Noch vor einem halben Jahr war sich Enrico Letta sehr sicher: "Mit Berlusconi lässt sich nichts machen", sagte er im Gespräch mit ZEIT ONLINE.

Doch seither hat sich viel geändert. Italien ist inzwischen seit zwei Monaten ein Land ohne Regierung. Präsident Napolitano wiederholte am Mittwoch seinen Appell zur Geschlossenheit: "Es ist nötig, dass alle Parteien ihre gegenseitige Animositäten beseitigen und zusammenarbeiten", sagte er. Also wird nun der 46-jährige Letta genau das machen, was er bis vor Kurzem noch kategorisch ausschloss: mit Berlusconis Hilfe eine Regierung bilden.

Selbst vor zwei Tagen hatte Letta die Gerüchte, die ihn als möglichen Nachfolger von Mario Monti bezeichneten, noch bescheiden abgetan. Das war politische Taktik, gehört aber auch zu seinem Stil. Letta war nie ein theatralischer Kämpfer, keine Primadonna, wie es sie in der italienischen Politik häufig gibt. Im Gegenteil: Er ist still und unauffällig, meistens ansprechbar und freundlich.

All das soll Napolitano dazu bewogen haben, ihn als Regierungschef auszuwählen. Wegen seiner angenehm-unaufdringlichen Art gilt der Vizechef der sozialdemokratischen PD als idealer Vermittler zwischen seiner Partei und der Berlusconi-Partei PDL. 

Kompromissbereit und euro-freundlich

Machtbewusst ist Letta dennoch. Trotz seiner demonstrativen Bescheidenheit verlief Lettas Karriere blitzschnell. 1998 wurde er erstmals Minister, für Europapolitik. Der damals 32-jährige Politikwissenschaftler aus Pisa stieg so zum jüngsten Minister der italienischen Geschichte auf.

Jung, fleißig, bescheiden, kompromissbereit und euro-freundlich: Letta erfüllt die Eigenschaften, die sich Napolitano für den neuen Regierungschef wünschte, ziemlich genau zu erfüllen. Es gibt allerdings noch einen Grund, warum Letta mehr Chancen auf Erfolg haben könnte als andere Kandidaten.

Enrico Letta ist der Neffe von Berlusconis rechter Hand, Gianni Letta. In allen Regierungen Berlusconis hatte Letta, der Ältere, Schlüsselpositionen. Eine Zeitlang versuchte Berlusconi diesen gar als Staatspräsident zu inthronieren, vergeblich allerdings. Dennoch sagen nun böse Zungen, dass sich seit einem Jahrzehnt die Zukunft Italiens am Familientisch der Lettas entscheidet. Schon bei der Bildung der Monti-Regierung hatten die zwei Lettas eine entscheidende Vermittlerrolle gespielt.