Im Stadtteil Ginza im Zentrum Tokios © Reuters

Bisher hatte Okamoto Atsuko das Glück, aus dem ländlichen Okayama zu kommen. Als Einwohnerin der dünn besiedelten Region im Westen Japans gehört sie einem Wahlbezirk an, den sie sich mit weniger als 300.000 weiteren Wahlberechtigten teilen muss. "Wenn ich jetzt nach Osaka ziehe", sagt die gerade graduierte Politikstudentin, die dort demnächst ihren ersten Job beginnt, "wird meine Stimme viel weniger wert sein." Denn ihr künftiger Wahlbezirk in Japans zweitgrößter Metropole zählt weit über 400.000 potenzielle Wähler – entsendet aber die gleiche Anzahl Politiker ins Parlament. "Natürlich ist das unfair", sagt Atsuko.

Wie in einigen anderen Staaten auch folgen Japans Wahlen de facto nicht mehr dem Prinzip "one man, one vote", dass also jede Stimme das gleiche Gewicht hat. Für Einwohner der großen Städte, wie es künftig auch auf Okamoto Atsuko zutrifft, besteht seit Kurzem aber neue Hoffnung. Vergangene Woche befanden die Gerichte von Hiroshima sowie Atsukos Heimat Okayama, dass die japanischen Unterhauswahlen vom Dezember letzten Jahres verfassungswidrig sind. Ein gutes Dutzend Gerichte schloss sich dem Urteil an. Hiroshima und Okayama forderten die Politik auch auf, das Wahlrecht zu ändern.

Der Grund ist, dass Japans System historisch überholt ist. 300 der 480 Sitze im Unterhaus werden durch Einzelwahldistrikte besetzt, in denen nur der erfolgreichste Kandidat gewinnt. Doch die Einteilung dieser Distrikte stammt aus Zeiten, in denen die Bevölkerung gleichmäßiger über die japanische Landfläche verteilt war als heute. Mit dem raschen Wirtschaftswachstum in den Nachkriegsjahrzehnten setzte aber eine Landflucht ein, sodass sich die urbanen Gegenden auf Kosten der ländlichen Gebiete stärker bevölkerten. Jedoch wurde die Größe der Wahlbezirke niemals entsprechend angepasst, was zu einer Benachteiligung der Stadtgebiete geführt hat: Eine Stimme aus der ländlichen, südwestlichen Präfektur Kochi war bei der Parlamentswahl im Dezember etwa 2,43-mal so viel wert wie eine aus Chiba im Großraum Tokio.

In Ländern wie Großbritannien ist es nicht besser

Dem auch in Japans Verfassung festgeschriebenen Prinzip der Gleichheit werden die Wahlen kaum mehr gerecht. Schon 2011 hatte der Oberste Gerichtshof entschieden, dass auch die Unterhauswahlen von 2009 verfassungswidrig gewesen waren. Die Politik gelobte eine Reform, doch seither hat sich kaum etwas getan. Unterdessen urbanisiert sich das Land weiter. Jährlich wächst Japans Stadtbevölkerung um 0,2 Prozent, sodass sich die Situation 2012 gegenüber jener Wahl drei Jahre zuvor noch verstärkt hat. "Die Verzerrungen, die durch dieses Ungleichgewicht entstehen, sind so schwer, dass sie unter der Verfassung nicht mehr geduldet werden können", erklärte Junko Ikadatsu, die Richterin in Hiroshima, ihr Urteil.

Dabei steht Japan mit seiner Situation nicht alleine da. Gerade in Ländern, wo nicht wie in Deutschland das Verhältniswahlrecht, sondern eine Form des Mehrheitswahlrechts herrscht, kommt es zu solchen Problemen. So besteht etwa auch in Großbritannien ein gravierendes Ungleichgewicht zwischen verschiedenen Wahlbezirken. Derzeit brauchen die regierenden Konservativen in der Regel über neun Prozent mehr Stimmen als die Labour Party, um bei einer Wahl die Mehrheit zu erreichen.

Was die absolute Anzahl an Stimmen angeht, reicht für Labour dagegen ein Gleichstand, um einen Wahlsieg einzufahren. Der Grund in Großbritannien ist, dass viele Menschen aus den Stadtzentren, wo die Labour Party meist beliebter ist, in die Vororte ziehen, wo wiederum die Konservativen dominieren. Ähnliche Benachteiligungen, die insbesondere durch Massenbewegungen der Bevölkerung entstehen, wurden unter anderem in Kanada und den USA kritisiert.