RechtsradikaleZyperns Goldene Morgenröte marschiert

Rassistisch, europafeindlich und streng hierarchisch: Zyperns rechte ELAM-Partei könnte durch die Krise erstarken – wie das griechische Vorbild. von 

Mitglieder der nationalistischen Elam-Partei auf einer Demonstration in Nikosia am vergangenen Donnerstag

Mitglieder der nationalistischen Elam-Partei auf einer Demonstration in Nikosia am vergangenen Donnerstag  |  © Patrick Baz/AFP/Getty Images

Rund 200 Männer marschieren durch die dunklen Straßen von Nikosia Richtung Parlament. Sie sind schwarz gekleidet, meist in Bomber- oder Lederjacken. Vorne weg geht das sogenannte Sicherheitskomitee: 30 Männer in zwei Reihen, in der einen Hand tragen sie einen Motorradhelm, in der anderen eine wie zum Knüppel aufgerollte griechische Flagge. Oder ein schwarz bemaltes Schild mit einem weißen Schwert darauf, wie zur Abwehr vor den Körper gehalten. Der Rest der Gruppe folgt mit einem großen Transparent, "Nein zur Unterwerfung" steht darauf.

Die Demonstranten sind gespenstisch ruhig. Nur ab und zu schreien sie Parolen: "Zypern, sie verkaufen dich!", ruft etwa einer der Anführer. "Zypern, sie verkaufen dich an fremde Länder!", schallt es zurück, zwei Mal und inbrünstig, aus Hunderten Kehlen junger Männer. Ihre Gesichter sind vor Wut verzerrt. Überall, auf Flaggen, Pullovern und Aufklebern, tragen sie das kantige Logo ihrer Gruppe zur Schau. Elam heißt sie, die nationale Volksfront Zyperns. Die Elam ist die neue radikale Rechte auf der Krisen-Insel: nationalsozialistisch, rassistisch und neo-nazistisch.

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Der Marsch fand am Donnerstagabend statt, am Ende jenes Tages also, an dem die Banken erstmals wieder öffneten und die Weltöffentlichkeit gebannt auf die kleine Insel sah, auf der dann doch alles ruhig blieb. Elam aber kann die Ruhe nicht recht sein. Die Partei, 2008 gegründet, will die Wirtschaftskrise für sich nutzen. Sie hofft auf den Frust ihrer Mitbürger und deren Wut auf die Politiker und die übermächtigen Herrscher in Brüssel und Berlin. Sie wollen ins Parlament einziehen, eines Tages vielleicht so erfolgreich sein wie die Goldene Morgenröte, die Partei ihrer Vorbilder im griechischen Mutterland.

Die Krise hilft den Rechtsextremen

Bei den griechischen Wahlen bekam die Goldene Morgenröte fast sieben Prozent der Stimmen, jetzt sitzt die Partei mit 18 Abgeordneten im Parlament. Die Krise hat sie zu einer echten Macht werden lassen. Auf ihren Demonstrationen kommen schnell einige Tausend zusammen. Droht in Zypern nun Ähnliches? War die bemerkenswerte, aber noch kleine Demo in dieser Woche der Anfang des Aufstiegs von Elam?

Möglich ist es, sagt Yiannos Katsourides. Der Politikwissenschaftler unterrichtet an der Universität in Nikosia und beobachtet Elam intensiv. "Die Krise hilft ihnen sicher. Sie haben nun etwas, dass sie für sich nutzen können", sagt er. Bei den vergangenen Parlamentswahlen 2010 bekam die Partei 4.354 Stimmen, etwas mehr als ein Prozent. Künftig könnten es mehr sein.

Zypern-Chronik

Zwei Dinge wurden Zypern zum Verhängnis: sein Geschäftsmodell und die Nähe zu Griechenland. Wie andere europäische Kleinstaaten – etwa Malta, Luxemburg oder Liechtenstein – förderte das Land den Finanzsektor. Die Regulierer in Brüssel störte das vor der Krise nicht. Steuererleichterungen und hohe Zinsen lockten ausländische Anleger an, vor allem aus Russland. So viel Geld kam ins Land, dass die Bilanzsumme der Banken heute um ein Vielfaches höher ist als die jährliche Wirtschaftsleistung Zyperns. Das System geriet durch den griechischen Schuldenschnitt ins Rutschen. Die zyprischen Banken, die Griechenland viel Geld geliehen hatten, verloren dadurch hohe Summen.

Bankenkrise

Zypern brauchte dringend Geld. Das Problem dabei: Der Staat war hoch verschuldet. Seine Schuldenlast wäre vermutlich untragbar geworden, wenn Europa und der IWF die komplette Finanzlücke einfach durch einen Hilfskredit geschlossen hätten. Zudem zögerten die Geberländer die Rettung hinaus. Nach mehreren Rettungsaktionen innerhalb der Eurozone wuchs in den Geberländern der innenpolitische Widerstand gegen weitere Hilfe – zumal das kleine Zypern für den Rest Europas ökonomisch viel weniger wichtig schien als beispielsweise Spanien oder Italien. Als man sich schließlich auf Rettung einigte, war klar: Zypern sollte zehn Milliarden Euro erhalten, aber weitere 5,8 Milliarden selbst aufbringen.

Wer zahlt?

Die Frage war, woher die 5,8 Milliarden kommen sollten. Es schien naheliegend, die Eigentümer oder Gläubiger der Geldinstitute an deren Rettung zu beteiligen. Doch Zyperns Banken finanzieren sich kaum durch die Ausgabe von Aktien oder Anleihen. Die Banken zu beteiligen heißt in Zypern: Die Anleger müssen zahlen. Dass ursprünglich auch Kleinanleger eine Zwangsabgabe entrichten sollten, war offenbar die Idee des zyprischen Präsidenten Nikos Anastasiades. Dabei sind Guthaben bis 100.000 Euro in der Eurozone eigentlich geschützt. Doch Anastasiades fürchtete, die Großanleger aus Zypern zu vertreiben. Um sie nicht die ganze Last tragen zu lassen, wollte er auch die kleinen Sparer beteiligen. Anastasiades setzte sich durch – vorerst.

Kompromiss

Die Zyprer gingen gegen den Beschluss auf die Straße – und gaben den Deutschen die Schuld für ihre Einbußen. Das zyprische Parlament lehnte den Vorschlag aus Brüssel ebenfalls ab. Doch die anderen europäischen Länder bestanden auf dem Eigenanteil. Eine Woche lang war unklar, wie Zypern diesen finanzieren wollte. Ein sogenannter Plan B wurde verworfen. Währenddessen wuchs die Unsicherheit im Land. Die Banken blieben geschlossen, Kapitalverkehrskontrollen sollten verhindern, dass reiche Anleger ihr Geld außer Landes schafften. In anderen Euro-Ländern blieben die Anleger allerdings ruhig. Eine Woche nach dem ersten Beschluss in Brüssel gab es einen neuen Kompromiss. Jetzt werden Kleinanleger doch verschont, die Großen zahlen dafür mehr. Anastasiades hat verloren. Das Geschäftsmodell Zyperns aber ist zerstört.

Aus Katsourides' Sicht könnte Elam auch davon profitieren, dass die konservative Partei Disy nicht mehr den rechten Rand des Wählerspektrums abdecken kann, seit sie selbst in der Regierung ist und mit Nikos Anastasiadis sogar den Präsidenten stellt. "Die werden den Rettungsplan mittragen und sind damit für die radikaleren Nationalisten nicht mehr wählbar. Dann bleibt nur Elam." Wenn es beispielsweise in einem Jahr Neuwahlen geben sollte, würden die rechtsradikale Partei "ganz sicher deutlich zulegen", sagt Katsourides.

Die Elam-Aktivisten geben selbst nicht offen zu, dass die Krise ihnen nutzen könnte. Ihre Sprachregelung lautet: "Es geht uns nicht um die Partei, es geht um unser Land!" Nur wenn die Aufnahmegeräte aus sind, sagen sie unumwunden: Natürlich ist es gut für unsere Partei, was gerade passiert.

Einer der Wortführer, der 27-jährige Dimitris, erzählt am Rande der Demo die Geschichte der Partei: Wie er und ein paar andere Zyprer 2008 und 2009 als Studenten in Athen dabei waren, als die Krise losbrach und der Aufstieg der Goldenen Morgenröte begann. "Jetzt versuchen wir hier das Gleiche", sagt Dimitris. Experte Katsourides bestätigt: "Sie reproduzieren die Inhalte und die Strategie der Goldenen Morgenröte quasi eins zu eins. Elam ist im Prinzip ein direkter Ableger." Neben dem Kern von Aktivisten, die eine Zeit in Griechenland waren, gehörten vor allem Ultras einiger Fussballklubs auf Zypern zu den Anhängern der jungen Partei.

Leserkommentare
  1. ...funktioniert ebenso eine Wiederholung der Geschichte.

    Auf Gesellschaftszerfall folgt Radikalisierung. - Aber das war bestimmt auch den Euro-Konstrukteuren klar...

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    • Otto2
    • 30. März 2013 21:48 Uhr

    Bleibt die Frage: "Wann, wodurch begann der Gesellschaftszerfall?"
    Weitere Fragen: Wer/was trieb ihn voran? Wer könnte, müsste WAS dagegen tun?

    Hier begann er:

    http://www.faz.net/aktuel...

    Während ich hier immer wieder Berichte lesen muss über Rechtsradikale Eurogegner (Frage an die Redaktion: gibt es keine nicht-rechten Eurogegner in Zypern? Oder sind die nur nicht so medienwirksam...???) findet sich ind der FAZ - auch hier nicht auf der Startseite, aber immerhin! - eine Meldung über einen Bundesbankbericht, in dem bereits vor Einführung kritik laut wurde.

    Dieser Bericht war geheim!

    Wir Bürger sollten uns fragen, warum man uns die Wahrheit verschwiegen hat!

    Diese Frage geht natürlich auch an die Journalisten der ZEIT.

    • russo1
    • 30. März 2013 19:26 Uhr

    und Helme und Shilder dienen der Verteidigung gegen Staatsbrutalität wie das Eindreschen der Euromilizen auf alte Frauen. Fahnen stehen für Transparenz in dem man zu dem steht was man will und Unrecht haben sie auch nicht, wenn sie behaupten, dass ein Ausverkauf des Landes stattfindet. Verkauf ist noch euphemistisch, denn eigentlich ist es Diesbstahl wenn man Konten plündert.
    Und wenn Diebstahl begangen hat man das recht sich zu verteidigen, auch mit Fähnchen und Geschrei.

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    "Schreien für sich ist nicht radikal und Helme und Shilder dienen der Verteidigung gegen Staatsbrutalität wie das Eindreschen der Euromilizen auf alte Frauen."

    Wären Sie eventuell so freundlich, einen Beleg für die auf alte Frauen eindreschenden Euromilizen anzuführen? Widrigenfalls muss ich Ihrer Darstellung eine gewisse Verzerrung vorwerfen.

    "Fahnen stehen für Transparenz in dem man zu dem steht was man will"

    Zu Knüppeln gerollte Fahnen? Transparenz? Finden Sie nicht, die symbolische Gemengelange dieser spätpubertären Selbstinszenierung ließe auch gänzlich andere Schlüsse zu?

    "Und wenn Diebstahl begangen hat man das recht sich zu verteidigen, auch mit Fähnchen und Geschrei."

    Klar, die klassische, seit Jahrhunderten erprobte Reaktion auf Diebstahl. Und offenkundig haben die diebstahlsbewussten Jungs die im Artikel erwähnten beiden nigerianischen Studenten auch mit zu Knüppeln gerollter Transparenz angegriffen? Um mit ihnen über die Staatsgewalt der EU-Tyrannei zu diskutieren?

    • 29C3
    • 30. März 2013 21:55 Uhr

    ist nur traurig, dieses Portal wird zunehmend von europäischen rechten Kräften für ihre billigste und teilweise einfältigste Propaganda misbraucht; Euromilizen stürzen sich auf alte Frauen, ein verletzter 13jähriger wird zum Regelfall, zusammengerollte Fahnen zum Verteidigungswerkzeug, die teils tötliche Hetzjagd auf Schwarze und Afghanen zur Volksverteidigung... verklärt.

    Pfui!

    So lange es bei "Fähnchen und Geschrei" bleibt.

    Die Wut der Leute ist sicher berechtigt. Mal wieder muss das Volk und die Leute, die am wenigsten haben, für die Verfehlungen und Versäumnisse der Politik gerade stehen. Die Zwangsabgabe finde ich an sich eine gute Idee, wenn diese entsprechend des Kontoinhalts gestaffelt wird. Stichwort: Wer viel hat, kann auch viel geben. Nur leider haben die Herren und Damen Entscheider mal wieder nicht bis zu Ende gedacht und übersehen, dass zypriotische Banken auch im Ausland Filialen unterhalten und dort keine Beschränkungen hinsichtlich maximaler Verfügungsbeträge galt. Soll heißen: Die reichen Ausländer, die bis dato vom Steuerparadies profitierten, profitierten nun vom Fililnetz und haben ihr Geld rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Damit ist natürlich auch die Gesamtsumme dessen, was man sich als Einnahmen aus der Zwangsabgabe erhofft hat, merklich geschrumpft. Chapeau!

    Und wenn die Menschen das Gefühl haben, dass ihnen Unrecht widerfährt, radikalisieren sie sich und suchen Schuldige. Die Frage ist nun, auf welcher Seite man diese sucht und ob man ggf. aus Frust, Wut, Verzweiflung und Unkenntnis nicht auch andere Unschuldige angreift. Die Erfahrung zeigt, dass Rechte Schreihälse ihre Angriffe gern auch in Richtung jener lenken, die von allen am allerwenigsten für die Situation können: Nämlich die Schwachen. Angehörige von Minderheiten. All jene, die nicht zur "peer group" gehören. Und da wird's nicht morgenrot, sondern dunkel...

    Die Gelder wurden auf Banken angelegt die Pleite sind..... Jeder Euro der noch da ist ist einer mehr als ohne ihren Diebstahl noch da wäre. Konten werdenalso nicht geplündert sondern inteilen sogar noch erhalten obwohl sie nach den heiligen Gesetzen der Marktwirtschaft verspielt sind, aber die zählen für die Finanzjongleure sowiso nicht mehr nur für die kleineren Leute.

  2. ja, das ist wahr. Auch in dieser Zeitung kam ich mir auf den Kommentarseiten zur Zypernkrise manchmal vor wie in den 70iger am Stammtisch.
    Nur wurde damals wieder und wieder die Schlacht um Stalingrad und überhaupt der 2. Weltkrieg gewonnen während heute es mehr um angebliche nationale Eigenschaften geht.
    Aber atmosphärisch war es gefühlt genauso.

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  3. Ich fordere umgehend einen weiteren Friedensnobelpreis für die EU!

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    Ich kann mich kaum noch dran erinnern, dass die EU und ich einen Friedensnobelpreis bekommen habe.
    Übrigens, habe und würde ihn nie anfordern, jedenfalls nicht als EUist. Denn wir alle sind Schuld, wir haben diese Politik doch gewählt.

    sondern für die "rettende" Troika!

  4. Kaum bricht die Krise aus, meint man das manche Menschen aufhören zu denken. Oder man hat diesen Menschen nur keine Beachtung geschenkt und jetzt durch die Krise rücken sie in den Vordergrund.

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    Politiker, nicht wahr?

  5. 6. [...]

    Entfernt. Verzichten Sie auf die Verbreitung kruder Theorien. Die Redaktion/mak

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    • Goofy1
    • 30. März 2013 19:43 Uhr
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  6. was muss denn alles noch passieren, bevor die politik endlich dieser unsäglcihe rettungsroutine zu einem vernünftigen ende bringt?

    eine rückkehr zum euro als buchgeld - verbunden mit einer rückkehr zur DM, lira, peseta & co als realwährung - wäre doch die lösung. wir hatten das doch schon und alles war und wäre wieder gut. in krisenfällen könnte jedes land dann indivudell ihre währung auf-/abwerten > wie's sich gehört!

    die alternative einer fiskalunion war und ist doch eh nur eine fiktion von euro-fanatikern, wie kohl es war. und da der apfel nicht weit vom stamm fällt, macht 'sein mädel' mit ihrer rigorosen sparpolitik -sie kommt nichtmals aus schwaben, redet aber immer von der hausfrau!- den traum vom ziehvater ständig und beharrlich kaputt!

    was muss passieren, damit mutti wieder ein damskuserlebnis überkommt?!

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    <<< eine rückkehr zum euro als buchgeld - verbunden mit einer rückkehr zur DM, lira, peseta & co als realwährung - wäre doch die lösung. wir hatten das doch schon und alles war und wäre wieder gut. in krisenfällen könnte jedes land dann indivudell ihre währung auf-/abwerten > wie's sich gehört! <<<

    Das entschärft die bestehenden Probleme (unter der Prämisse, dass die aufgelaufenen Schulden mitentwertet würden), ändert aber nichts an dem dysfunktionalen Operationsmodus des Kapitalismus und seiner "Demokratie", dem global fehlenden Wirtschaftswachstum, der dadurch bedingten Massenarbeitslosigkeit, der Einkommensspaltung und vorallem der Machtdisparitäten innerhalb der Gesellschaften, dessen parlamentarische Vetretung i.d.R. nicht undemokratischer und weniger marktkonform als das sich etablierende Kontinentalregime in Brüssel ist.

    Euro als Buchgeld (also als Einheit der Buch- und Kontoführung) + Lokalgeld (würde auf so etwas wie "Chiemgauer" hinauslaufen) wäre ein Modell.

    Alternativ könnte man das Modell Schweiz in Erwägung ziehen:
    Buchgeld ist natürlich der CHF, Konten können optional aber auch in Euro geführt werden. Bei Barzahlungen werden auch Euros angenommen, das Wechselgeld wird jedoch in CHF-Münzen herausgegeben.

    Ich denke, letzteres ist praktikabler.

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