Korea : "Südkoreaner interessieren sich nicht für den Norden"

Kim Minji stammt aus der Demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea. Sie erzählt, warum die Menschen nicht alles ernst nehmen, was aus dem Norden kommt.
Freedom Village liegt nur ein paar Hundert Meter von der nordkoreanischen Grenze entfernt. © Karl Wagner

ZEIT ONLINE: Angesichts der Drohungen aus Pjöngjang denkt man vor allem nach dem Studium westlicher Medien, die koreanische Halbinsel stünde vor einer Katastrophe. Wie sehen Sie die Situation als Kind des Freedom Village?

Kim Minji: Die jüngsten Drohungen sind für uns nicht ansatzweise neu oder besorgniserregend, zumal wir im Laufe unserer Geschichte schon viele solcher Vorfälle durchlebt haben. Als ich meine Familie vor Kurzem angerufen habe, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei, meinte meine Mutter trocken: "Keine Sorge, mein Liebes. Die Medien müssen mal wieder überreagieren. Wir haben keine Nachricht vom Militär erhalten. Falls etwas Ernsthaftes passiert, sind wir die Ersten, die es erfahren werden."

Deswegen beunruhigen mich die aktuellen Entwicklungen nicht besonders. Was mich aber wirklich stört, ist, dass solche Vorfälle die Landwirtschaft meines Vaters lahmlegten. Jedes mal wenn es zwischen Nord- und Südkorea einen Zwischenfall gibt, steigt die Spannung im Dorf und in der Umgebung. Dann kann es vorkommen, dass die Armee das gesamte Gebiet dicht macht und jegliche Bewegung untersagt. Das bedeutet leider, dass mein Vater seine tägliche Arbeit auf dem Feld nicht verrichten kann. Und das, obwohl es für ihn und die meisten Dorfbewohner nur diese eine Arbeit gibt.

Kim Minji

Die 25-jährige Kim Minji ist im koreanischen Niemandsland aufgewachsen: Ihre Heimat ist das Dorf Kijong-dong (koreanisch für Freedom Village), dem einzigen bewohnten Ort innerhalb der Demilitarisierten Zone (DMZ), die Nord- und Südkorea trennt. Als die Vereinten Nationen 1953 die DMZ als Pufferzone einrichteten, siedelten sie die meisten Zivilisten von dort um. Doch die Bewohner des Dorfes Tae-sung-dong durften bleiben, es heißt seitdem Freedom Village. Mit einer gleichnamigen Facebook-Gruppe will Kim Minji ihr außergewöhnliches Heimatdorf bekannter machen und mehr Aufmerksamkeit auf Friedensbemühungen lenken.

ZEIT ONLINE: Der Acker Ihres Vaters liegt zwischen dem Dorf und der Grenze. Wie sieht der Arbeitsalltag normalerweise aus?

Kim: Im Prinzip nicht anders als bei gewöhnlichen Bauern. Die einzige Besonderheit ist, dass die Dorfbewohner immer einen Tag im Voraus Arbeitsplan und -ort bei der zuständigen Armeeeinheit einreichen müssen. Am darauffolgenden Tag begleitet sie dann ein Soldat zum Acker, um sie während ihrer Arbeit zu beschützen. Es ist zwar etwas unangenehm, ständig von Soldaten beobachtet zu werden, aber die Menschen haben sich daran gewöhnt.

ZEIT ONLINE: Sie leben momentan in der Hauptstadt Seoul. Wie erleben Sie die Situation in Südkorea generell?

Kim: Alles ist wie immer. Es scheint keinen zu interessieren. Um ehrlich zu sein: Normalerweise interessieren sich Südkoreaner nicht wirklich für Nordkorea oder die Beziehung zum Norden. Hauptsache, ihr tägliches Leben wird nicht dadurch beeinflusst. Wir müssen schon lange keine wirkliche Angst mehr vor dem Norden haben und ich glaube, die Menschen haben gelernt, nicht alles ernst zu nehmen, was aus dem Norden kommt.

ZEIT ONLINE: Also sind die Menschen nach den jüngsten Entwicklungen überhaupt nicht besorgt?

Kim: Wenn ich heute eine Unterhaltung mit meinen Freunden oder Arbeitskollegen über Nordkorea führe, reden sie eigentlich nur darüber, wo Raketen oder Atombomben detonieren könnten oder welche neuen "Verteidigungswaffen" die US-Streitkräfte nach Korea bringen. Aber selbst diese Gespräche halten nicht lange an. Allein die südkoreanischen Medien machen die Situation schlimmer, als sie wirklich ist. Sie berichten nur über negative Ereignisse und halten eine militärische Lösung für eine echte Alternative. Das beeinflusst die Bevölkerung natürlich, wenn auch nicht in dem Maße, wie man vielleicht meinen würde.

ZEIT ONLINE: Welche Auswirkungen könnte die jetzige Situation auf der Halbinsel haben?

Kim: Zunächst einmal hoffe ich, dass wir nicht durch einen dummen Zufall auf einmal im Krieg miteinander stehen. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass Nordkorea im Grunde genommen bereit ist, diplomatische und wirtschaftliche Kontakte zum Süden zu haben. Ein Beispiel ist der Kaesŏng-Komplex, der gemeinsam von Nord und Süd betriebene Industriepark. Bevor die Sonderwirtschaftszone vergangene Woche geschlossen wurde, haben dort nord- und südkoreanische Beschäftigte nebeneinander gearbeitet. Ich hoffe nicht, dass dieser Konflikt eine neue Eiszeit für die Beziehung zwischen den ungleichen Brüdern bedeutet.

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Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

#2 Guter Beitrag

Inzwischen sollten alle mitbekommen haben, dass sich die anfängliche Panik gelegt hat (siehe nzz.ch). Wir stehen nicht hilflos der nordkoreanischen Bedrohung gegenüber, auch Nordkorea geht Risiken ein. Schon nach der ersten atomaren Rakete werden China und Russland den an Mineralien (Uran, Kohle, Stahl, seltene Erden...) reichen Norden von Nordkorea besetzen müssen für den Fall, dass der Süden allzu schnell vorrückt. Kim verliert damit rund die Hälfte seiner Staatsfläche, und zwar die Wertvollere. Ob China und Russland die Besatzungszonen verwalten oder gleich annektieren, ist nebensächlich.

Nur wahrscheinlich ist, dass dann auch USA und Südkorea rund ein Viertel von Nordkorea abtrennen, schon allein um den Beschuss seiner Inseln im Gelben Meer zu beenden.

Das verbleibende Viertel von Nordkorea würde als Pufferzone belassen. Das ist sicher auch Kim schon seit langem bewusst.

Was heißt, drohen kann er natürlich, zuschlagen nicht.

Irgendwie bekannt

Die USA ziehen den grossen Bluff in Korea ab. Sie wollen ja den Pazifik militarisieren, haben das letztes Jahr so verkündet. Rein zufällig beginnt just in diesem Augenblick ein notorischer Diktator mit Drohungen gegen den Rest der Welt. Ah ja. Erstaunlich nur, dass dies offenbar nicht allen Bürgern irgendwie bekannt vorkommt.
Südkorea steht nun unter dem Schutz der USA und wird sich im Gegenzug fügen müssen, Teil dieser Einhegungsstrategie gegen China zu sein.
Die Menschen indessen, es wird in Nordkorea nicht anders sein, haben zu den Machtphantasien der Spinner auf beiden Seiten keinen Bezug. Es interessiert sie gar nicht. Könnte man daraus nicht riesiges politisches Potential schlagen, und die Sache dann auf sich beruhen lassen?