Schaut man auf den Finanzmarkt, könnte man glauben, Italien sei außer Gefahr: Zum Wochenbeginn zeichnete der Börsenindex in Mailand ein deutliches Plus, während die Zinsraten auf italienische Staatsanleihen sanken. Die Börse begrüßt so die Wiederwahl von Präsident Giorgio Napolitano, der aus dem Ruhestand zurückgeholt wurde, um die Verhandlungen für die Bildung einer funktionsfähigen Regierung fortzusetzen. Diese soll von einer Großen Koalition aus PD, Berlusconis PDL und Montis Bürgerwahl gestützt werden.

Fast würde man sagen: Ende gut, alles gut. Doch die Wiederwahl des 87-jährigen Präsidenten ist ein Zeichen dafür, dass sich Italiens Demokratie weiter im Ausnahmezustand befindet – seit dem Zusammenbruch der Berlusconi-Regierung im Jahr 2011. Die Rezession lässt nicht nach. Die angekündigten Reformen lassen auf sich warten. Das Parlament ist zerrissen. Die Italiener, die ohnehin mit dem Staat eine schwierige Beziehung haben, fühlen sich übergangen und betrogen.

Die jüngsten Entwicklungen zeigen vor allem eins: Die alte politische Elite ist schwach. Die Entscheidung, Napolitano im Amt zu behalten, entstammt nicht einer politischen Strategie, sondern der lähmenden Angst vor der Zukunft, die alle Parteien im Moment im Griff hält. Wie ein italienischer Kolumnist kürzlich schrieb: "Die italienischen Parteien sind wie Katzen, die vor den Scheinwerfern des sich nähernden Autos erstarren."

Eine Große Koalition droht schnell zu scheitern

Dessen ist sich auch der neue-alte Präsident bewusst. Anstatt sich, wie gewöhnlich, bei den Parteien zu bedanken, nutzte Napolitano seine Rede zur Amtseinsetzung, um alle Abgeordneten zur Rechenschaft zu ziehen. Die "Untätigkeit und Verantwortungslosigkeit" der Parteien hätte in diesen Monaten den demokratischen Institutionen schwer geschadet, "Eigennutz und innerparteiliche Machenschaften" die Umsetzung nötiger Reformen verhindert. Sollte sich das nicht ändern, versprach Napolitano am Montag persönlich einzugreifen.

Alle Abgeordneten – bis auf die der Fünf Sterne Bewegung – klatschten gutmütig. Doch ob sich PDL, Bürgerwahl und PD in der nächsten Verhandlungsrunde verantwortungsvoller benehmen, bleibt fraglich. Nimmt man die Präsidentschaftswahl als Prüfstein, ist die Große Koalition von vornherein zum Scheitern verurteilt. Beim ersten Wahlgang weigerten sich etwa zweihundert PD-Abgeordnete den Kandidaten zu wählen, der von ihrer eigenen Partei gemeinsam mit der PDL und Montis Bürgerwahl ausgewählt wurde. Mit Berlusconi – sagten die zweihundert Dissidenten – dürfe man keine Kompromisse schließen.

Dies war bis vor kurzem auch die Linie des scheidenden Parteivorsitzenden Pier Luigi Bersani. Zwei Monate lang versuchte er der "tödlichen Umarmung" des Cavaliere zu wiederstehen. Seine Kapitulation führte jetzt zur Spaltung der Mitte-Links Koalition, die Führung musste abdanken. Sieben Fraktionen ringen nun um die Parteiführung. Einer der Väter des politischen Projektes, das zur Gründung der PD führte, ist Stefano Rodotà, ehemals Datenschutzbeauftragter und heute Präsidentschaftskandidat der Fünf Sterne Bewegung. Er kennt die ungelösten Probleme des Mitte-Links-Blocks – Exkommunisten und Exchristdemokraten konnten sich 2007 nicht auf eine einheitliche Parteilinie einigen –  aus eigener Erfahrung. Einer Einigung mit Berlusconi sieht er jetzt mit Sorge entgegen, sie "bedeutet eine Fortsetzung des politischen Stillstands und des kulturellen Niedergangs, die diese Situation verursacht haben", sagt er im Gespräch mit ZEIT ONLINE. 

Silvio Berlusconi müsste die Auflösung des rivalisierenden Mitte-Links-Blocks eigentlich erfreuen. Erwartungsgemäß zeigte sich der Cavaliere erleichtert als Napolitano wiedergewählt wurde. Denn der alte Präsident ist der stärkste Befürworter einer Großen Koalition. So ist die Gefahr einer Allianz der PD mit der Fünf Sterne Bewegung – zwei Parteien die Berlusconis Interessenkonflikte im Visier haben – erstmal vom Tisch.