Wir Amis / US-Kolumne : Wie die Indianer reich wurden

In den Indianerreservaten der USA gelten eigene Gesetze. Manche sind so etwas wie Parallelstaaten mit billigen Zigaretten und florierendem Glücksspiel.

Mein Lieblingsspruch eines amerikanischen Politikers stammt von dem mehrfachen Präsidentschaftskandidaten und Komiker Pat Paulsen: "Sämtliche Probleme, mit denen wir uns in Amerika heute herumschlagen, gehen auf die nicht durchdachte Immigrationspolitik der Indianer zurück", sagte er in den siebziger Jahren.

Paulsen hatte recht, wie wir in den vergangenen Wochen wieder sehen konnten: Da stritten sich Republikaner und Demokraten über ein Gesetz, mit dem vor allem Indianer benachteiligt werden könnten. Eigentlich ging es um die juristische Verfolgung von Gewalt gegen Frauen, und mit dem Gesetz an sich waren alle einverstanden. Aber einige Republikaner nahmen Anstoß an einem Paragraphen, der speziell Gewalt gegen Frauen in Indianerreservaten betrifft.

Das Gesetz machte es leichter für Reservatsgerichte, gegen Nichtindianer vorzugehen. Wenn also ein "weißer" Ehemann seine "indianische" Frau schlägt, und beide leben im Reservat, könnte er laut dem neuen Gesetz gleich dort vor Gericht gebracht werden, obwohl er US-Bürger ist.

Manche Abgeordnete wandten mit einigem Recht ein, dass der Weiße dann vor einem Indianergericht als Minderheit dastünde. Bekäme er einen fairen Prozess? Möglicherweise nicht. Die Kritiker wollten, dass der Weiße in solchen Fällen an die amerikanische Bundespolizei ausgeliefert und vor eine amerikanische Jury gestellt werden muss.

Eric T. Hansen

© [M] Ralf IlgenfritzEric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Die meisten Deutschen werden nun denken: "Diese Amis behandeln die Indianer wie Dreck, dabei gehört den Indianern eigentlich das Land." Stimmt leider. Aber indem die Deutschen das Verhältnis der USA zu den Indianern nur durch die Winnetou-Brille sehen, verpassen sie eine viel interessantere Story.

Denn solche juristischen Streitereien sind nur möglich, weil die rund 562 Indianerstämme in ihren Reservaten rechtlich gesehen "souverän" sind: Die Stämme machen ihre eigenen Gesetze, kümmern sich um Verwaltung und Infrastruktur, erheben Steuern. Sie können Weißen den Zutritt verbieten und eigene Mitglieder verbannen. Sie sind also quasi fremde Nationen auf amerikanischem Boden.

Ein "Indianer" wird definiert als anerkanntes Mitglied eines anerkannten Stammes: So haben Elvis, Cher, Johnny Depp und Tiger Woods Indianervorfahren, sind aber keine Stammesmitglieder. Andererseits war der US-Vizepräsident Charles Curtis 1933 ein anerkannter Kaw, die lesbische Minnesota-Abgeordnete Susan Allen ist eine Sioux und die Literatin Louise Erdrich, die zum Frauen-Gewalt-Gesetz einen rührenden Protestbrief in der New York Times schrieb, ist Deutsch-Chippewa.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

46 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Geschichte und Rechte

Naja, die Rechte heute lebender Menschen sollte man nicht von jahrhundertealter Besiedlungsgeschichte abhängig machen. Stellen Sie sich das mal in Europa vor...

und zu
"Nachdem man zuvor Millionen Türken abgeschlachtet, oder Seuchen überlassen hat und sie in Reservaten eingepfercht hat, damit man den Rest der Überlebenden auch aus dem Blickfeld hat."

Wessen Vorfahren wo zuerst waren und wem was angetan haben, ist für staatsbürgerschaftliche Rechte unerheblich (oder sollte es zumindest sein).