AfghanistanDie Isaf-Partner gehen auseinander

Die Deutschen bilden aus, die Franzosen wollen ganz gehen, die USA planen Militäreinsätze: Für den Afghanistan-Abzug gibt es keinen einheitlichen Plan. von 

Afghane und US-Soldaten

Ein Afghane und US-Soldaten in Pa'in Kala in der Provinz Kandahar, Februar 2013  |  © REUTERS/Andrew Burton

Gemeinsam rein, zusammen raus – das sei die Strategie der Nato und ihrer Partner für den Afghanistaneinsatz, heißt es unter Politikern und Militärs der Truppensteller. Doch so einheitlich, wie es von den Verantwortlichen beschworen wird, sehen die einzelnen Abzugspläne gar nicht aus. Noch stellen die 50 Partnernationen der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) rund 100.000 Soldaten. Zwei Drittel davon kommen aus den Vereinigten Staaten. Bereits 2014 sollen fast alle Kampftruppen abgezogen sein.

Wie das aussehen wird, darüber gibt es noch unterschiedliche Meinungen. So überraschte die US-Regierung jüngst ihre Verbündeten mit Gedankenspielen, Tausende Soldaten schneller abzuziehen als bislang vereinbart war. Bisher hatte das Weiße Haus angekündigt, im November 2013 das Kontingent auf 50.000 Mann zu reduzieren, im Februar 2014 sollen es dann noch 34.000 sein.

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Die Bundeswehr wird auch nach 2014 am Hindukusch sein – aber nur noch zum Ausbilden und Beraten, nach dem Abzug der Kampftruppen sollen Trainer der Bundeswehr im Land bleiben. Für deren Schutz und Versorgung werden einige Hundert deutsche Soldaten in Afghanistan abgestellt. Details stehen noch nicht fest.

2001 wurde vom Kampf für Menschenrechte und Demokratie gesprochen

Zur Zeit sind rund 4.300 deutsche Soldaten in Afghanistan im Einsatz. Noch gibt es neben dem Hauptquartier in Masar-i-Scharif zwei weitere große Feldlager. Im Frühjahr sollen jedoch das OP (Observation Point) North in Baghlan und zum Jahresende dann das Camp in Kundus an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben werden. Deutschland zieht sich also aus der Fläche zurück.

Als 2001 der Afghanistan-Einsatz geplant wurde, hatten deutsche Politiker vom Kampf für Menschenrechte und Demokratie gesprochen. Heute klingen die Verantwortlichen in Berlin nüchterner. "Wer glaubt, wir könnten am Hindukusch europäische Verhältnisse schaffen, der irrt", sagte Westerwelle bereits 2010. "Unser Ziel muss ein Zustand in Afghanistan sein, der gut genug ist. Gut genug heißt, dass die Afghanen selbst in der Lage sind, in ihrem Land für hinreichende Stabilität zu sorgen." Deutschland könne seine Soldaten nicht erst zurückholen, wenn aus Afghanistan so etwas wie die Schweiz Zentralasiens geworden sei, sagte der Außenminister im vergangenen Jahr.

Inzwischen laufen zwar auch internationale Planungen für eine Nachfolgemission der Isaf, doch wie viele Soldaten von welchem Truppenhersteller für Training und Beratung der afghanischen Streitkräfte im Land bleiben, steht noch nicht fest. Ganz raus aus Afghanistan will Frankreich. Die Regierung in Paris hat in Mali einen neuen Auslandseinsatz begonnen und will verhindern, dass die Folgemission der Isaf weitere Jahre Truppen bindet. Kleinere Länder wie Österreich, das momentan die Isaf mit drei Soldaten unterstützt, Bosnien-Herzegowina (53), Ukraine (24), Singapur (39) oder El Salvador (12), spielen in der künftigen Planung der Truppensteller keine Rolle – ihr Einsatz ist auch nur symbolisch.

Die großen Isaf-Partner, Großbritannien mit bisher 9.000 Militärs oder Italien mit 4.000 Soldaten, wollen ihre Engagements fortsetzen. Italiens Ministerpräsident Mario Monti hat angekündigt, sich an einer Folgemission am Hindukusch zu beteiligen. Ob diese Haltung auch von einem Nachfolger Montis beibehalten wird, bleibt offen. Die Regierung in London orientiert sich vor allem an der Strategie der Vereinigten Staaten.

Leserkommentare
  1. Ein "Zusammen" gab es dort nie.
    Nicht ein Tag das nicht irgend ein Mitglied der Bundeswehr in Afghanistan sich mir gegenüber abfällig über die Amerikaner in Afghanistan geäußert hätte.

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    mit wem haben sie denn da gesprochen? Die Kameraden die ich kenne, waren immer heilfroh, dass nur die Amerikaner "beknackt" genug waren um auf einem aktiven Gefechtsfeld MedEvac zu fliegen. Und Luftunterstützung kam auch nur von den Amis?
    Von daher kann ich ihre Aussage nicht nachvollziehen.

    nun bei der ISAF haben sie es mit ca. 27 Gegnern zu tun- oder auch- "Freunden, die es nur gut meinen"- was bekanntlich allzu häufig das Gegenteil von gut ist. Das machte die ganze Sache nicht einfacher- im Gegenteil. Die hier zitierten Aussagen Westerwelles verraten da einmal mehr die mangelnde Einarbeitung in tribalistische Systeme auch im Außenamt.
    Alleine "Demokratie und Menschenrecht"- letztlich trafen da 27 verschiedene Definitionen auf teilweise bereits zerstörte Patronagesysteme, die per se durchaus auch ihre basisdemokratischen Charakterzüge aufweisen. Und- auch wenn es vielleicht keinen erneuten Bürgerkrieg nach 2014 geben wird- die von mächtigen War-/ Landlords erkauften Sicherheiten können so fast nur einmal mehr zur Knechtung und Ausplünderung des Gros der Bevölkerung führen. Das ist tragisch genug- und es spricht Bände über die mangelnde "Nachhaltigkeit" des vorwiegend mit militärischer Perspektive geführten Einsatzes.
    Ich werde nicht müde werden zu wiederholen, dass man gerade vom alten Freund Deutschland am Hindukusch mehr erwartet hatte. Der Chef der Feuerwehr Kabul, mit dem ich einst unser "nachhaltiges urbanes Wassermanagement-Konzept" für einen Teil der Altstadt erörterte- er verabschiedete mich mit den Worten, die besten Ideen seien immer aus D und aus Indien nach Af gekommen. Letztlich ein gescheitertes "Pilotprojekt", für das nachher keiner der vielen entscheidenden Technokraten den Mut hatte - obwohl es vorher hieß, man brauche ja "Pilotprojekte".

  2. Die afghanischen Sicherheitskräfte sind jetzt schon notorisch unzuverlässig, demoralisiert und hochgradig ineffizient. Es existiert weder ein gehärteter Kern um den man die Armee strukturieren könnte noch eine Idee, die die Soldaten motiviert.
    Die momentanen Desertationsraten der ANA liegen bei 30% p.a. bei der ANP sollten sie sogar noch drüber liegen. Ohne die großangelegte Unterstützung des Westens werden sich die Desertationsraten noch einmal erhöhen.

    Die Idee, von Training und Strikemissions auf HVTs funktioniert aber nur, wenn die ANA in der Lage ist, die Situation im Land weitgehend ruhig zu halten. Dummerweiße ist sie das nicht!

    Wieder mal ein klarer Fall von "Wasch mich, aber mach mich nicht nass"
    Entweder führt man einen Krieg richtig oder man lässt es ganz bleiben. Aber dieses kosmetische rumvegetieren hält hier nur einen sterbenden vom Tod ab.

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  3. mit wem haben sie denn da gesprochen? Die Kameraden die ich kenne, waren immer heilfroh, dass nur die Amerikaner "beknackt" genug waren um auf einem aktiven Gefechtsfeld MedEvac zu fliegen. Und Luftunterstützung kam auch nur von den Amis?
    Von daher kann ich ihre Aussage nicht nachvollziehen.

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    ja, nachvollziehen konnte ich das auch nicht. aber mir gegenüber wurde es immer so hingestellt als seine die "Cowboys" mit ihrer "Cowboymentalität" verantworlich für alle Probleme und die Bundeswehr seien die Guten und hätten die bessere Strategie und besseres Konzept usw usw...
    Ich muß aber zugeben das ich nicht mit Kampftruppen in Kontakt kam sondern mehr mit der Standortverwaltung.

    • persef
    • 10. April 2013 16:09 Uhr

    Auch von der Realität scheinen sich die ISAF Partner zwar in unterschiedliche Richtungen, aber doch konstant zu entfernen.

    Der ganze Djihadkrempel beruht auf eklatantem Bildungsmangel und dem unregelmässigen Nichtvorhandensein von grundlegenden Produkten fürs pure Überleben (va. Essen&Trinkwasser). Angereichert wird das durch unzureichende Werkzeuge (und deren Unverständnis) sowie einer unsicheren Rechts/Sicherheitssituation für Individuen. Zusammenfassend also eine Art europ. Mittelalter plus Handy & AK47.

    Warum reagiert man nicht darauf, zb.
    - Nahrungsmittel als strategisches Instrument begreifen, eine Weltbank für Getreide gründen und damit die Preise da stabil halten, in dem alle genug Geld verdienen können, um sich selbst zu ernähren und (Klein-)Bauern eine sichere Existenz haben
    - Erfolgsrezepte aus dem Mittelalter kopieren: Hanse, Handelsstädte, Handwerkszünfte und nicht vergessen: Alle hatten Stadtmauern (im Zweifel einen Historiker einladen und nach Tipps befragen)
    - Bildung dezentral fördern: Jeder der den Nachweis bringen kann, dass er (grundlegende) Sätze lesen kann bekommt 200 Euro. Das wären in Afg. ~6 Mrd. Euro. Vom Geld (=1 afgh. Jahreslohn!) kann ein Lehrer bezahlt werden und es bleibt genug übrig, dass die Leute es als Arbeit begreifen. Koordinieren muss man nichts, man muss es nur bekannt machen und die Abfragemöglichkeit schaffen.

    Der Rest gibt sich dann (fast) von selbst.. Aber stimmt, mir fehlen die Sternchen auf der Schulterklappe *do'oh*!

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    • Bashu
    • 10. April 2013 16:22 Uhr

    wurden eigentlich gebaut?

    • Bashu
    • 10. April 2013 16:18 Uhr

    Die Amerikaner sind also die Chirurgen, die das Krebsgeschwür im mittleren Osten zu behandeln suchen. Krebs behandelt, Patient tot, Mission accomplished.

    Amerika. Gott in Weiß.

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    • Bashu
    • 10. April 2013 16:22 Uhr

    wurden eigentlich gebaut?

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  4. ja, nachvollziehen konnte ich das auch nicht. aber mir gegenüber wurde es immer so hingestellt als seine die "Cowboys" mit ihrer "Cowboymentalität" verantworlich für alle Probleme und die Bundeswehr seien die Guten und hätten die bessere Strategie und besseres Konzept usw usw...
    Ich muß aber zugeben das ich nicht mit Kampftruppen in Kontakt kam sondern mehr mit der Standortverwaltung.

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    Antwort auf "Ach wirklich..."
  5. nun bei der ISAF haben sie es mit ca. 27 Gegnern zu tun- oder auch- "Freunden, die es nur gut meinen"- was bekanntlich allzu häufig das Gegenteil von gut ist. Das machte die ganze Sache nicht einfacher- im Gegenteil. Die hier zitierten Aussagen Westerwelles verraten da einmal mehr die mangelnde Einarbeitung in tribalistische Systeme auch im Außenamt.
    Alleine "Demokratie und Menschenrecht"- letztlich trafen da 27 verschiedene Definitionen auf teilweise bereits zerstörte Patronagesysteme, die per se durchaus auch ihre basisdemokratischen Charakterzüge aufweisen. Und- auch wenn es vielleicht keinen erneuten Bürgerkrieg nach 2014 geben wird- die von mächtigen War-/ Landlords erkauften Sicherheiten können so fast nur einmal mehr zur Knechtung und Ausplünderung des Gros der Bevölkerung führen. Das ist tragisch genug- und es spricht Bände über die mangelnde "Nachhaltigkeit" des vorwiegend mit militärischer Perspektive geführten Einsatzes.
    Ich werde nicht müde werden zu wiederholen, dass man gerade vom alten Freund Deutschland am Hindukusch mehr erwartet hatte. Der Chef der Feuerwehr Kabul, mit dem ich einst unser "nachhaltiges urbanes Wassermanagement-Konzept" für einen Teil der Altstadt erörterte- er verabschiedete mich mit den Worten, die besten Ideen seien immer aus D und aus Indien nach Af gekommen. Letztlich ein gescheitertes "Pilotprojekt", für das nachher keiner der vielen entscheidenden Technokraten den Mut hatte - obwohl es vorher hieß, man brauche ja "Pilotprojekte".

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Mario Monti | Afghanistan | Atomprogramm | Auslandseinsatz | Bundeswehr | Drohne
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