Was treibt Kim Jong Un? Ist der junge Diktator aus Nordkorea womöglich wahnsinnig? Die hässlichen Drohungen, die er und sein Regime Richtung Südkorea und USA schicken, sind kaum einzuschätzen. Sie erzeugen aber Spannungen in Ostasien, die niemand will. Und sie erhöhen die Gefahr unbeabsichtigter Scharmützel. Kaum jemand rechnet allerdings mit einer echten Eskalation. Gerade erst hat der Militärhistoriker Robert M. Farley vor dem Hintergrund der Korea-Krise treffend nachgezeichnet, dass richtige Kriege sehr selten unbeabsichtigt ausbrechen. Dazu trägt im Übrigen auch das besonnene Vorgehen der Obama-Regierung bei.

Wer hätte auch einen Nutzen von einem Krieg auf der koreanischen Halbinsel? Sollten die Kriegsdrohungen wahr werden, käme dies angesichts der militärischen Stärke Südkoreas und vor allem der US-Streitkräfte in der Region einer Selbstvernichtung des Kim-Regimes gleich. Für die Koreaner wäre es zudem ein Krieg unter Landsleuten. Und die Südkoreaner mögen sich nur ungern die unermesslichen Kosten einer Wiedervereinigung mit dem Norden vorstellen.

Was diese Krise so schwierig macht, ist die Tatsache, dass über kaum eine Herrschaftselite so wenig bekannt ist wie über jene Nordkoreas. Es sind gerade einmal 200 Familien, die das Land unter ihre Knute genommen haben, viele ihrer Mitglieder sind mit dem Militär verbunden. Rational ist ihr Streben, ihre Macht durch Raketen und Atomwaffen abzusichern. Dazu passt auch, dass man angekündigt hat, die umstrittene Atomanlage in Yongbyon wieder hochzufahren – ein Schlag gegen die Bemühungen der USA, Chinas und anderer Länder, wieder Abrüstungsverhandlungen mit Pjöngjang zu führen.

Warum wurde Kaesong geschlossen?

Irrational erscheint dagegen, die Wirtschaftszone Kaesong zumindest vorübergehend zu schließen, wie am Montag geschehen. 53.000 nordkoreanische Arbeiter sind dort beschäftigt und erwirtschaften wichtige Devisen für das Regime. Die Sonderwirtschaftszone ist die einzige direkte Verbindung zwischen den beiden koreanischen Staaten, dort fertigen Nordkoreaner Haushaltsgüter für südkoreanische Firmen. Als Lohn für deren Arbeit erhält Pjöngjang jährlich 80 Millionen Dollar, der Handelsaustausch über Kaesong hat ein Jahresvolumen von rund 2 Milliarden Dollar.

Korea-Konflikt - Kurz erklärt: Nordkoreas Atomanlage in Yongbyon

Was also die politischen Motive und Ziele des Kim-Regimes angeht, herrscht im Westen viel Unwissenheit und inzwischen wohl auch in der chinesischen Regierung, dem einzigen Verbündeten der Region. Gab es in der Vergangenheit noch zahlreiche persönliche Beziehungen zu den führenden Kommunisten Nordkoreas, ist für China das Verhältnis zu Pjöngjang heute schwieriger und vielschichtiger geworden, über die Waffentests ist man höchst verärgert.

Experten und Militärs dürfen sich inzwischen in den zensierten Medien Chinas abfällig über das Regime des erst dreißigjährigen Kim Jong Un äußern, in den Mikroblogs wird ordentlich über den dicklichen Kim gelästert. Auch bei der Ausarbeitung von UN-Sanktionen gegen Pjöngjang anlässlich der koreanischen Waffentest war Peking jetzt aktiv dabei.

Dennoch trügt wahrscheinlich die Hoffnung der US-Regierung, China könne die Geduld mit seinem Verbündeten verlieren, wie etwa der frühere US-Botschafter in China, Jon Huntsman, sagte. Chinas Parteichef Xi Jinping hatte am Sonntag in einer Rede erklärt, keinem Land dürfe erlaubt werden, eine Region oder gar die ganze Welt aus selbstsüchtigen Motiven ins Chaos zu stürzen – ohne allerdings Nordkorea direkt beim Namen zu nennen. Nur: Dieser indirekte Hinweis war der kleinste Teil einer Rede Xis, die ganz konkret um Kontinuität und Aufrechterhaltung guter Beziehungen Pekings zu seinen Nachbarn ging.