Etliche tausend Dokumente fanden die US-Spezialkräfte, die am 2. Mai 2011 im pakistanischen Abottabad das Versteck des Kaida-Chefs Osama Bin Laden aushoben und den Terroristen im Verlauf des Angriffs töteten. Genau 17 dieser Fundstücke haben die USA seither veröffentlicht, am ersten Jahrestag des Zugriffs. Nun ist ein 18. Dokument aus dem Fundus aufgetaucht – und zwar in Deutschland: Das US-Justizministerium übermittelte das bislang unbekannte Schriftstück dem deutschen Bundesamt für Justiz im April 2012.

Es handelt sich dabei um einen im arabischen Original 17 Seiten langen Brief, den der oberste Stratege des Terrornetzwerks, Scheikh Junis al-Mauretani, im März 2010 an Osama Bin Laden geschrieben hatte. So steht es im US-Begleitschreiben. Das Dokument, das der ZEIT vorliegt, wirft ein seltenes Schlaglicht auf die Pläne Al-Kaidas im fraglichen Zeitraum. Al-Mauretani, von dem aus mehreren Terrorprozessen bekannt ist, dass er damals eine Art Chefplaner des Netzwerks war, entwarf darin eine globale Strategie für Anschläge vor allem gegen wirtschaftlich bedeutsame Ziele und internationale Infrastrukturen.

"Wir werden einige Personen in die Bereiche Chemie, Physik und profane Wissenschaften einschmuggeln", kündigte er beispielsweise an. Andere Rekruten sollten Berufe zum Beispiel im Transport von Benzin oder Gas oder in "sensiblen Firmen" ergreifen, um im passenden Moment "zuzuschlagen." Auf diese Weise könne es möglich werden, große Tunnel, Flughäfen oder Loveparades anzugreifen. Die Rekruten sollten sich stets bereit halten und warten, bis ihr Einsatzbefehl komme.

Pipelines und Internetknoten als Ziel

Besonderes Augenmerk widmete al-Mauretani dem Terrorismus auf hoher See. Es seien auch Ziele wie "Pipelines, Internetkabel und Tanker" im Visier, erklärte er Bin Laden. Er schlug sogar vor, mit Hilfe ziviler U-Boote den Verlauf von unterseeischen Gasleitungen auszukundschaften und diese zu verminen. Diese Idee, so grotesk sie auch klingen mag, war anscheinend ernst gemeint, denn al-Mauretani versäumte es nicht, mitzuteilen, dass alle 10 Kilometer Sicherheitsventile in diesen Pipelines eingebaut seien, was beim Verminen zu berücksichtigen sei. Selbst vom Schwarzmarkt auf hoher See wollte er profitieren.

Internetknotenpunkte "an unterschiedlichen Orten" weltweit schwebten ihm ebenfalls als Terrorziele vor. Überdies nannte der Kaida-Kader große Tunnel und Brücken -am besten solche, die Länder oder Großstädte miteinander verbinden -, Staudämme, sowie Finanz- und Geschäftszentren als Ziele. Auch Denkfabriken sollte Al-Kaida attackieren, namentlich erwähnte er die US-amerikanische RAND-Corporation.

Erst Europa, dann Amerika

Terroranschläge mit Hilfe von Flugzeugen hielt er weiterhin für sinnvoll. Allerdings schlug er vor, dass Kaida-Kader nach ihrer Ausbildung zu Piloten versuchen sollten, sich bei Airlines regulär anstellen zu lassen – um dann, zum Beispiel, ihren Kopiloten mit einem Schlafmittel auszuschalten, damit das Flugzeug "gegen das Ziel gerichtet" werden könne. Er fragte Bin Laden sogar, ob dieser nicht "Abu Basir" - vermutlich ist der Chef der Kaida-Filiale auf der Arabischen Halbinsel damit gemeint – bitten könne, ein paar Mitglieder auf diese Weise zu einem Anschlag auf die saudische Öl-Anlage in Abqaiq zu befähigen, immerhin die größte Petro-Anlage der Welt.

Sogar für den Tag, an dem einige seiner Planungen abgeschlossen sein würden, sorgte al-Mauretani in dem Schreiben vor: Bevor die Anschläge erfolgen, solle Osama Bin Laden erst drohen: "Informieren Sie Europa", bat er, "dass die Geduld am Ende ist." Ein oder zwei Wochen später würde Al-Kaida dann zuschlagen. Und "danach schlagen wir gegen Amerika zu".