PakistanEin Sicherheitsstaat ohne Sicherheit

Pakistan bekommt sein Gewaltproblem nicht in den Griff. Die Ursprünge sind vielfältig und komplex, doch dem Staat fehlt auch der Wille zum Handeln. von Cyril Almeida

Pakistan Bombenanschlag Karatschi

Ein überwiegend schiitisches Viertel in Karatschi nach dem jüngsten großen Bombenanschlag vom 3. März 2013   |  © Reuters/Athar Hussain

Pakistans Dilemma ist zugleich tragisch und voller Ironie. Die innere Sicherheit ist zusammengebrochen – und das in einem ausgeprägten Sicherheitsstaat. Das südasiatische Land verfügt neben einem umfangreichen Staatsapparat über die siebtgrößte Armee der Welt, Hunderttausende von Polizisten und Paramilitärs sowie mit dem Inter-Services Intelligence (ISI) über einen der berüchtigsten Geheimdienste der Welt.

Von afghanischen oder gar somalischen Zuständen kann also nicht die Rede sein. Aber Pakistan hat auch eine leidgeprüfte und demoralisierte Bevölkerung, die täglich aufs Neue mit einer unangenehmen Wahrheit konfrontiert wird: Der Staat ist nicht mehr in der Lage, seine Bürger zu schützen.

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Khyber Pakhtunkhwa, die von Paschtunen dominierte Provinz im Nordwesten des Landes, und die Stammesgebiete entlang der Grenze zu Afghanistan sind seit zehn Jahren fest im Griff eines islamistischen Aufstands. In Belutschistan, der riesigen, dünn besiedelten Provinz im Südwesten Pakistans, sorgen derweil Separatisten für Unruhe, die mit Islamismus nichts am Hut haben.

Cyril Almeida

Cyril Almeida ist Redakteur und Kolumnist bei der pakistanischen Dawn Media Group. The Dawn ist eine der größten englischsprachigen Zeitungen Pakistans. Als Mitglied der Munich Young Leaders, eines gemeinsamen Projekts von Körber-Stiftung und Münchner Sicherheitskonferenz, hat Cyril Almeida an der MSC 2013 teilgenommen.

Die Bekämpfung dieser Separatisten ist für das pakistanische Sicherheitsestablishment zu einer Obsession geworden, die einer weiteren militanten Gruppe den Aufstieg erst ermöglicht hat: Lashkar-e-Jhangvi (LeJ) unterhält enge Beziehungen zu Al-Kaida und anderen Terrororganisationen. Die Gruppierung hat allein in diesem Jahr schon an die 200 Menschen auf dem Gewissen, die bei Bombenanschlägen in Quetta, der Hauptstadt Belutschistans, ums Leben kamen. Ziel der Angriffe war die ethnische Gruppe der Hazaras. Wie insgesamt rund 25 Prozent der 200 Millionen Pakistanis sind die meisten Hazaras Schiiten.

Der wuchernde Moloch Karatschi, in dem ein Zehntel der Bevölkerung des Landes lebt, wird seit 2008 von Gewalt erschüttert. Diese Gewalt ist mal ethnischer oder religiöser, mal politischer oder militanter, und nicht zuletzt oft rein krimineller Natur. Die südliche Provinz Sindh, deren Hauptstadt Karatschi ist, war lange Zeit als ein Zentrum des Sufismus bekannt, in dem religiöse Gewalt traditionell keine Rolle spielt.

Aufstieg des militanten Islam schon in den Achtzigern

Doch die Provinz verändert sich. Getragen von einem Netzwerk aus Moscheen und Madrassen, die wie Pilze aus dem Boden schießen, verbreitet sich extremistisches Gedankengut. Schließlich geraten auch die Städte und Dörfer des Punjab, der bevölkerungsreichsten Provinz im Herzen Pakistans, verstärkt unter den Einfluss der Dschihadisten, die über potente Geldgeber und eine hocheffiziente Infrastruktur verfügen. Die Rekruten des Dschihad kämpfen in Afghanistan und in Kaschmir. Sie bekämpfen aber auch den Staat in Pakistan selbst.

Kaum eine Gesellschaft ist so vielschichtig und komplex wie die pakistanische. Mit einfachen Schlussfolgerungen sollte man daher vorsichtig sein. Dennoch lässt sich sagen, dass die aktuellen Sicherheitsrisiken alt und neu zugleich sind. Sie sind alt, weil der Aufstieg des militanten Islam schon unter dem Militärregime von General Zia-ul-Haq in den achtziger Jahren begann. Gleichzeitig wurden auch die Schwächen des pakistanischen Staates schon in den Achtzigern schonungslos offenbart. Die staatlichen Ressourcen reichten nicht mehr aus, um auch für eine explosionsartig wachsende Bevölkerung Daseinsfürsorge und Strafverfolgung zu gewährleisten.

Leserkommentare
  1. wenn der Führung, die amerikanischen Dollars wichtiger sind ls die eigene Identität, kommt das dabei heraus. Überall wo die USAS ihre Finger drin haben gibt es tausende von Toten und unendliches Leid. Auch in Ägypten schafft man es einfach nicht von dem US-Schutzgelderpresser loszusagen.

    Das vorhnehmlichste Ziel der USA/Israel und der Engländer ist einen breiten Religionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten zu initieren. Dabei finanzieren und trainieren die Engländer, die Türkei und die USA Salafisten, Al-Kaida, Al-Nusra und helfen dem extremen Wahabismus sich zu verbreiten. Sie Unterstützen die Terrorfamile Al-Saud in Arabien und die Al-Thanis in Bahrain, die auf täglicher Basis jegliches Aufbehren der Bevölkerung teils tödlich ersticken. Deutschland liefert die passenden Waffen und Abhörtechniken dazu.

    Dabei wird gnaz gezielt - vor allem auch in deutschen Medien - gegen das iranische Volk in dreifacher Weise gehetzt, indem Islamophobie, Iranophobie und Shiitenhetzt betrieben wird, dazu mal wider aus den Fingern gesaugte Vorwürfe von Massenvernichtungswaffen während man die Israelis beim Siedlungsbau gewähren lässt und in Pakistan, Jemen, Somalia und Sudan mit Drohnen auf Menschanjagd geht.

    Die USA - NICHT PAKISTAN - stellen das mit Abstand größte Risiko für den Weltfrieden dar und stören diesen mit permanenten Aggressionen, Wirtschafts und Hasskriegen aus Angs vor ihrem eigenen Zusammenbruch., den Si nur noch mit Waffengewalt hinauszuzögern wissen.

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    Der Schlüsselsatz des Artikels lautet:

    "Einfluss der Dschihadisten, die über potente Geldgeber und eine hocheffiziente Infrastruktur verfügen"

    Ohne dies wäre der "Dschihad" in seiner modernen, zerstörerischen Form gar nicht existent. Planvoll zersetzender und zerstörerischer Terror kann nur dann dauerhaft bestehen, wenn er eine über eine belastbare Organisationsbasis verfügt. Wären Islamisten allein auf das soziale Mobilisierungspotential ihrer Ideologie angewiesen, würde sich der politische Islamismus automatisch und gezwungenermaßen den Interessen breiter, verarmter Gesellschaftsschichten anpassen. Dazu kommt es aber nicht dank der Sponsorenschaft der (überwiegend arabischen) Geldgeber. Die USA hier als Ursache allen Übels zu bezeichnen, ist lachhaft. Ob sie in der Lage sind, etwas dagegen zu tun, ist eine andere Frage.

  2. Das pakistanische Volk muss in Zukunft stärker vom US-Militär unterstützt werden, ansonsten droht die Impolsion. Die Armee ist ein riesiger ineffizienter Apparat, welcher an den Anforderungen des modernen Krieges vorbei schiesst. Gegen den grassierenden Islamismus ist der Drohnenkrieg deshalb die einzige Lösung, das pakistanische Heer ist überfordert und es wäre viel zu gefährlich, zu riskieren, dass Fanatiker an den roten Knopf kommen. Die würden mit der Atomisierung Indiens nicht lange warten, soviel steht fest, weil der Kaschmirkonflikt einfach noch brandaktueller ist, als einem lieb sein kann.

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  3. Der Schlüsselsatz des Artikels lautet:

    "Einfluss der Dschihadisten, die über potente Geldgeber und eine hocheffiziente Infrastruktur verfügen"

    Ohne dies wäre der "Dschihad" in seiner modernen, zerstörerischen Form gar nicht existent. Planvoll zersetzender und zerstörerischer Terror kann nur dann dauerhaft bestehen, wenn er eine über eine belastbare Organisationsbasis verfügt. Wären Islamisten allein auf das soziale Mobilisierungspotential ihrer Ideologie angewiesen, würde sich der politische Islamismus automatisch und gezwungenermaßen den Interessen breiter, verarmter Gesellschaftsschichten anpassen. Dazu kommt es aber nicht dank der Sponsorenschaft der (überwiegend arabischen) Geldgeber. Die USA hier als Ursache allen Übels zu bezeichnen, ist lachhaft. Ob sie in der Lage sind, etwas dagegen zu tun, ist eine andere Frage.

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    • persef
    • 06. März 2013 19:25 Uhr

    Pakistans grosses Problem wohnt in Riad und Umgebung. Dort hält man es wichtiger mit den Ölmilliarden einen heiligen Krieg zu führen und eine faschistische Ideologie zu verbreiten anstelle etwas "sinnvolles" mit dem Geld anzufangen, etwa Entwicklungs- und Infrastrukturprojekte zu starten. Nicht einmal im eigenen Nachbarland Jemen kommt ausser Geld für Hass etwas an. In Pakistan siehts nicht anders aus.

    Habe letztens gelesen, dass sich Saudi Arabien 50% aller phillipinischen landwirtschaftlichen Nutzflächen gesichert hat. Man investiert also gerne und massiv in einer zutiefst katholischen Inselgruppe am Ende der Welt, anstatt die kulturell näherstehenden und wirtschaftlich verzweifelten Glaubensbrüder zu unterstützen. Man stelle sich nur vor: Saudi Arabien engagiert sich vergleichbar in Pakistan. Sie könnten dort ein Wunder vollbringen. Aber ich würde mich auch sehr wundern, wenn es passieren würde.

    So bleibt Pakistan ein Faied-State auf Abruf und mit A-Bombe. Die USA haben vieles verbockt, aber damit haben sie nichts (negatives) am Hut.

    • zfat99
    • 06. März 2013 19:18 Uhr

    Mit einem einzigen Wort, das in Deutschland unter strikter Zensur steht, ist alles erklärt.

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    Gehen Sie doch zu PI, da dürfen Sie nicht nur das Wort, sondern noch sämtliche Beschimpfungen und Hetze darüber ablassen.

    • persef
    • 06. März 2013 19:25 Uhr

    Pakistans grosses Problem wohnt in Riad und Umgebung. Dort hält man es wichtiger mit den Ölmilliarden einen heiligen Krieg zu führen und eine faschistische Ideologie zu verbreiten anstelle etwas "sinnvolles" mit dem Geld anzufangen, etwa Entwicklungs- und Infrastrukturprojekte zu starten. Nicht einmal im eigenen Nachbarland Jemen kommt ausser Geld für Hass etwas an. In Pakistan siehts nicht anders aus.

    Habe letztens gelesen, dass sich Saudi Arabien 50% aller phillipinischen landwirtschaftlichen Nutzflächen gesichert hat. Man investiert also gerne und massiv in einer zutiefst katholischen Inselgruppe am Ende der Welt, anstatt die kulturell näherstehenden und wirtschaftlich verzweifelten Glaubensbrüder zu unterstützen. Man stelle sich nur vor: Saudi Arabien engagiert sich vergleichbar in Pakistan. Sie könnten dort ein Wunder vollbringen. Aber ich würde mich auch sehr wundern, wenn es passieren würde.

    So bleibt Pakistan ein Faied-State auf Abruf und mit A-Bombe. Die USA haben vieles verbockt, aber damit haben sie nichts (negatives) am Hut.

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    Antwort auf "Grober Unfug."
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    Hätten die USA Pakistan nach dem Ende des Afghanistan-Kriegs der Russen weiter untertsützt und nicht mit Millionen von Flüchtlingen und einem im Bürgerkrieg versinkenden Nachbarlands allein gelassen, würden heute nicht nur die Twin Tower noch stehen, sondern Pakistan wäre wohl deutlich stabiler. Stattdessen hat man in bester Doppelmoral-Manier die zuvor gepamperte Militärdiktatur dann geschnitten. Mit den bekannten Folgen.

  4. Pakistan hat das gleiche Problem, wie alle jungen oder sehr jungen Gesellschaften mit unzureichenden Ordnungsstrukturen. Der Überschuss an jungen Männern drängt zur Tat. Ihre Expressivität ist lustbetont, aktionsbezogen und auf spielerische Art gewalttätig. Nietzsche spricht von der „... entsetzlichen Heiterkeit und Tiefe in allem Zerstören...“. Es ist in der Regel nicht Zerstörungswut, nicht Hass, auch nicht religiöser Hass, was junge Männer treibt, sondern lustbetontes Ausleben der eigenen Kraft, eben Zerstörungslust.
    Ideen (Religionen, Nationalismen etc.) sind dabei lediglich organisatorische Ressourcen, weil eine leitende Idee wie der militante Islam benötigt wird, um mit einem geringen kommunikativen Aufwand große Gemeinschaften bilden zu können. Aber letztlich sind Ideen doch sekundär. Primär ist das Bedürfniss, die eigene Expressivität gewaltsam ausleben zu können (vgl. Jugendliche Expressivität und soziale Dynamik).

  5. Gehen Sie doch zu PI, da dürfen Sie nicht nur das Wort, sondern noch sämtliche Beschimpfungen und Hetze darüber ablassen.

  6. Hätten die USA Pakistan nach dem Ende des Afghanistan-Kriegs der Russen weiter untertsützt und nicht mit Millionen von Flüchtlingen und einem im Bürgerkrieg versinkenden Nachbarlands allein gelassen, würden heute nicht nur die Twin Tower noch stehen, sondern Pakistan wäre wohl deutlich stabiler. Stattdessen hat man in bester Doppelmoral-Manier die zuvor gepamperte Militärdiktatur dann geschnitten. Mit den bekannten Folgen.

    Antwort auf "Meine volle Zustimmung"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Pakistan | Gewalt | Islam | Islamismus | Taliban | Karatschi
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