Extremismus : Aus Belgiens Städten in den Dschihad

Mit 15, 16 Jahren ziehen sie in den Krieg. Fanatische Muslime aus Europa suchen ihre Erfüllung in Syrien. Warum? Und warum kommen so viele aus Belgien?
Ein Kämpfer der islamistisch-extremistischen Al-Nusra-Gruppe in der syrischen Provinz Ar-Raqqa, März 2013 © Reuters

Das Gesicht des belgischen Dschihad ist schmal, trägt eine randlose Brille und einen schwarzen Zottelbart. Mitte April erschien es mal wieder landesweit in den Medien, als Fouad Belkacem, auch bekannt als Abu Imran, festgenommen wurde. Seine inzwischen aufgelöste Vereinigung Sharia4Belgium soll Pläne gemacht haben, aus Belgien einen Gottesstaat zu machen. Zudem habe man Jugendliche angeworben, im syrischen Bürgerkrieg aufseiten der Rebellen zu kämpfen.

Einst war Belkacem, 30, ein "normaler Junge", der mit seinem Vater  Gebrauchtwagen verkaufte. Dann kam er unter den Einfluss radikaler Muslime, so Nordine Taouil, Imam in Antwerpen und Vorsitzender des belgischen Muslimrats. Um sein Beispiel nicht zur Regel werden zu lassen, wenden sich Taouils Predigten an die nächste Generation muslimischer Jugendlicher. "Deradikalisierung" ist sein Anliegen, und das heißt zur Zeit: "Geht nicht nach Syrien!"

Genau das nämlich tun junge belgische Muslime immer öfter. Bis zu 440 europäische Kämpfer sind laut dem International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR) zur Zeit aktiv im syrischen Bürgerkrieg. Belgien gehört mit 75 neben England, den Niederlanden und Frankreich zur Spitze, aus Deutschland sollen es 37 sein. Inoffizielle Berichte gehen gar von mehr als 100 jungen Belgiern aus, darunter 15- und 16-Jährige. Mindestens 12 sollen getötet worden sein. Deutschlands Innenminister Friedrich fürchtet dabei besonders die Heimkehrer, "im Kampf ausgebildete Europäer", die später  zurückkehren und dort den Dschihad – den Heiligen Krieg – weiterführen.

Militant-puristische Gruppen sind beliebt

Auch früher, so Nordine Taouil, zogen Muslime aus westlichen Ländern in den Kampf, nach Afghanistan, Bosnien oder Tschetschenien. "Doch es waren nicht so viele wie heute. Entscheidend ist, dass die Kommunikation leichter ist. Sie können sich per SMS über Routen nach Syrien verständigen." Hinzu kommt, dass sich Prediger aus dem Mittleren Osten verstärkt per Internet an europäische Muslime wenden.

Hinter der zunehmenden Beliebtheit des Dschihad stehen militant-puristische Strömungen wie die Takfiri-Bewegung, deren Anhänger selbst andere Muslime zu Ungläubigen erklären. Ihren Anklang unter jungen Muslimen im Westen führt Taouil aber auch auf deren prekäre Situation zurück: "Es gibt immer mehr als einen Grund für Radikalisierung. Aber in Antwerpen sind zum Beispiel 54 Prozent der Migrantenjugendlichen arbeitslos. Oft landen sie  entweder in der Kriminalität oder der Religion. Vor allem wenn sie sehr jung sind, sind sie empfänglich für den Hass der Radikalen."

Zwei Schlagzeilen vom selben Tag Mitte April illustrieren die Situation in Belgien: "Junge Muslime fühlen sich noch immer diskriminiert", titelt die Gazet van Antwerpen. Laut einer Studie der Zeitung sehen sich nur 30 Prozent der Befragten als von der Gesellschaft akzeptiert an. 60 Prozent gehen davon aus, man werde sie niemals als "integriert" anerkennen. La Libre Belgique macht derweil mit dem "Plan Milquet zum Kampf gegen den Radikalismus" auf.

Joelle Milquet, die belgische Innenministerin, will aktiv werden: Die Beteiligung am syrischen Bürgerkrieg soll strafbar sein, Grenzkontrollen sollen verschärft werden. Minderjährige, die in die Türkei fliegen, will sie besonders gründlich kontrollieren, zudem erwägt sie, potenziellen Dschihadtouristen den Pass zu entziehen. Und das neue Anti-Terror-Gesetz schließt auch die Anleitung zum Terrorismus inklusive der Rekrutierung mit ein.

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