Boston"Die Lage ist offenbar doch dramatischer"

Gepanzerte Fahrzeuge und Tausende Beamte im Einsatz: Die Fahndung nach den Bombenlegern hat die gesamte Region Boston in Ausnahmezustand versetzt. von 

Als Jeff Bauman in das Gesicht des jungen Mannes blickte, wusste er noch nicht, dass der ihn töten wollte. Im freundlichen Sonnenlicht des frühen Nachmittags sah der 27-Jährige einen ungefähr Gleichaltrigen mit Sonnenbrille und dunkler Baseballkappe, der eine schwarze Jacke über einem hellen Kapuzenpulli trug. Vermutlich auch einer, der einem Marathonläufer kurz vor der Ziellinie zujubeln wollte, dachte sich Bauman. So wie er selbst seiner Freundin. Den schwarzen Rucksack, den der Mann bei sich hatte, stellte er auf den Boden.

Zweieinhalb Minuten später war er verschwunden. Jeff wurde in einem ohrenbetäubenden Knall zu Boden gerissen und spürte nur noch Schmerz, wo vorher seine Beine waren.

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Die nächsten Momente muss er aus Fotos rekonstruieren. Sie zeigen ihn im Rollstuhl, das eine Bein schwarz verkohlt, das andere blutüberströmt. Bauman kam im Krankenhaus wieder zu Bewusstsein – ohne Beine und unter schweren Schmerzmitteln. Er verlangte Papier und Stift. "Habe den Typ gesehen, Rucksack, wir blickten uns in die Augen", kritzelte er. Später gab er dem FBI eine genaue Beschreibung. Sie half den Ermittlern, aus den Videoaufnahmen von Überwachungskameras und Smartphones die beiden Verdächtigen herauszufiltern.

Wie man inzwischen weiß, sind es zwei Brüder mit tschetschenischen Wurzeln, die seit mehreren Jahren in den USA leben und legal ins Land kamen: der 26-jährige Tamerlan und der 19-jährige Dschochar Z.. Bauman war dem Älteren begegnet. Demjenigen, den die Ermittler den "Mann mit der dunklen Baseballkappe" nannten.

Am Donnerstagabend hatte das FBI Fotos der beiden Gesuchten veröffentlicht und damit eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt. Die Brüder waren in Boston geblieben, sahen sich nun offenbar in der Falle und bereiteten sich auf einen blutigen Abgang vor – entschlossen, weitere Menschen zu töten.

Die Polizei begann den Tag mit einem Großaufgebot. Als die Bürger im Raum Boston am Freitagmorgen aufwachten, glichen viele Wohnviertel abgeriegelten Festungen. Darunter Cambridge mit seinen beiden berühmten Hochschulen, der Harvard University und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT), wenige Kilometer westlich der Altstadt von Boston.

Und ebenso in Watertown, ein kleiner Vorort etwa zwölf Kilometer westlich des Zentrums. Panzerwagen waren aufgefahren. Martialisch wirkende Polizisten mit Helmen, kugelsicheren Westen und Schnellfeuerwaffen zogen von Haus zu Haus. Scharfschützen standen auf Abruf bereit.

In Cambridge hatten die Anwohner seit zwei Uhr früh automatisierte Warnanrufe der Polizei erhalten. Zum Beispiel der 35-jährige Florian Schmitzberger. Als er am Freitagmorgen aufwachte, sah er gleich die Warnung im E-Mail-Postfach seines Smartphone: "Wir bitten Sie, heute nicht zur Arbeit zu kommen. Die Harvard Medical School bleibt heute aufgrund der aktuellen Sicherheitslage geschlossen", hieß es darin. Es werde nach einem bewaffneten und gefährlichen Verdächtigen gesucht. "Bitte bleiben Sie deshalb zu Hause." Dazu die Aufforderung, nur solchen Personen die Tür zu öffnen, die man kenne. Oder Polizisten, die sich ausweisen könnten.


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Schmitzberger, der aus Österreich kommt und als Biochemiker am renommierten MIT seinen Post-Doc macht, musste erstmal nachschauen, was passiert war. Denn von der Schießerei und Verfolgungsjagd am Abend vorher hatte er in seinem Wohnort Brookline, etwa eine Autofahrt von 20 Minuten entfernt von Watertown, nichts mitbekommen. Weder von Schüssen, noch Sirenen oder Helikoptergeräuschen. Auch am Vorabend sei die Lage entspannt gewesen. Klar, seit Montag habe es mehr Polizisten gegeben, "aber bedroht gefühlt habe ich mich die ganze Woche über nicht", sagt er. "Aber die Lage ist offenbar doch dramatischer, als ich angenommen hatte."

Leserkommentare
  1. Präsident, Politik und Sicherheitskräfte können sich profilieren. Die Realityshow tut ihr übriges. Irgendwie ist die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Machtdemonstration und den Gejagten geradezu bizarr.

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    mitten rein in die "Realityshow"!

    Aus einem Sessel in Deutschland (?) heraus zum jetzigen Zeitpunkt meinen zu können, man wisse, was da "verhältnismäßig" ist - das hat schon was!

    Aber wenn weitere Sprengkörper hochgingen, wüßten Sie sicher auch,was wer falsch gemacht hat.

    Bei 4 Toten und an die 200 oft schwer verletzten, kann ich den Begriff "Realityshow" schlecht nachvollziehen. Was wäre für Sie denn verhältnismäßig?

    Ansonsten kann ich dem Artikel zustimmen, was die Ruhe der Amerikaner angeht. Ich war gerade in einer Telefonkonferenz mit Kollegen, die in Cambridge zu Hause bleiben mussten, weil das Büro geschlossen ist, davon einer in Watertown; und es war völlig "business as usual", ohne jede Panik.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf rein provokative Beiträge. Danke, die Redaktion/jz

  2. Im Teil I des Artikels kürzt ihr den Nachnamen, wie bei nicht verurteilten Verdächtigen üblich, der Brüder mit »Z.« ab, gegen Ende schreibt ihr ihn aus.
    Ist dieser Fehler auch in der gedruckten Ausgabe des Tagesspiegels? Wäre ja peinlich...

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  3. mitten rein in die "Realityshow"!

    Aus einem Sessel in Deutschland (?) heraus zum jetzigen Zeitpunkt meinen zu können, man wisse, was da "verhältnismäßig" ist - das hat schon was!

    Aber wenn weitere Sprengkörper hochgingen, wüßten Sie sicher auch,was wer falsch gemacht hat.

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    aber sie haben bestimmt auch in ihren sessel gesessen, als in afghanistan vergangn. woche mehrere kinder durch die nato getöt worden!

    • cm30
    • 19. April 2013 22:43 Uhr

    ist eher die Nabelschau deutscher Medien, wie sie minutiös jeden Moment zur Lage beschreiben - als ob das irgendwelchen Belang für den deutschen Durchschnitt hat. Als ob es keine wichtigeren Themen gäbe...

    Und Ihre Kommentare bestätigen doch nur, was Ihr Vorposter schon indirekt vermutete: Sie verteidigen Ihre Schaulust an der "Realityshow" - eben schön bequem von "einem Sessel in Deutschland (?) heraus"!

  4. Bei 4 Toten und an die 200 oft schwer verletzten, kann ich den Begriff "Realityshow" schlecht nachvollziehen. Was wäre für Sie denn verhältnismäßig?

    Ansonsten kann ich dem Artikel zustimmen, was die Ruhe der Amerikaner angeht. Ich war gerade in einer Telefonkonferenz mit Kollegen, die in Cambridge zu Hause bleiben mussten, weil das Büro geschlossen ist, davon einer in Watertown; und es war völlig "business as usual", ohne jede Panik.

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  5. Wir sollten vielleicht nicht allzu schnell auf die Befindlichkeit von Menschen in einer solchen Situation (Terrorist noch "on the run") schließen, die zu einem gewissen Anteil doch legale Schusswaffen im Hause haben.

    • Lyaran
    • 19. April 2013 20:22 Uhr

    Da sind die Amerikaner wohl recht vernünftig. Die vermuteten Terroristen sind auf der Flucht, einer bereits durchsiebt worden.
    Die Giftbriefe blieben auch harmlos.
    Und eine Explosion, das dramatischste der Ereignisse, auch wenn die Medienberichte das nicht so wiedergeben, kann immer mal passieren.

    Was sollte eine Kopflose Panik da helfen?

  6. Dieses traurige Geschehen ist natürlich Wasser auf die Mühlen der Waffenlobby.
    Ich wünschte mir unsere Gesellschaft hätte ein liebevolleren Umgang miteinander!

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    ... wünscht sich das nicht, einen liebevolleren Umgang. Allerdings wird der mit Sicherheit nicht durch die übermässige Toleranz der Grünen & Co. erreicht. Siehe auch die aktuelle Berichterstattung über Bushido und seine Gangsterfreunde aus dem Libanon.

    Hätte ich alles Wissen dieser Welt und könnte Wunder wirken, hätte aber die Liebe nicht wäre ich wie dröhnendes Erz....oder so ähnlich aus der Bibel!

    aber nicht einmal die böse Waffenlobby behauptet, dass man gegen Bombenleger oder Giftmörder mit Schusswaffen was ausrichten könne.
    Bei Amokschützen mit dem rauchenden Colt in der Hand sieht das realistischerweise anders aus.

  7. 8. [...]

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