RechtsradikaleZyperns Goldene Morgenröte marschiert

Rassistisch, europafeindlich und streng hierarchisch: Zyperns rechte ELAM-Partei könnte durch die Krise erstarken – wie das griechische Vorbild.

Mitglieder der nationalistischen Elam-Partei auf einer Demonstration in Nikosia am vergangenen Donnerstag

Mitglieder der nationalistischen Elam-Partei auf einer Demonstration in Nikosia am vergangenen Donnerstag

Rund 200 Männer marschieren durch die dunklen Straßen von Nikosia Richtung Parlament. Sie sind schwarz gekleidet, meist in Bomber- oder Lederjacken. Vorne weg geht das sogenannte Sicherheitskomitee: 30 Männer in zwei Reihen, in der einen Hand tragen sie einen Motorradhelm, in der anderen eine wie zum Knüppel aufgerollte griechische Flagge. Oder ein schwarz bemaltes Schild mit einem weißen Schwert darauf, wie zur Abwehr vor den Körper gehalten. Der Rest der Gruppe folgt mit einem großen Transparent, "Nein zur Unterwerfung" steht darauf.

Die Demonstranten sind gespenstisch ruhig. Nur ab und zu schreien sie Parolen: "Zypern, sie verkaufen dich!", ruft etwa einer der Anführer. "Zypern, sie verkaufen dich an fremde Länder!", schallt es zurück, zwei Mal und inbrünstig, aus Hunderten Kehlen junger Männer. Ihre Gesichter sind vor Wut verzerrt. Überall, auf Flaggen, Pullovern und Aufklebern, tragen sie das kantige Logo ihrer Gruppe zur Schau. Elam heißt sie, die nationale Volksfront Zyperns. Die Elam ist die neue radikale Rechte auf der Krisen-Insel: nationalsozialistisch, rassistisch und neo-nazistisch.

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Der Marsch fand am Donnerstagabend statt, am Ende jenes Tages also, an dem die Banken erstmals wieder öffneten und die Weltöffentlichkeit gebannt auf die kleine Insel sah, auf der dann doch alles ruhig blieb. Elam aber kann die Ruhe nicht recht sein. Die Partei, 2008 gegründet, will die Wirtschaftskrise für sich nutzen. Sie hofft auf den Frust ihrer Mitbürger und deren Wut auf die Politiker und die übermächtigen Herrscher in Brüssel und Berlin. Sie wollen ins Parlament einziehen, eines Tages vielleicht so erfolgreich sein wie die Goldene Morgenröte, die Partei ihrer Vorbilder im griechischen Mutterland.

Die Krise hilft den Rechtsextremen

Bei den griechischen Wahlen bekam die Goldene Morgenröte fast sieben Prozent der Stimmen, jetzt sitzt die Partei mit 18 Abgeordneten im Parlament. Die Krise hat sie zu einer echten Macht werden lassen. Auf ihren Demonstrationen kommen schnell einige Tausend zusammen. Droht in Zypern nun Ähnliches? War die bemerkenswerte, aber noch kleine Demo in dieser Woche der Anfang des Aufstiegs von Elam?

Möglich ist es, sagt Yiannos Katsourides. Der Politikwissenschaftler unterrichtet an der Universität in Nikosia und beobachtet Elam intensiv. "Die Krise hilft ihnen sicher. Sie haben nun etwas, dass sie für sich nutzen können", sagt er. Bei den vergangenen Parlamentswahlen 2010 bekam die Partei 4.354 Stimmen, etwas mehr als ein Prozent. Künftig könnten es mehr sein.

Zypern-Chronik

Zwei Dinge wurden Zypern zum Verhängnis: sein Geschäftsmodell und die Nähe zu Griechenland. Wie andere europäische Kleinstaaten – etwa Malta, Luxemburg oder Liechtenstein – förderte das Land den Finanzsektor. Die Regulierer in Brüssel störte das vor der Krise nicht. Steuererleichterungen und hohe Zinsen lockten ausländische Anleger an, vor allem aus Russland. So viel Geld kam ins Land, dass die Bilanzsumme der Banken heute um ein Vielfaches höher ist als die jährliche Wirtschaftsleistung Zyperns. Das System geriet durch den griechischen Schuldenschnitt ins Rutschen. Die zyprischen Banken, die Griechenland viel Geld geliehen hatten, verloren dadurch hohe Summen.

Bankenkrise

Zypern brauchte dringend Geld. Das Problem dabei: Der Staat war hoch verschuldet. Seine Schuldenlast wäre vermutlich untragbar geworden, wenn Europa und der IWF die komplette Finanzlücke einfach durch einen Hilfskredit geschlossen hätten. Zudem zögerten die Geberländer die Rettung hinaus. Nach mehreren Rettungsaktionen innerhalb der Eurozone wuchs in den Geberländern der innenpolitische Widerstand gegen weitere Hilfe – zumal das kleine Zypern für den Rest Europas ökonomisch viel weniger wichtig schien als beispielsweise Spanien oder Italien. Als man sich schließlich auf Rettung einigte, war klar: Zypern sollte zehn Milliarden Euro erhalten, aber weitere 5,8 Milliarden selbst aufbringen.

Wer zahlt?

Die Frage war, woher die 5,8 Milliarden kommen sollten. Es schien naheliegend, die Eigentümer oder Gläubiger der Geldinstitute an deren Rettung zu beteiligen. Doch Zyperns Banken finanzieren sich kaum durch die Ausgabe von Aktien oder Anleihen. Die Banken zu beteiligen heißt in Zypern: Die Anleger müssen zahlen. Dass ursprünglich auch Kleinanleger eine Zwangsabgabe entrichten sollten, war offenbar die Idee des zyprischen Präsidenten Nikos Anastasiades. Dabei sind Guthaben bis 100.000 Euro in der Eurozone eigentlich geschützt. Doch Anastasiades fürchtete, die Großanleger aus Zypern zu vertreiben. Um sie nicht die ganze Last tragen zu lassen, wollte er auch die kleinen Sparer beteiligen. Anastasiades setzte sich durch – vorerst.

Kompromiss

Die Zyprer gingen gegen den Beschluss auf die Straße – und gaben den Deutschen die Schuld für ihre Einbußen. Das zyprische Parlament lehnte den Vorschlag aus Brüssel ebenfalls ab. Doch die anderen europäischen Länder bestanden auf dem Eigenanteil. Eine Woche lang war unklar, wie Zypern diesen finanzieren wollte. Ein sogenannter Plan B wurde verworfen. Währenddessen wuchs die Unsicherheit im Land. Die Banken blieben geschlossen, Kapitalverkehrskontrollen sollten verhindern, dass reiche Anleger ihr Geld außer Landes schafften. In anderen Euro-Ländern blieben die Anleger allerdings ruhig. Eine Woche nach dem ersten Beschluss in Brüssel gab es einen neuen Kompromiss. Jetzt werden Kleinanleger doch verschont, die Großen zahlen dafür mehr. Anastasiades hat verloren. Das Geschäftsmodell Zyperns aber ist zerstört.

Aus Katsourides' Sicht könnte Elam auch davon profitieren, dass die konservative Partei Disy nicht mehr den rechten Rand des Wählerspektrums abdecken kann, seit sie selbst in der Regierung ist und mit Nikos Anastasiadis sogar den Präsidenten stellt. "Die werden den Rettungsplan mittragen und sind damit für die radikaleren Nationalisten nicht mehr wählbar. Dann bleibt nur Elam." Wenn es beispielsweise in einem Jahr Neuwahlen geben sollte, würden die rechtsradikale Partei "ganz sicher deutlich zulegen", sagt Katsourides.

Die Elam-Aktivisten geben selbst nicht offen zu, dass die Krise ihnen nutzen könnte. Ihre Sprachregelung lautet: "Es geht uns nicht um die Partei, es geht um unser Land!" Nur wenn die Aufnahmegeräte aus sind, sagen sie unumwunden: Natürlich ist es gut für unsere Partei, was gerade passiert.

Einer der Wortführer, der 27-jährige Dimitris, erzählt am Rande der Demo die Geschichte der Partei: Wie er und ein paar andere Zyprer 2008 und 2009 als Studenten in Athen dabei waren, als die Krise losbrach und der Aufstieg der Goldenen Morgenröte begann. "Jetzt versuchen wir hier das Gleiche", sagt Dimitris. Experte Katsourides bestätigt: "Sie reproduzieren die Inhalte und die Strategie der Goldenen Morgenröte quasi eins zu eins. Elam ist im Prinzip ein direkter Ableger." Neben dem Kern von Aktivisten, die eine Zeit in Griechenland waren, gehörten vor allem Ultras einiger Fussballklubs auf Zypern zu den Anhängern der jungen Partei.

Leser-Kommentare
    • 29C3
    • 30.03.2013 um 21:55 Uhr

    ist nur traurig, dieses Portal wird zunehmend von europäischen rechten Kräften für ihre billigste und teilweise einfältigste Propaganda misbraucht; Euromilizen stürzen sich auf alte Frauen, ein verletzter 13jähriger wird zum Regelfall, zusammengerollte Fahnen zum Verteidigungswerkzeug, die teils tötliche Hetzjagd auf Schwarze und Afghanen zur Volksverteidigung... verklärt.

    Pfui!

    8 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Danke schön.

    Danke schön.

    • TottiZ
    • 30.03.2013 um 21:56 Uhr

    Als ob es das III. Reich nie gegeben hätte.
    Wann wird der gemeine Staatspolitiker es verstanden haben, das asoziale Politik zum Wohle sehr, sehr weniger reicher Personen, immer gleichzeitig zu Lasten sehr, sehr vieler armer Personen nichts anderes zur Folge hat, als Zulauf zu den rechtsradikalen Parteien und die Aushöhlung und Zerstörung der inneren, wie äußeren demokratischen Stabilität und Sicherheit eines Landes.
    Wann wird der gemeine, zur heutigen Zeit in der Regel höchst asoziale Politiker, als tumbe Marionette des Kapitals, das endlich mal intellektuell erfassen können und im Sinne eines ganzen Volkes demokratisch und human verantwortungsvoll handeln? Vielleicht dann, wenn er sich komplett aus der Abhängigkeit korrupter Banken gelöst hat.

    5 Leser-Empfehlungen
    • TottiZ
    • 30.03.2013 um 21:56 Uhr

    Willkommen im IV. Reich der Asozialisten! Unsere Politiker, auch die in Deutschlands Regierung, sind demokratisch freiheitlich vollkommen überfordert, aber kapitalistisch auf ganzer Linie zum Wohle eines 1-3% betragenden Bevölkerungsanteils in Deutschland. Es stand und steht noch immer das Kapital der kleinsten Bevölkerungsgruppe im Mittelpunkt, aber niemals der Mensch in Gesamtheit. Das Resultat kennen wir alle. Weltweit hat dieses System zu extremer Bereicherung weniger Schuldiger Personen auf Kosten vieler armer Unschuldiger geführt. Überall das gleiche System.
    Seit Jahrzehnten wächst auch in Deutschland die intelligent organisierte braune Brut und der blanke Hass gegen fremde Kulturen ist längst wieder in der Gesellschaft etabliert.
    Der Staat hat dagegen niemals etwas unternommen. Ganz im Gegenteil, und die Armut in Deutschland wächst und wächst und wächst... Der Reichtum wächst genauso schnell, aber nur für die 1-3%.
    Das ist das praktizierte und realisierte Gegenteil des Inhalts eines offiziellen Amtseids als Bundesminister/-in oder Bundeskanzler/-in.

    Wir brauchen endlich verantwortungsbewusste, mutige, humane und soziale Politiker mit einer Vision für die gesamte Bevölkerung eines Landes und nicht nur für Teilgruppen, sowie für ein stabiles, freies und demokratisches Europa und zukünftig für den Planeten genannt Erde.

    2 Leser-Empfehlungen
    • okky
    • 30.03.2013 um 22:03 Uhr

    Bevölkerung im Norden doch Glück gehabt, dass der griechische Teil im Jahr 2004 (im Gegensatz zu den Türken) gegen die Wiedervereinigung gestimmt haben.. Die wären jetzt auch pleite und müssten sich noch mit diesen Nazi-Idioten rumschlagen...

    via ZEIT ONLINE plus App

  1. "Wann, wodurch begann der Gesellschaftszerfall?": Zersetzung der Empathie durch gesteuerte Verlustängste (German Angst) etc. +++

    "Wer/was trieb ihn voran? Wer könnte, müsste WAS dagegen tun?": Egomanie / Neid: "Geiz ist geil". Wir alle, sofern gewillt.

    Sie stellen äußerst schwierige Fragen - Frohe Ostern

  2. Oder gar nicht als so extrem rezipiert. Aber selbst wenn: Bitte machen Sie doch mal einen Schritt zurück von der – ich unterstelle, verzeihen Sie bitte – monokausalisierend Euro-kritischen Perspektive und schauen Sie sich an, WEM Sie hier das Wort reden. Stellen Sie sich doch mal vor, eine zweihundert Mann starke, militärisch strukturierte Abteilung der NPD läuft vollbewaffnet durch eine deutsche Stadt und ergeht sich lächelnd in Zweideutigkeiten, an wem sie ihre puerilen Gewaltphantasien auszuleben gedenkt. Und dann kommt einer und faselt wolkig von Euromilizen, deren planvolles, zivilen Widerstand legitimisierendes Handeln sich aus einem spanischen Amateurvideo herleiten solle. Wären Sie mit der Angemessenheit dieser Argumentation einverstanden?

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Schon vergessen,"
  3. 31. .....

    Danke schön.

    • 29C3
    • 30.03.2013 um 22:24 Uhr

    ... laufen verletzte 13-jährige rum... und die Euromilizen marschieren durch die Städte. ;-)

    Antwort auf "O heilige Einfalt!"

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