RegierungskriseDie zehn Weisen werden Italien nicht retten

Italiens Staatspräsident Napolitano will das politische Patt mit Hilfe zweier Expertenausschüsse überwinden. Die aber stehen für das alte Italien, kommentiert F. Ghelli.

Die Ausschussmitglieder mit Staatspräsident Napolitano

Die Ausschussmitglieder mit Staatspräsident Napolitano

Eine der in Italien am häufigsten zitierten politischen Maxime lautet: "Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert." Sie stammt aus dem Roman Der Gattopardo von Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Die Idee, die im Roman der junge Aristokrat Tancredi – ein Befürworter des Kompromisses zwischen sizilianischem Adel und aufsteigender Bourgeoisie – damit äußern will, ist simpel: Die dominante Elite soll einige formelle Veränderungen zulassen, damit die darunter liegende Machtstruktur unverändert bleibt.

Doch Tancredi irrt sich. Trotz des Kompromisses mit den aufstrebenden Landbesitzern werden die Aristokraten von der historischen Wende überrumpelt. Den Politikern des heutigen Italiens sollte diese Botschaft eigentlich bekannt sein: Der Wandel lässt sich nur bedingt durch politische Deals beeinflussen.

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Umso überraschender ist deshalb die Lösung, die Giorgio Napolitano nach wochenlangen Verhandlungen am Wochenende präsentiert hat, um die fortdauernde Regierungskrise zu überwinden. Der Staatspräsident berief zwei Experten-Ausschüsse ein die einige wichtige Reformen auf den Weg bringen sollen, während die alte Monti-Regierung für die gewöhnliche Verwaltung zuständig bleibt. "Die zehn Weisen" werden die Mitglieder der Ausschüsse in Italien schon genannt.

"Holländische Lösung"

Die italienische Presse spricht von einer "holländischen" Lösung, erinnert sie doch an das Prozedere, mit dem die Niederlande 2010 den Ausweg aus einem Wahlpatt suchten. 127 Tage lang mussten damals sieben Parteidelegationen an einem Tisch sitzen, bevor Liberalkonservative und die Christdemokraten mithilfe des Rechtspopulisten Geert Wilders eine Regierung bilden konnten. Diese überlebte knappe zwei Jahre.

Napolitanos Entscheidung wird von allen Parteien kritisiert. Der Chef der Mitte-links-Koalition Pier Luigi Bersani, der kürzlich vom Präsidenten mit der Bildung einer Regierung beauftragt wurde, fühlt sich übergangen. Silvio Berlusconi droht schon damit, die Ausschüsse zu torpedieren, um Neuwahlen zu erzwingen. Kein Wunder, denn laut Umfragen könnte seine Partei, die PDL, diesmal die relative Mehrheit ergattern. Und natürlich lehnen auch Grillos "Fünf Sterne"-Abgeordnete Napolitanos Idee als reines Techtelmechtel ab – obwohl sie die Idee einer "Parlamentsregierung" ausdrücklich befürworteten.

In einem Interview mit der Tageszeitung Corriere della Sera konnte der Staatspräsident seinen Frust über die Parteien nicht verhehlen: "Ich fühle mich im Stich gelassen. Es ist die schwierigste Phase meiner Amtszeit", sagte Napolitano.

Aber selbst wenn die Parteien die zehn Weisen doch noch unterstützen sollten, so bleibt es unwahrscheinlich, dass diese in den vorgesehenen zehn Tagen ein umsetzbares Reformprogramm verabschieden werden. Zum einen nämlich sind die drei Hauptparteien, die sich zurzeit im Parlament gegenseitig in Schach halten, viel weniger kompromissbereit als Liberalkonservative und Christdemokraten damals in den Niederlanden. Zweitens sind die zehn Mitglieder der Ausschüsse zwar hochangesehene Wirtschafts- und Rechtsexperten. Sie gehören allerdings alle zum politischen Establishment des Landes, das infolge der Wirtschaftskrise in der Gunst der Wähler deutlich gesunken ist.

Leser-Kommentare
    • sioux
    • 02.04.2013 um 21:23 Uhr

    Es gibt in Italien weder eine Demokratie, noch eine funktionierende Verwaltung, sondern in erster Linie Korruption. Es ist fast weniger erschütternd, wie alle möglichen Leute umgebracht werden und was in Süditalien für eine Generalangst vorherrscht, fast schlimmer ist die Vernichtung dieses tollen Landes als Mülldeponie von ganz Italien (insbesondere des Nordens, der konkurrenzfähig sein möchte und dazu seinen Giftmüll an die Mafia im Süden liefert, deren Paten sie dann geeignet" lagern oder verbrennen).

    3 Leser-Empfehlungen
  1. Na klar, für die Euro-Rettung wird mal eben die Demokratie eines Landes geopfert. Sagen Sie mal, geht’s noch?

    10 Leser-Empfehlungen
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    Wie lautet denn Ihre Alternative? Aber mal eine richtige, nicht wieder dieses einfältige Gewäsch von den "bösen Banken und Finazhaien", die man stoppen muss.

    Es gibt m.E. nur zwei Alternativen: Entweder man entscheidet sich für eine gemeinsame Währung, dann allerdings muss man nationale Souveränität abgeben. Oder man lässt es bleiben und führt wieder Nationalwährungen ein.

    So einfach ist das!

    Wie lautet denn Ihre Alternative? Aber mal eine richtige, nicht wieder dieses einfältige Gewäsch von den "bösen Banken und Finazhaien", die man stoppen muss.

    Es gibt m.E. nur zwei Alternativen: Entweder man entscheidet sich für eine gemeinsame Währung, dann allerdings muss man nationale Souveränität abgeben. Oder man lässt es bleiben und führt wieder Nationalwährungen ein.

    So einfach ist das!

  2. Wie lautet denn Ihre Alternative? Aber mal eine richtige, nicht wieder dieses einfältige Gewäsch von den "bösen Banken und Finazhaien", die man stoppen muss.

    Es gibt m.E. nur zwei Alternativen: Entweder man entscheidet sich für eine gemeinsame Währung, dann allerdings muss man nationale Souveränität abgeben. Oder man lässt es bleiben und führt wieder Nationalwährungen ein.

    So einfach ist das!

    Antwort auf "Geht's noch?"
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    Dann stellt sich allerdings die Frage, wie viel nationale Souveränität will die Deutsche Regierung denn abgeben? Schließlich ist auch Deutschland in der gemeinsamen Währung "mitgefangen" und "mitgehangen".
    Bisher habe ich in Sachen "Abgabe von nationaler Gestaltungshoheit" euro(pa)weit nicht viel Substantielles erkennen können.
    Es ist vermutlich DER große Geburts- und Konstruktionsfehler des Euro, daß er nicht als Ergebnis des politischen und sozialen Zusammenwachsens eingeführt wurde, sondern diesen Prozeß lediglich initiieren sollte. Leider ist aus diesem Vorhaben aufgrund von nationalen Egoismen, wie man sieht, nichts geworden.
    Die Chance ist m. E. verpaßt. Da wird nix mehr draus.

    Dann stellt sich allerdings die Frage, wie viel nationale Souveränität will die Deutsche Regierung denn abgeben? Schließlich ist auch Deutschland in der gemeinsamen Währung "mitgefangen" und "mitgehangen".
    Bisher habe ich in Sachen "Abgabe von nationaler Gestaltungshoheit" euro(pa)weit nicht viel Substantielles erkennen können.
    Es ist vermutlich DER große Geburts- und Konstruktionsfehler des Euro, daß er nicht als Ergebnis des politischen und sozialen Zusammenwachsens eingeführt wurde, sondern diesen Prozeß lediglich initiieren sollte. Leider ist aus diesem Vorhaben aufgrund von nationalen Egoismen, wie man sieht, nichts geworden.
    Die Chance ist m. E. verpaßt. Da wird nix mehr draus.

  3. Die Italiener sind am gegenwärtigen Schlamassel auch nicht unschuldig.

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  4. @ sioux:

    ... müsste man sich doch allen ernstes fragen, wie ein solches land überhaupt zum gründungsmitglied der EU werden konnte/durfte?

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    fragen Sie denn auch mal bitte, warum Griechenland eintretten durfte.
    Diesen ideologischen Eurokraten und Tugendpolitikern haben wir den ganzen QUark doch zu verdanken.
    Ein Lehrer sollte halt nicht Finanzminister sein, genauso wenig ,wie ein Sozialpädagoge mit Hintergrund im Kommunistischen Bund

    fragen Sie denn auch mal bitte, warum Griechenland eintretten durfte.
    Diesen ideologischen Eurokraten und Tugendpolitikern haben wir den ganzen QUark doch zu verdanken.
    Ein Lehrer sollte halt nicht Finanzminister sein, genauso wenig ,wie ein Sozialpädagoge mit Hintergrund im Kommunistischen Bund

  5. ...aber das liegt nicht an den zehn Weisen: Aus mediterraner Sicht ist auf den in Deutschland polit. verordneten, bestens kontrollierten u. medial beförderten Altruismus unter dem Deckmantel vermeintl. Solidarität Verlass: Wer pausenlos die Amselmutter spielt muss sich nicht wundern, dass die Küken entweder die Hälse recken oder bei "Bedrohung" in eine Art Akinese verfallen.

    Den meisten Italienern fehlt es ohnehin schlicht an Überzeugung, Motivation u. Volitismus, für eine stabile Währung das Hamsterrad schneller zu drehen. Die Tradition der Lira zeigt, wie man solche Probleme einfacher löst.

    Entweder "wir" kommen den Mittemeer-Anrainern ein Stück entgegen (d. h. mehr Geld drucken u. dafür das Leben & Arbeit lockerer angehen lassen,weniger Verbissenheit & Ernsthaftigkeit, mehr Amigo- u. Fakelaki-Kultur, Verwaltungs- u. Steuerschlendrian) und passen uns damit dem mediterranen Rhytmus an, oder das System klappt in Balde zusammen, da zwar Verwaltungen, Fiskus, Sanktionsstaat u. Propaganda in Deutschland das Hamsterrad wie nirgendwo sonst innerhalb der EU in Schwung halten, doch die Vorstellung im sozial u. klimatisch kalten Deutschland in einer noch höheren Schlagzahl zu malochen, während im Zuge fortwährender Kapital-Allokalisation am warmen Mittelmeer der Wohlstand wächst, hierzulande immer weniger Freunde finden wird.

    Da nutzt irgendwann all der rethorische Krozidismus unserer Poitiker über die vermeintl. Alternativlosigkeit des Euros nichts mehr.

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  6. fragen Sie denn auch mal bitte, warum Griechenland eintretten durfte.
    Diesen ideologischen Eurokraten und Tugendpolitikern haben wir den ganzen QUark doch zu verdanken.
    Ein Lehrer sollte halt nicht Finanzminister sein, genauso wenig ,wie ein Sozialpädagoge mit Hintergrund im Kommunistischen Bund

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    "Diesen ideologischen Eurokraten und Tugendpolitikern haben wir den ganzen QUark doch zu verdanken." schreiben Sie.

    Da haben Sie vollkommen Recht, allerdings geht die Euro-Einführung inklusive aller Bestimmungen und - was das "GEMEINSAME Wirtschaften" angeht - leider auch NICHT-Bestimmungen ja wohl eher auf den Maastricht-Vertrag und damit auf das Konto der Herren Kohl und Waigel, die ja nur so 1990 mal wieder eine Wahl gewinnen konnten.

    "Ein Lehrer sollte halt nicht Finanzminister sein, genauso wenig ,wie ein Sozialpädagoge mit Hintergrund im Kommunistischen Bund" schreiben Sie weiter.

    Aber eine Physikerin ist dann wohl nach wie vor die beste Kanzlerin aller Zeiten, auch wenn sie wohl ohne extreme Anpassung an das damals herrschende SED-Regime nie und nimmer hätte studieren können?

    Und was überhaupt hat das mit dem Aritkel über Italien und einen doch eher merkwürdigen "Expertenkreis" zu tun?

    "Diesen ideologischen Eurokraten und Tugendpolitikern haben wir den ganzen QUark doch zu verdanken." schreiben Sie.

    Da haben Sie vollkommen Recht, allerdings geht die Euro-Einführung inklusive aller Bestimmungen und - was das "GEMEINSAME Wirtschaften" angeht - leider auch NICHT-Bestimmungen ja wohl eher auf den Maastricht-Vertrag und damit auf das Konto der Herren Kohl und Waigel, die ja nur so 1990 mal wieder eine Wahl gewinnen konnten.

    "Ein Lehrer sollte halt nicht Finanzminister sein, genauso wenig ,wie ein Sozialpädagoge mit Hintergrund im Kommunistischen Bund" schreiben Sie weiter.

    Aber eine Physikerin ist dann wohl nach wie vor die beste Kanzlerin aller Zeiten, auch wenn sie wohl ohne extreme Anpassung an das damals herrschende SED-Regime nie und nimmer hätte studieren können?

    Und was überhaupt hat das mit dem Aritkel über Italien und einen doch eher merkwürdigen "Expertenkreis" zu tun?

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