Brief aus Guantánamo"Ich will hier nicht sterben"

Samir Naji al Hasan Moqbel sitzt seit mehr als elf Jahren in Guantánamo. Sein eindringlicher Brief gibt erschreckende Einblicke in die Zustände in dem Gefangenenlager.

"Ich werde nichts mehr essen, bis sie mir meine Würde zurückgegeben haben": Samir Naji al Hasan Moqbel hat einen eindringlichen Brief aus dem Gefangenenlager Guantánamo geschrieben. Der Titel des Briefs, den die New York Times am Montag veröffentlichte, ist drastisch: "Gitmo is killing me" – "Guantánamo bringt mich um".

In eindrucksvollen Worten beschreibt der 35-Jährige den Alltag in Guantánamo. Die unmenschlichen Haftbedingungen, den würdelosen Umgang der Wärter mit den Gefangenen, die Torturen der Zwangsernährung. Mithilfe eines Übersetzer hatte er den Text seinem Anwalt diktiert.

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Moqbel erhebt darin schwere Vorwürfe gegen die US-Regierung. Er sei nie angeklagt worden, habe nie einen Prozess bekommen. "Das Militär hat mir vor Jahren vorgeworfen, ein Wachmann von Osama Bin Laden gewesen zu sein" schreibt er, "aber das ist Blödsinn". Zwar würden selbst die Wärter inzwischen nicht mehr daran glauben, "aber es scheint sie nicht zu interessieren, wie lange ich hier sitzen."

Einblick in das Innenleben des Lagers

In dem erschütternden Dokument, das einen Einblick in das Innenleben von Guantánamo bietet, erzählt Moqbel, wie er überhaupt nach Afghanistan kam. Es ist eine Geschichte von Naivität und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft für sich und seine Familie. Damals, im Jemen, habe ihm ein Freund aus der Kindheit erzählt, man könne in Afghanistan mehr Geld verdienen, als die 50 Dollar, die er in einer Fabrik in seiner Heimat bekommt. Er sei nie zuvor am Hindukusch gewesen, nie viel gereist – "aber ich habe es auf einen Versuch ankommen lassen". Er vertraute dem Rat seines Freundes – und wurde enttäuscht.

Der Alltag in dem fremden Land holte ihn schnell ein. "In Afghanistan gab es keine Arbeit. Ich wollte wieder zurück, hatte aber kein Geld für einen Flug." Nach der Invasion der Amerikaner sei er wie viele andere nach Pakistan geflohen. Als er dort darum bat, mit jemandem von der jemenitischen Botschaft zu sprechen, wurde er verhaftet. "Ich wurde nach Kandahar gebracht – und in den ersten Flieger nach Gitmo gesetzt." Gitmo, das ist die Abkürzung für Guantanamo Bay Naval Base. Aus GTMO wird Gitmo.

Seit mehr als elf Jahren ist Samir Naji al Hasan Moqbel nach eigenen Angaben bereits inhaftiert, seit dem 11. Februar befindet er sich mit anderen Häftlingen im Hungerstreik. Mit der Nahrungsverweigerung protestieren sie gegen die Zustände im Gefangenenlager. "Das letzte, was ich weiß, ist, dass ich 132 Pfund gewogen habe – aber das ist schon einen Monat her", heißt es in dem Brief. "Uns selbst das Essen zu verweigern und somit jeden Tag unser eigenes Leben zu riskieren" – das sei die Entscheidung, die sie nun getroffen hätten, schreibt Moqbil. "Ich hoffe einfach, dass unsere Schmerzen ein Grund dafür sind, dass die Welt wieder auf Guantánamo schaut. Bevor es zu spät ist."

Leserkommentare
  1. God's own country.

    Bitte diskutieren Sie das konkrete Thema des Artikels. Danke, die Redaktion/se

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  2. ...gibt es einen Friedensnobelpreis.

    Bitte beteiligen Sie sich konstruktiv. Danke, die Redaktion/se

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    Entfernt, bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/se

  3. ... Obama schon Anfang 2009 den Dekret zur Auflösung des Lagers unterschrieben hat.

    Der US-Senat ließ ihn jedoch auflaufen. Man verlangte einen detaillierten Plan, was mit den Gefangenen geschehen solle, die nicht wieder freigelassen werden "können" oder jenen, die nicht in die Heimat abgeschoben werden können. Die NATO-Länder zeigten sich da ja bekanntlich auch nicht gerade sehr aufnahmewillig - man könnte ja Ziel von Terroranschlägen werden.

    Daß "Gitmo" noch existiert, hat die westliche Staatengemeinschaft insgesamt zu verantworten, da ist Obama ein schlechter Sündenbock.

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    hat da gar nichts zu verantworten. Die Last liegt hier einzig und alleine bei den USA, die das Lager eingerichtet haben und dort entgegen allen Regeln des Völkerrechts etliche Leute ohne Strafrechtsverfahren gefangen halten. Über die Art und Weise wie die Menschen dort behandelt werden und wie sie dorthin gekommen sind wollen wir lieber erst gar nicht reden..

    ES ist eine Schande das ein "Rechtsstaat" wie die USA es in 12 Jahren nicht schafft die Gefangenen in einem ordentlichen Strafrechtsprozess zu verurteilen, bzw freizusprechen.

    • jkluge
    • 16. April 2013 16:56 Uhr

    Aber die Bedingungen der Haft verbessern, das könnte er doch! Dafür muss ein amerikanischer Präsident doch genügend Macht haben!
    Sollen Sie denen doch vorübergehend ein Schloss auf GTMO bauen, bis sie zur Rechtsstaatlichkeit zurückkehren.

  4. ...scheint vor lauter Angst nicht mehr zwischen Recht und Unrecht unterscheiden zu können.

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  5. Gegnern umgeht, und ich will dir sagen, was es für einen Kulturstandard hat." (Kurt Tucholsky)

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    Oh mann. Der ist jetzt wirklich gut. Dann waren die RAF Terroristen auch politische Gefangene? Ausserdem dachte ich, auf Guantanamo sitzen nur unschuldige? Ich bin verwirrt.

  6. 11 Jahre, für nichts, jedenfalls nichts, was aufgeklärt oder bewiesen werden konnte.

    Der Terror hat die USA Menschenleben gekostet. Ihre Würde und ihren Rechtsstaat - um den haben sie sich mit GTMO selbst gebracht. Herrn Bush kann man dafür nicht belangen, obwohl er's schuld ist mit seiner Administration, für die er stand und steht.

    Herrn Obama wirft man's vor, obwohl ihm keiner von denen, die sich aufplustern geholfen hat, diesen Schandfleck auf dem US-Rechtsstaat zu beseitigen. So weit ich mich erinnere, hat auch Deutschland die Aufnahme von Ex-GTMO-Häftlingen seinerzeit abgelehnt. Die Heimatländer von einem Teil der Insassen sind entweder nicht aufnahmebereit, oder der Ort der Verhaftung ist nicht das Heimatland und der Betroffene gilt mittlerweile rechtlich als staatenlos, so dass man ihn nicht abschieben könnte.

    Da bliebe wohl nur die Verteilung auf europäische Staaten. 495 Millionen Einwohner haben die EU-27. Aber die paar Mann aus GTMO, für die haben wohl nicht nur die USA kein Herz.

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    • GDH
    • 17. April 2013 12:50 Uhr

    Ob andere Länder diese Gefangenen aufnehmen oder nicht, stellt keinerlei Rechtfertigung dafür dar, diese Leute festzuhalten. Sie tun ja glatt so, als könne die US-Regierung die Leute nur freilassen, wenn man sie irgendwohin abschieben kann.
    Dabei sollte es mit einer angemessenen finanziellen Entschädigung für jahrelange Haft ohne rechtsstaatlicher Urteil ja wohl möglich sein, dass diese Leute sich in den USA eine Existenz aufbauen bzw. sich später selbst darum kümmern, wohin sie ausreisen.

    • yohak
    • 16. April 2013 16:44 Uhr

    Da fliegt jemand von Jemen nach Afghanistan, weil er dort einen
    gutbezahlten Job sucht? Ausgerechnet ins Taliban-regierte Afghanistan, das von jahrzehntelangem Krieg verwüstet ist ?
    Ich halte das für eine vollkommen unglaubwürdige Schutzbehauptung. Aber auch wenn er nach Afghanistan geflogen ist. um sich dort den Terroristen anzuschliessen: 11 Jahre Guantanamo sind mehr als genug. Zeit, ihn freizulassen. Auch wenn er mal Wachmann für bin Laden gewesen sein sollte.

    12 Leserempfehlungen
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    Dann hätte es schon längst einen Prozess vor einem US-Gericht geben können, und dann hätte mann den Mann anhand der Aktenlage eben zu einer Haftstrafe oder nicht verurteilt. Aber einen Prozess muss es schon geben, den hat schließlich selbst Saddam bekommen!

  7. hat da gar nichts zu verantworten. Die Last liegt hier einzig und alleine bei den USA, die das Lager eingerichtet haben und dort entgegen allen Regeln des Völkerrechts etliche Leute ohne Strafrechtsverfahren gefangen halten. Über die Art und Weise wie die Menschen dort behandelt werden und wie sie dorthin gekommen sind wollen wir lieber erst gar nicht reden..

    ES ist eine Schande das ein "Rechtsstaat" wie die USA es in 12 Jahren nicht schafft die Gefangenen in einem ordentlichen Strafrechtsprozess zu verurteilen, bzw freizusprechen.

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    Antwort auf "Wobei..."
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    Wenn es jemand zu verantworten hat, dann George W. Bush, nicht d i e USA. Die Kriegstreiberei, die Propaganda, die Kriege, Guantanamo, das ist Bushs politisches Erbe.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, sdo
  • Schlagworte Afghanistan | Brief | Schmerz | US-Regierung | Alltag | Familie
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