Es war nur eine Kundgebung von vielen, die heute regelmäßig in ganz Marokko stattfinden. Diesmal ging es gegen steigende Lebensmittelpreise und für mehr gewerkschaftliche Rechte, 10.000 Menschen waren dafür Ende März in der Hauptstadt Rabat zusammengekommen. Seit dem arabischen Frühling sind Demonstrationen in Nordafrika zwar normal, doch das moderne Marokko ist besonders: Seine Machthaber reagieren auf den Unmut der Menschen. In Marokko ist das zuerst immer der König selbst, nach ihm folgt die gewählte Regierung aus Islamisten und Linken. Ihr gemeinsames Ziel: Mithilfe von Reformen der Unzufriedenheit die Schärfe zu nehmen.

Wer verstehen will, wie das funktionieren kann, kann sich zum Beispiel mit Lahcen Sabirs und seinen Anhängern treffen. Sabir war sein Leben lang Oppositioneller. Als Mitglied einer verbotenen marxistischen Partei verbrachte er mehr als acht Jahre im Gefängnis, in den bleiernen siebziger Jahren unter der Herrschaft von Hassan II., als Marokko noch eine absolute Monarchie war. Heute sitzt er im Garten des Marrakescher Büros des Nationalen Menschenrechtsrates, dessen Mitglied er ist. Lahcen Sabirs Hand zittert leicht, wenn er seine Zigarette zum Mund führt, sich von Marrakeschs Frühlingssonne wärmen lässt und mit seinen Mitstreitern scherzt.

Seinen Freunden ziehen ihn auf: "Vom Staatsfeind zum respektablen Verfassungsorgan, nicht schlecht!" Doch wer hat sich wirklich gewandelt: Sabir oder das marokkanische Regime? "Beide", meint Mustapha Laarissa, der Vorsitzende des Menschenrechtsrates in Marrakesch. "Die Machthaber haben verstanden, dass sie keine Wahl haben, als die Macht zu teilen und sich anzupassen, wenn sie überleben wollen. Und wir Linke haben kapiert, dass die Menschen sich nicht von unseren großartigen Parolen ernähren können, sondern dass Wandel nur schrittweise möglich ist."

Ob Mohammed VI. seine Reformversprechen ernst meinte, weiß niemand

Die Institution des Menschenrechtsrates zeigt anschaulich, auf welche Weise Marokko diesen Wandel versucht. Der König hat ihn 2011 eingesetzt und als unabhängiges Organ mit politischen Vollmachten ausgestattet. Inzwischen ist es ein gegenseitiges Sich-an-der-Nase-Herumführen, ein So-Tun-Als-Ob zwischen dem Monarchen und Marokkos Reformern, bei dem am Ende, fast unbeabsichtigt von beiden Seiten, kleine Fortschritte herauskommen.

"Der König hat den Menschenrechtsrat eingeführt, um gut dazustehen, als ob ihm etwas daran läge, die Menschenrechte zu respektieren", resümiert Yassin Adnan, ein weiterer Aktivist, von Beruf Fernsehjournalist und Literaturkritiker. "Für uns war in den 1990er Jahren der Deckmantel der Menschenrechte die einzige Möglichkeit, um politisch aktiv zu sein. Am Ende haben wir einiges bewirkt, obwohl sowohl für uns als auch für das Regime die Menschenrechte ursprünglich nur als Fassade dienten."

Eine Lesart, die auch auf die gesamte politische Entwicklung der vergangenen zwei Jahre übertragbar ist. Als im Februar 2011 der arabische Frühling auf Marokko überschwappte und Tausende auf den Straßen tiefgreifende Reformen forderten, da reagierte der seit 1999 amtierende König Mohammed VI. blitzschnell, so, als ob er nur darauf gewartet hätte: Er versprach eine Verfassungsreform, Neuwahlen, eine konstitutionelle Monarchie.

Ob Mohammed VI. das auch wirklich so meinte, weiß heute niemand, doch Marokkos Reformer nahmen ihn beim Wort, so, als ob sie ihm seinen Willen zum Wandel abkauften. Zwei Jahre später gibt es eine neue Verfassung, und die Islamisten des PJD, der "Partei der Gerechtigkeit und Entwicklung", regieren zum ersten Mal in der Geschichte Marokkos. Und: Sie koalieren mit den Exkommunisten des PPS, der Partei des Fortschritts und des Sozialismus.