ZEIT ONLINE: Angesichts der Drohungen aus Pjöngjang denkt man vor allem nach dem Studium westlicher Medien, die koreanische Halbinsel stünde vor einer Katastrophe. Wie sehen Sie die Situation als Kind des Freedom Village?

Kim Minji: Die jüngsten Drohungen sind für uns nicht ansatzweise neu oder besorgniserregend, zumal wir im Laufe unserer Geschichte schon viele solcher Vorfälle durchlebt haben. Als ich meine Familie vor Kurzem angerufen habe, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei, meinte meine Mutter trocken: "Keine Sorge, mein Liebes. Die Medien müssen mal wieder überreagieren. Wir haben keine Nachricht vom Militär erhalten. Falls etwas Ernsthaftes passiert, sind wir die Ersten, die es erfahren werden."

Deswegen beunruhigen mich die aktuellen Entwicklungen nicht besonders. Was mich aber wirklich stört, ist, dass solche Vorfälle die Landwirtschaft meines Vaters lahmlegten. Jedes mal wenn es zwischen Nord- und Südkorea einen Zwischenfall gibt, steigt die Spannung im Dorf und in der Umgebung. Dann kann es vorkommen, dass die Armee das gesamte Gebiet dicht macht und jegliche Bewegung untersagt. Das bedeutet leider, dass mein Vater seine tägliche Arbeit auf dem Feld nicht verrichten kann. Und das, obwohl es für ihn und die meisten Dorfbewohner nur diese eine Arbeit gibt.

ZEIT ONLINE: Der Acker Ihres Vaters liegt zwischen dem Dorf und der Grenze. Wie sieht der Arbeitsalltag normalerweise aus?

Kim: Im Prinzip nicht anders als bei gewöhnlichen Bauern. Die einzige Besonderheit ist, dass die Dorfbewohner immer einen Tag im Voraus Arbeitsplan und -ort bei der zuständigen Armeeeinheit einreichen müssen. Am darauffolgenden Tag begleitet sie dann ein Soldat zum Acker, um sie während ihrer Arbeit zu beschützen. Es ist zwar etwas unangenehm, ständig von Soldaten beobachtet zu werden, aber die Menschen haben sich daran gewöhnt.

ZEIT ONLINE: Sie leben momentan in der Hauptstadt Seoul. Wie erleben Sie die Situation in Südkorea generell?

Kim: Alles ist wie immer. Es scheint keinen zu interessieren. Um ehrlich zu sein: Normalerweise interessieren sich Südkoreaner nicht wirklich für Nordkorea oder die Beziehung zum Norden. Hauptsache, ihr tägliches Leben wird nicht dadurch beeinflusst. Wir müssen schon lange keine wirkliche Angst mehr vor dem Norden haben und ich glaube, die Menschen haben gelernt, nicht alles ernst zu nehmen, was aus dem Norden kommt.

ZEIT ONLINE: Also sind die Menschen nach den jüngsten Entwicklungen überhaupt nicht besorgt?

Kim: Wenn ich heute eine Unterhaltung mit meinen Freunden oder Arbeitskollegen über Nordkorea führe, reden sie eigentlich nur darüber, wo Raketen oder Atombomben detonieren könnten oder welche neuen "Verteidigungswaffen" die US-Streitkräfte nach Korea bringen. Aber selbst diese Gespräche halten nicht lange an. Allein die südkoreanischen Medien machen die Situation schlimmer, als sie wirklich ist. Sie berichten nur über negative Ereignisse und halten eine militärische Lösung für eine echte Alternative. Das beeinflusst die Bevölkerung natürlich, wenn auch nicht in dem Maße, wie man vielleicht meinen würde.

ZEIT ONLINE: Welche Auswirkungen könnte die jetzige Situation auf der Halbinsel haben?

Kim: Zunächst einmal hoffe ich, dass wir nicht durch einen dummen Zufall auf einmal im Krieg miteinander stehen. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass Nordkorea im Grunde genommen bereit ist, diplomatische und wirtschaftliche Kontakte zum Süden zu haben. Ein Beispiel ist der Kaesŏng-Komplex, der gemeinsam von Nord und Süd betriebene Industriepark. Bevor die Sonderwirtschaftszone vergangene Woche geschlossen wurde, haben dort nord- und südkoreanische Beschäftigte nebeneinander gearbeitet. Ich hoffe nicht, dass dieser Konflikt eine neue Eiszeit für die Beziehung zwischen den ungleichen Brüdern bedeutet.

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