In Debatten über globale Migration taucht inzwischen vermehrt der Begriff "Klimaflüchtling" auf. Je nach Lesart wird dieser als unsere Sicherheit und unseren Wohlstand bedrohende Konsequenz der globalen Erwärmung oder sein Schicksal als zwangsläufige humanitäre Katastrophe skizziert. Beide Sichtweisen verkennen aber die Komplexität von Migrationsprozessen und die völkerrechtlichen Besonderheiten des internationalen Flüchtlingsschutzes.

Richtig ist, dass schleichende Umweltveränderungen und Naturkatastrophen in Folge des Klimawandels weiter zunehmen werden und dass dies auch das Migrationsverhalten der Betroffenen, speziell unter Armutsbedingungen, beeinflussen kann. Richtig ist auch, dass es der internationalen Politik an geeigneten Instrumenten und Regelwerken fehlt, um umweltbedingter Migration sinnvoll zu begegnen, zumal wenn sie grenzüberschreitend ist. Menschen, die aufgrund einer Überschwemmung oder anderer Naturkatastrophen ihr Herkunftsland verlassen, drohen bislang durch das Raster internationaler Schutzrechte zu fallen.

Die mediale Aufregung um Millionen von Klimaflüchtlingen geht dennoch in wesentlichen Punkten am Problem vorbei. Die von Norwegen und der Schweiz gegründete Nansen-Initiative – benannt nach dem ersten Flüchtlingskommissar des Völkerbundes Fridtjof Nansen – hat es sich daher zum Ziel gesetzt, den rechtlichen Schutz von Menschen zu verbessern, die von Naturkatastrophen zur Flucht ins Ausland gezwungen werden.

Beschränkung auf Klimaflüchtlinge ignoriert andere Naturereignisse

Die Initiative ist schon deshalb wichtig, weil sie den Zusammenhang von Migration und Umweltkatastrophen in den Blick nimmt und sich nicht auf Folgen des Klimawandels beschränkt. Zwar erregt gerade die Frage nach den Auswirkungen des Klimawandels auf Migrationsverhalten besondere Aufmerksamkeit. Doch ob eine Flutkatastrophe oder ein Wirbelsturm bereits eine direkte Folge der globalen Erwärmung ist oder nicht, lässt sich absehbar nicht seriös beantworten. Zudem würde eine Beschränkung auf Klimaflüchtlinge die Migration in Folge anderer, eindeutig nicht klimatisch bedingter Naturereignisse wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche außer Acht lassen. Wie aber will man politisch rechtfertigen, die Schutzrechte des Opfers einer Überschwemmung zu verbessern, nicht jedoch die eines Erdbebenopfers?

Nun ist auch die Nansen-Initiative zunächst recht eng gefasst und lässt einige Fragen unbeantwortet. So ist die genaue Definition derjenigen, deren Schutzrechte verbessert werden sollen, weitaus schwieriger als es auf den ersten Blick scheint. Denn Migration ist selten allein auf Umweltgründe zurückzuführen. Soziale, wirtschaftliche oder politische Faktoren spielen bei Migrationsentscheidungen fast immer eine wichtige Rolle. Ist ein afrikanischer Kleinbauer, der wegen seines erodierten Bodens und daraus folgenden Ernterückgängen migriert, gleich ein Umweltmigrant? Oder ist er wegen fehlender alternativer Beschäftigungsmöglichkeiten ein Wirtschaftsmigrant? Es ist kaum möglich, solche Fragen eindeutig zu beantworten.

Ebenso wenig kann man eine klare Trennlinie zwischen freiwilliger und erzwungener Migration ziehen. Klar ist allenfalls, dass Migration als Reaktion auf Umweltwandel in den wenigsten Fällen als Flucht im Sinne einer Rettung von Leib und Leben oder Hab und Gut beschrieben werden kann. Nach jetzigem Kenntnisstand handelt es sich vielmehr um die freiwillige Migration einzelner Mitglieder vorwiegend kleinbäuerlicher Haushalte, die – meist zeitlich begrenzt – an einen anderen Ort gehen, um dort zu leben und zu arbeiten.