Ein überwiegend schiitisches Viertel in Karatschi nach dem jüngsten großen Bombenanschlag vom 3. März 2013 © Reuters/Athar Hussain

Pakistans Dilemma ist zugleich tragisch und voller Ironie. Die innere Sicherheit ist zusammengebrochen – und das in einem ausgeprägten Sicherheitsstaat. Das südasiatische Land verfügt neben einem umfangreichen Staatsapparat über die siebtgrößte Armee der Welt, Hunderttausende von Polizisten und Paramilitärs sowie mit dem Inter-Services Intelligence (ISI) über einen der berüchtigsten Geheimdienste der Welt.

Von afghanischen oder gar somalischen Zuständen kann also nicht die Rede sein. Aber Pakistan hat auch eine leidgeprüfte und demoralisierte Bevölkerung, die täglich aufs Neue mit einer unangenehmen Wahrheit konfrontiert wird: Der Staat ist nicht mehr in der Lage, seine Bürger zu schützen.

Khyber Pakhtunkhwa, die von Paschtunen dominierte Provinz im Nordwesten des Landes, und die Stammesgebiete entlang der Grenze zu Afghanistan sind seit zehn Jahren fest im Griff eines islamistischen Aufstands. In Belutschistan, der riesigen, dünn besiedelten Provinz im Südwesten Pakistans, sorgen derweil Separatisten für Unruhe, die mit Islamismus nichts am Hut haben.

Die Bekämpfung dieser Separatisten ist für das pakistanische Sicherheitsestablishment zu einer Obsession geworden, die einer weiteren militanten Gruppe den Aufstieg erst ermöglicht hat: Lashkar-e-Jhangvi (LeJ) unterhält enge Beziehungen zu Al-Kaida und anderen Terrororganisationen. Die Gruppierung hat allein in diesem Jahr schon an die 200 Menschen auf dem Gewissen, die bei Bombenanschlägen in Quetta, der Hauptstadt Belutschistans, ums Leben kamen. Ziel der Angriffe war die ethnische Gruppe der Hazaras. Wie insgesamt rund 25 Prozent der 200 Millionen Pakistanis sind die meisten Hazaras Schiiten.

Der wuchernde Moloch Karatschi, in dem ein Zehntel der Bevölkerung des Landes lebt, wird seit 2008 von Gewalt erschüttert. Diese Gewalt ist mal ethnischer oder religiöser, mal politischer oder militanter, und nicht zuletzt oft rein krimineller Natur. Die südliche Provinz Sindh, deren Hauptstadt Karatschi ist, war lange Zeit als ein Zentrum des Sufismus bekannt, in dem religiöse Gewalt traditionell keine Rolle spielt.

Aufstieg des militanten Islam schon in den Achtzigern

Doch die Provinz verändert sich. Getragen von einem Netzwerk aus Moscheen und Madrassen, die wie Pilze aus dem Boden schießen, verbreitet sich extremistisches Gedankengut. Schließlich geraten auch die Städte und Dörfer des Punjab, der bevölkerungsreichsten Provinz im Herzen Pakistans, verstärkt unter den Einfluss der Dschihadisten, die über potente Geldgeber und eine hocheffiziente Infrastruktur verfügen. Die Rekruten des Dschihad kämpfen in Afghanistan und in Kaschmir. Sie bekämpfen aber auch den Staat in Pakistan selbst.

Kaum eine Gesellschaft ist so vielschichtig und komplex wie die pakistanische. Mit einfachen Schlussfolgerungen sollte man daher vorsichtig sein. Dennoch lässt sich sagen, dass die aktuellen Sicherheitsrisiken alt und neu zugleich sind. Sie sind alt, weil der Aufstieg des militanten Islam schon unter dem Militärregime von General Zia-ul-Haq in den achtziger Jahren begann. Gleichzeitig wurden auch die Schwächen des pakistanischen Staates schon in den Achtzigern schonungslos offenbart. Die staatlichen Ressourcen reichten nicht mehr aus, um auch für eine explosionsartig wachsende Bevölkerung Daseinsfürsorge und Strafverfolgung zu gewährleisten.