KlimawandelDie neuen Flüchtlinge

Es müssen nicht gleich Dürren oder Stürme sein: Veränderungen der natürlichen Umwelt führen zu Migration. Doch was genau sind Umweltflüchtlinge und wie schützt man sie? von Benjamin Schraven und Steffen Bauer

Überflutungen südlich von Djakarta

Überflutungen südlich von Djakarta in Indonesien, Januar 2012  |  © AFP PHOTO / Bay ISMOYO

In Debatten über globale Migration taucht inzwischen vermehrt der Begriff "Klimaflüchtling" auf. Je nach Lesart wird dieser als unsere Sicherheit und unseren Wohlstand bedrohende Konsequenz der globalen Erwärmung oder sein Schicksal als zwangsläufige humanitäre Katastrophe skizziert. Beide Sichtweisen verkennen aber die Komplexität von Migrationsprozessen und die völkerrechtlichen Besonderheiten des internationalen Flüchtlingsschutzes.

Die Autoren

Benjamin Schraven und Steffen Bauer sind Wissenschaftliche Mitarbeiter in der Abteilung "Umweltpolitik und Ressourcenmanagement" am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Das DIE zählt weltweit zu den führenden Thinktanks zu Fragen globaler Entwicklung.

Richtig ist, dass schleichende Umweltveränderungen und Naturkatastrophen in Folge des Klimawandels weiter zunehmen werden und dass dies auch das Migrationsverhalten der Betroffenen, speziell unter Armutsbedingungen, beeinflussen kann. Richtig ist auch, dass es der internationalen Politik an geeigneten Instrumenten und Regelwerken fehlt, um umweltbedingter Migration sinnvoll zu begegnen, zumal wenn sie grenzüberschreitend ist. Menschen, die aufgrund einer Überschwemmung oder anderer Naturkatastrophen ihr Herkunftsland verlassen, drohen bislang durch das Raster internationaler Schutzrechte zu fallen.

Anzeige

Die mediale Aufregung um Millionen von Klimaflüchtlingen geht dennoch in wesentlichen Punkten am Problem vorbei. Die von Norwegen und der Schweiz gegründete Nansen-Initiative – benannt nach dem ersten Flüchtlingskommissar des Völkerbundes Fridtjof Nansen – hat es sich daher zum Ziel gesetzt, den rechtlichen Schutz von Menschen zu verbessern, die von Naturkatastrophen zur Flucht ins Ausland gezwungen werden.

Beschränkung auf Klimaflüchtlinge ignoriert andere Naturereignisse

Die Initiative ist schon deshalb wichtig, weil sie den Zusammenhang von Migration und Umweltkatastrophen in den Blick nimmt und sich nicht auf Folgen des Klimawandels beschränkt. Zwar erregt gerade die Frage nach den Auswirkungen des Klimawandels auf Migrationsverhalten besondere Aufmerksamkeit. Doch ob eine Flutkatastrophe oder ein Wirbelsturm bereits eine direkte Folge der globalen Erwärmung ist oder nicht, lässt sich absehbar nicht seriös beantworten. Zudem würde eine Beschränkung auf Klimaflüchtlinge die Migration in Folge anderer, eindeutig nicht klimatisch bedingter Naturereignisse wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche außer Acht lassen. Wie aber will man politisch rechtfertigen, die Schutzrechte des Opfers einer Überschwemmung zu verbessern, nicht jedoch die eines Erdbebenopfers?

Nun ist auch die Nansen-Initiative zunächst recht eng gefasst und lässt einige Fragen unbeantwortet. So ist die genaue Definition derjenigen, deren Schutzrechte verbessert werden sollen, weitaus schwieriger als es auf den ersten Blick scheint. Denn Migration ist selten allein auf Umweltgründe zurückzuführen. Soziale, wirtschaftliche oder politische Faktoren spielen bei Migrationsentscheidungen fast immer eine wichtige Rolle. Ist ein afrikanischer Kleinbauer, der wegen seines erodierten Bodens und daraus folgenden Ernterückgängen migriert, gleich ein Umweltmigrant? Oder ist er wegen fehlender alternativer Beschäftigungsmöglichkeiten ein Wirtschaftsmigrant? Es ist kaum möglich, solche Fragen eindeutig zu beantworten.

Ebenso wenig kann man eine klare Trennlinie zwischen freiwilliger und erzwungener Migration ziehen. Klar ist allenfalls, dass Migration als Reaktion auf Umweltwandel in den wenigsten Fällen als Flucht im Sinne einer Rettung von Leib und Leben oder Hab und Gut beschrieben werden kann. Nach jetzigem Kenntnisstand handelt es sich vielmehr um die freiwillige Migration einzelner Mitglieder vorwiegend kleinbäuerlicher Haushalte, die – meist zeitlich begrenzt – an einen anderen Ort gehen, um dort zu leben und zu arbeiten.

Leserkommentare
  1. "Das vorherrschende nationalstaatliche Paradigma, wonach Migration vor allem zu begrenzen und einzudämmen ist, scheint angesichts der realen Herausforderungen nicht mehr zeitgemäß."

    Oder aber die einzig richtige Strategie.

    8 Leserempfehlungen
  2. "Auch wenn ein direkter kausaler Zusammenhang zwischen globalem Klimawandel und individueller Migrationsentscheidung nicht eindeutig nachzuweisen ist, bleibt doch Migration eine legitime Anpassungsstrategie, deren Bedeutung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten kaum abnehmen wird. Das Gegenteil ist viel wahrscheinlicher."

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    mit: mauern bauen? zäune errichten? gräben ausheben?

  3. mit: mauern bauen? zäune errichten? gräben ausheben?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Da gibt es eine Region, wo genau das sinnvoll ist und auch demnächst geschehen wird:

    "In der Nacht auf Freitag haben Schleuser an der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei auf Beamte der europäischen Grenzagentur Frontex geschossen. Kurz nachdem die Frontex-Beamten das Schleuser-Boot auf dem griechisch-türkischen Grenzfluss Evros entdeckt hatten, eröffneten die Schleuser das Feuer."

    Die Beamten wären sicher froh über Mauern und Zäune. Das stellt sich natürlich anders da, wenn man statt am Evros daheim auf dem Sofa sitzt.

  4. Und jedes Jahr wird es Kälter stürmischer und der Winter länger .
    Klimawandel sollte eigentlich Temperaturanstig und nicht Heizkostenanstieg bedeutet.
    Auch Vergleiche zu Wüsten wo es Nachts sehr Kalt wird ,sind unangebracht
    wird aber gerne benutzt, denn auch die Sommer sind kürzer und Kälter geworden

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jp

  5. 5. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/jp

    • persef
    • 10. April 2013 18:53 Uhr

    politisch korrekte "Klimaasyl".

    Der Begriff wird herangezogen werden, um herauszustellen, dass die betroffenen Menschen von einer Katastrophe fliehen für deren Ursache sie keine Verantwortung tragen, gegen die sie sich nicht wehren können (ausser natürlich zu uns zu kommen), und um die humanitäre Unabwendbarkeit begrifflich zu pointieren, wegen derer wir sie bei uns vorbehaltlos aufnehmen müssen (fettgedruck, wahlweise auch kursiv).

    7 Leserempfehlungen
  6. kleinbäuerlicher Haushalte"- so wird hier der derzeitige allgemeine "Kenntnisstand" angegeben. Dennoch- die hier vorgestellte "Nansen-Initiative", die da von der Schweiz und Norwegen- also klassisch neutralen- und nicht unbedingt armen Ländern ausgearbeitet wurde ist endlich einmal ein Schritt in die richtige Richtung, um den lange präsenten Phänomenen der Migration auf dem "Planeten der Slums" zu begegnen.
    Auch die Schwachpunkte, die hier benannt werden machen durchaus Sinn - die Fokussierung auf grenzüberschreitende Flüchtlingsbewegungen schließt nicht nur den chinesischen Wanderarbeiter aus sondern auch die vielen Kriegsflüchtlinge etwa, die Kabul zur am schnellsten wachsenden Stadt Zentralasiens haben anwachsen lassen mit derzeit 5-6 Millionen Einwohnern - geschätzte 70 -80 % davon in "informellen Siedlungen" hausend - also - Kanonenfutter für War- und Landlords.
    Und - die vielen Kleinbauern, die durch Großkonzerne oder durch staatliche oder supranationale Subventionspolitik in den Ruin getrieben werden und so zudem zur Landflucht - meist eben auch innerhalb der eigenen Landesgrenzen gezwungen werden - oder - die, wie in Indien zuletzt gehäuft dann Suizid begehen - es gibt da sehr viele Kategorien von Klimaflüchtlingen.
    Manche Kommentare hier indes verdeutlichen hingegen einmal mehr, wie bequem und ignorant da viele im Norden auf den Süden des Globus hinuntersehen und nicht merken, dass sie eigentlich im Tal der Ahnungslosigkeit von der Welt stehen.

    4 Leserempfehlungen
  7. [...]

    Dieses grüne Social Engineering, sehe ich als eine hochgefährliche Manipulationsmethode an, die völlig am Problem vorbeimanovriert. Neu ist nicht der Klimawandel. Den gibt es schon länger als den Menschen. Neu ist auch nicht die Leichtgläubigkeit der Menschen. Neu sind nur die modernen Ausbeutungsmethoden und neokoloniale Einflüsse auf bestimmte Länder, die nicht selten, ähnlich Heuschreckenschwärmen, durch selbsternannte Weltpolizisten heimgesucht werden, um sich derer Ressourchen zu bemächtigen. Zurück bleiben oft, gesellschaftlich zerüttete und wirtschaftliche labile Staatsgebilde, die auch den völlig normalen Klimaschwankungen nichts entgegenzusetzen haben.

    Das denkbar einfachste Mittel vom eigentlichen Problem abzulenken ist, Propagandaschlagworte zu erfinden und die Massenmedien als Plattform zu benutzen.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und Spekulationen. Danke, die Redaktion/jp

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Klimawandel | UN | Dürre | Flutkatastrophe | Migration | Naturkatastrophe
Service