicherheit" und unabhängiges Gericht steht ohnehin auf sehr wackligen Beinen. Wenn da mal nicht zahlreiche Revisionsgründen lauern...

    • wikla
    • 01.04.2013 um 9:19 Uhr

    Unangemessen und ärgerlich ist dieser Kommentar. Ich bin entsetzt! Wir geben uns wirklich Mühe zu zeigen, dass Deutschland eines nicht ist: Ein freundliches, weltoffenes Land!

    2 Leser-Empfehlungen
  2. Christian Ströbele hat sich mitnichten "auf die Seite des Gerichts" geschlagen. Es ist schon merkwürdig, wie sie dies in seine Worte hineininterpretieren. Im von mir hier im Thread geposteten Interview von Ströbele ist ja wohl eindeutig zu lesen, dass er die Entscheidung des Müncher OLG sehr wohl heftig kritisiert, aber zu Recht darauf hinweist, dass politischer Druck auf das Gericht kontraproduktiv ist.

    5 Leser-Empfehlungen
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    soll sich jeder selbst ein Bild machen:

    "Unterstützung bekam das Gericht vom Grünen-Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele, der auch Mitglied im NSU-Untersuchungsausschuss ist. Das Gericht müsse ganz streng nach Rechtsregeln handeln, sagte er im WDR. „Denn wenn was falsch gemacht wird, kann es sein, dass eine Revision schon aus formalem Grund Erfolg hat“, ergänzte er."

    Quelle: http://www.tagesspiegel.d...

    soll sich jeder selbst ein Bild machen:

    "Unterstützung bekam das Gericht vom Grünen-Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele, der auch Mitglied im NSU-Untersuchungsausschuss ist. Das Gericht müsse ganz streng nach Rechtsregeln handeln, sagte er im WDR. „Denn wenn was falsch gemacht wird, kann es sein, dass eine Revision schon aus formalem Grund Erfolg hat“, ergänzte er."

    Quelle: http://www.tagesspiegel.d...

    • wikla
    • 01.04.2013 um 9:28 Uhr

    peinlich, unangemessen und ärgerlich ist dieser Kommentar. Ich bin entsetzt! Wie arrogant kann man sich denn noch präsentieren? Sie geben sich wirklich Mühe zu zeigen, dass Deutschland eines nicht ist: Ein freundliches, weltoffenes Land!

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  3. soll sich jeder selbst ein Bild machen:

    "Unterstützung bekam das Gericht vom Grünen-Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele, der auch Mitglied im NSU-Untersuchungsausschuss ist. Das Gericht müsse ganz streng nach Rechtsregeln handeln, sagte er im WDR. „Denn wenn was falsch gemacht wird, kann es sein, dass eine Revision schon aus formalem Grund Erfolg hat“, ergänzte er."

    Quelle: http://www.tagesspiegel.d...

    3 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Lesen UND verstehen"
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    Er (Christian Ströbele) hoffe, dass die Argumente und das Anliegen beim Gericht angekommen sind. "Dann werden die schon - davon gehe ich aus - versuchen, Wege zu finden, wie man das lösen kann." (http://www.wdr2.de/aktuel...)

    Er (Christian Ströbele) hoffe, dass die Argumente und das Anliegen beim Gericht angekommen sind. "Dann werden die schon - davon gehe ich aus - versuchen, Wege zu finden, wie man das lösen kann." (http://www.wdr2.de/aktuel...)

  4. zurechtzurücken. Warum tut sich das Gericht damit so schwer?? Hat es etwas zu verbergen? Das Interesse türkischer Vertreter ist nachvollziehbar, denn es wurde eine Reihe ihrer Landsleute brutal hingeschlachtet.Deshalb sollte man dem auch nachgeben, anstatt "bockbeinig" auf Formalitäten zu setzen.

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  5. Sind die Opfer nicht tot ?

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    und die Türken sind keine nationale Minderheit.

    und die Türken sind keine nationale Minderheit.

    • wikla
    • 01.04.2013 um 10:31 Uhr

    über so viel Arroganz und Borniertheit. Hier gibt sich jemand viel Mühe zu zeigen, dass Deutschland eines nicht ist: Ein weltoffenes, tolerantesa und liberales Land!

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    Antwort auf "Realpolitik"
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