EU-BeitrittKosovo sollte sich Südtirol zum Vorbild nehmen

Erneut drohen im Kosovo Gewaltausbrüche zwischen Albanern und Serben. Ein Modell für das zukünftige Zusammenleben sind die Südtiroler in Italien, kommentiert D. Alimpic. von Danko Alimpic

Mitrovica

Eine Barrikade aus Schutt im nördlichen, serbisch dominierten Teil der kosovarischen Stadt Mitrovica.   |  © REUTERS/Marko Djurica

Südosteuropa gilt als Vorzeigeterrain der EU-Außenpolitik. Stark hat sich die Union in der Aussöhnung von Serben und Albanern engagiert, da zwischen ihnen im Kosovo 1999 der vorerst letzte Krieg der Region stattfand. Den zähen Gesprächsprozess hat nun ein Paukenschlag unterbrochen: Die Verhandlungen zwischen Serben und Albanern über den Kosovo sind gescheitert. Wie die EU-Chef-Außenpolitikerin Catherine Ashton befand, war "der Graben schmal, aber tief". Serben und Kosovo-Albaner konnten sich nicht einigen, welche Rechte die im Kosovo lebenden Serben künftig bekommen sollten. Sie stellen rund fünf Prozent der etwa 1,8 Millionen Bewohner des Kosovo. Für den jungen Staat ist die serbisch-albanische Frage ein Sprengsatz.

Danko Alimpic

ist serbischer Historiker, er wurde in Belgrad geboren und wuchs in Deutschland auf. Er arbeitete mehrfach für die OSZE als Wahlbeobachter in verschiedenen  Balkanländern und ist als Publizist für Zeitungen in Deutschland und Serbien tätig. Er lebt in Braunschweig und Belgrad.
 

Die Regierung in Belgrad fordert, dass die Serben ihr alltägliches Leben selbst und autonom organisieren sollen. Doch die Regierung in Prishtinë fürchtet, dass vor allem der Norden um die Stadt Mitrovica, wo sehr viele Serben leben, dieses ausnützen könnte, um sich abzuspalten. Konkret geht der Streit um die Befugnisse und die Zusammensetzung von Polizei und Gerichten.

An dieser Verwaltungsfrage auf Gemeindeebene kann jetzt der EU-Beitritt Serbiens und des Kosovo scheitern. Die EU hat eine Einigung zur Voraussetzung einer Mitgliedschaft gemacht. Die Ereignisse in dieser Provinz können also dramatische Folgen für gleich zwei Völker haben. Wie könnte ein Kompromiss aussehen?

Anzeige


Man muss nicht lange suchen, um in Europa einen vergleichbaren Fall zu finden, nämlich Südtirol. In dieser heute italienischen Provinz lebt eine deutschsprachige Minderheit, sie kann sich dort selbst verwalten, ihre Bürger können Kultur und Sprache pflegen, bleiben dabei aber italienische Bürger. Zugleich hält der Nachbarstaat Österreich ein scharfes Auge auf die Einhaltung ihrer Rechte durch den italienischen Staat. So könnte man es auch im Kosovo machen. Man ersetze nur deutschsprachige Italiener durch die Serben im Kosovo.

Die Gefahr des Separatismus bannen

In der Folge müssten die Serben volle Bürger des Kosovo werden, was ihnen schwer fallen wird, aber die einzige Möglichkeit ist, um eine von Prishtinë anerkannte autonome Verwaltung zu bekommen – und Serbien als Garant dieser Ordnung noch obendrein. In diesem Arrangement wäre die Gefahr des Separatismus gebannt. Man schaue nur auf Südtirol, das sich trotz gelegentlicher Reibereien zwischen deutschsprachiger Minderheit und italienischer Mehrheitsbevölkerung sicher in Italien befindet. Nicht zuletzt durch die Mitgliedschaft Österreichs und Italiens in der EU gab es nie einen Grund, sich abzuspalten. Die Grenzen stehen offen, die Bürger müssen am Übergang heute noch nicht mal mehr die Pässe zeigen. Das ist ein Modell.

Abschreckend hingegen sind andere Beispiele aus Südosteuropa. In Bosnien-Herzegowina wollen sich die bosnischen Serben lieber heute als morgen aus dem in Dayton 1996 gegründeten Gesamtstaat verabschieden. Auch gibt es bei den Albanern potenzielle Separatisten, nämlich in drei albanischen Gemeinden in Südserbien und viele Albaner im benachbarten Makedonien.

Die gescheiterten Verhandlungen werfen heute schon ihre Schatten auf den Kosovo. Bei Nacht bewachen die Serben in der Stadt Mitrovica die Straßen, damit kein Albaner in ihre Stadthälfte herüberkommt. Und die Regierung in Prishtinë kündigt ihrerseits an, für Recht und Ordnung im Norden sorgen zu wollen. Ein Aufflammen des alten Konfliktes ist jederzeit möglich. Deshalb ist eine neue Verhandlungsrunde zwischen Serben und Albanern mit geänderten Vorschlägen nach dem Modell Südtirol absolut überfällig.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Im südlichen Tirol, das dem Nationalstaat Italien nach dem Ersten Weltkrieg als Kriegsbeute zugefallen ist, lebt nicht eine "deutschsprachige Minderheit". Vielmehr sind die deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler die große Mehrheit in ihrem Land. Man kann Südtirol und Kosovo daher nicht vergleichen. Sehr fraglich ist, ob die Südtirol-Autonomie als Modell für Kosovo dienen kann. In Südtirol wird Kosovo als Modell bewundert, vor allem in den Kreisen, die Südtirol wieder von Italien trennen und mit Nord- und Osttirol vereinen wollen. Was für Kosovo möglich war, sollte auch für Südtirol möglich sein.

    16 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Tatoth
    • 16. April 2013 16:42 Uhr

    Nach dem ich die Überschrift gelesen habe, dachte ich ja zuerst daran das der Artikel den Vorschlag der Angliederung des Kosovo an Serbien mit Autonomierechten für diese Provinz vorschlägt. So wäre, meiner Meinung nach, auch ein Vergleich mit Italien und Südtirol sinnvoller.

    Sonst würde, wie Tiroler schon schrieb, bei einem Gleichnis eher die Loslösung Südtirols von Italien logisch erscheinen.

    • Tatoth
    • 16. April 2013 16:42 Uhr

    Nach dem ich die Überschrift gelesen habe, dachte ich ja zuerst daran das der Artikel den Vorschlag der Angliederung des Kosovo an Serbien mit Autonomierechten für diese Provinz vorschlägt. So wäre, meiner Meinung nach, auch ein Vergleich mit Italien und Südtirol sinnvoller.

    Sonst würde, wie Tiroler schon schrieb, bei einem Gleichnis eher die Loslösung Südtirols von Italien logisch erscheinen.

    12 Leserempfehlungen
  2. Die Bomben nationalistischer und neonazistischer Südtiroler sind schon vergessen? Wenn die ein Vorbild sind, dann haben die Kosovaren noch ein paar Jahrzehnte Terror vor sich.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es hat keine Bomben nationalistischer und neonazistischer Südtiroler gegeben. Die biederen Südtiroler haben mit vollem Recht gegen einen Staat gekämpft, der sich zwar demokratisch genannt hat, aber die faschistische Unterdrückungspolitik in jeder Hinsicht (auch personell) ohne Unterbrechung weitergeführt hat. Die Attentate habe dazu beigetragen, dass wieder halbwegs demokratische Zustände eingekehrt sind. In diesen Kampf haben auch faschistisch beeinflusste italienische Geheimdienste sowie nationalsozialistisch unterwanderte deutsche Geheimdienste Hand in Hand mitgemischt, um den Freiheitskampf zu diskreditieren. Kosovo hat die Zeit der Bomben schon hinter sich, und auch in Südtirol denkt niemand mehr an Gewalt, es sei denn der Faschismus käme wieder an die Macht.

  3. H. Danko Alimpic ist unfassbar schlecht informiert. Man sollte sich ein bisschen mehr mühe geben.

    "...Zentral am Südtirol-Paket ist der "ethnische Proporz". Dieser steht allen drei Sprachgruppen Gleichwertigkeit zu. (Einer Statistik zufolge sprechen etwa 68% der 440.000 Einwohner Deutsch, 27% Italienisch, und der Rest Ladinisch.)

    Die Vergabe von Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst (vom Straßenkehrer bis zum Juristen), auch die Vergabe von Kindergartenplätzen und Sozialwohnungen orientiert sich nun an der Größe der jeweiligen Sprachgruppe. So versucht man gerecht zu sein. Um dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung zu tragen, werden alle zehn Jahre in einer verpflichtenden Volkszählung die genauen Zahlen neu erhoben.

    Vor dem Paket gab es ständig Probleme und Schikanen. Die Festlegungen des "Pariser Abkommens" wurden keineswegs immer eingehalten. Es kam zu absurden Maßnahmen. So wurde etwa Italienisch als "Amtssprache" auf Fußballplätzen verordnet – und ausgerechnet einen Italiener aus dem Vintschgau mahnte man bei einem lokalen Freundschaftsspiel ab, weil er beschwichtigend auf einen Freund einredete und sich dabei, so wie er es gewohnt war, der deutschen Sprache bediente..."
    http://home.eduhi.at/user...

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • 29C3
    • 16. April 2013 17:57 Uhr

    entspricht der Tatsache, dass zur Definition der Minderheit das ganze Land herangezogen wird, ergo Italien, in dem diese - lokale Mehrheit - ihre lokale Autonomie genießt.

    • Karst
    • 16. April 2013 17:48 Uhr

    Solche Vergleiche und Lösungsvorschläge scheinen auf den ersten Blick immer genial, scheitern aber meist an der Realität. Denn es gehört viel mehr dazu, als nur die Mehrheit-Minderheit-Variable. (Politische) Geschichte, Kultur und die erwähnte Nähe eines grösseren "Bruderstaates" haben Einfluesse auf solche Lösungsmodelle, die meist ausgeblendet oder uebersehen werden.

    Die Frage nach Gruppenrechten und Autonomie innerhalb eines Staates brennt auf der Agenda unzähliger multiethnischer Gesellschaften auf der Erde und die wenigsten haben stabile und langfristige Lösungen gefunden. Und auch in der westlichen Welt, die deutlich weniger von (ethnischen) Konflikten geplagt ist, sind Föderationen und Autonomieregelungen auf dem absteigenden Ast (Belgien, Kanada).

    Ein Historiker sollte so etwas eigentlich wissen und nicht den Eindruck erwecken, dass man nur die richtige Lösung braucht, wie es dieser Artikel tut. Natuerlich sind Vorbilder gut und wichtig, aber ein solch komplexes Thema in einen so kurzen Artikel zu verpacken, ist fuer meinen Geschmack dann doch etwas zu wenig. Inwieweit Tirol und Kosovo tatsaechlich vergleichbar sind, wird gar nicht behandelt. Tatsächlich reiht sich der Artikel nahtlos ein in eine jahrzehntelange Tradition des Missverstehens von Gesellschaften und vermeintlich einfachen, eindimensionalen Lösungen, die alles tun, aber nie die zugrundeliegenden (sprich: die Wurzeln) Probleme angehen.

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dem zugrunde liegt mMn gar nicht so sehr ein Mißverstehen sondern ein Nicht-wahr-haben-wollen der Bedeutung, der Wichtigkeit der ethnischen Identität. Und dies ist der Ursprung der Multi-Kulti-Träume unserer Links-Liberalen. Aus dem Entsetzen über den Rassismus des deutschen Faschismus entsprang der Wunsch, ethnische Identität in Zukunft zu negieren. Nur wenn es um indianische Naturvölker oder Nordirland oder von China beherrschte Tibeter geht, darf man als guter Mensch an Identitäten und ein "Recht auf Heimat" denken.

    Doch sehen wir überall, Kanada, Belgien, Kosovo, Baskenland, Südtirol, Baltikum - und natürlich vor allem im sogenannten Schmelztiegel USA - daß die Ethnien untereinander bleiben. Bestenfalls. Schlimmstenfalls gehen sie aufeinander los.

  4. zugebilligt hat, müsste man eigentlich auch den Serben zugestehen, zumal hier ja kein nicht lebensfähiger Mini-Staat entstehen würde. Das Nord-Kosovo würde einfach zu Serbien gehören (ggf. auch die die serbische Enklave im Zentralkosovo).

    11 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • 29C3
    • 16. April 2013 18:47 Uhr

    verordnete und kontrollierbare Lösung sein, Denn Europas Grenzen sind das Ergebnis der jahrhunderte anhaltender Kämpfe und Kriege (siehe Spanien, Frankreich, Belgien, Großbritanien, Ungarn, Rumänien, ...).

    Gerade deshalb war eine neue Grenzziehung auf dem Balkan alles andere als eine "Lösung", wird sie doch auch für Blinde offensichtlich selektiv angewendet, d.h. auf der einen Seite regelrecht erzwungen, und auf der anderen Seite offiziell untersagt.

    Dass die ofizielle Spitze der Bundesrepublik sich dorthin breitbeinig vor die Menschen stellt und in die Mikrofone von oben herab verkündet:
    "Mit der Unabhängigkeit Kosovos ist das Kapitel von Grenzziehungen und Abspaltungen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien abgeschlossen. Die Landkarte des Westlichen Balkan ist fertig gezeichnet. Die Unabhängigkeit Kosovos und seine territoriale Integrität sind Tatsachen."
    (Quelle: Auswärtiges Amt)

    ist an und für sich ein politischer Gewaltakt, dessen Übereinstimmung mit der eigenen, bundesdeutschen Verfassung im übrigen nicht spannungsfrei.

    Im Hinblick auf die Geschichte Europas und den europ. Integrationsprozess war der in Wien abgelehnte Vorschlag, auf Kosovo eine UN- und EU-überwachte Autonomie einzurichten, nicht nur sachlich richtig, sondern seine Ablehnung selbst (Washington) womöglich gar die Keimzelle für die neuen Probleme. Kürzerhand später ging der Aufstand der Albaner in Mazedonien los, und nun gibt es zwei albanische Nationalstaaten direkt nebeneinander.

    • 29C3
    • 16. April 2013 17:57 Uhr

    entspricht der Tatsache, dass zur Definition der Minderheit das ganze Land herangezogen wird, ergo Italien, in dem diese - lokale Mehrheit - ihre lokale Autonomie genießt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "...nämlich Südtirol. In dieser heute italienischen Provinz lebt eine deutschsprachige Minderheit"

    Nochmal: Diese Aussage ist schlicht falsch. 68% deutschsprachige sind keine Minderheit.

    Was gibt es da noch zu diskutieren???

  5. Dem zugrunde liegt mMn gar nicht so sehr ein Mißverstehen sondern ein Nicht-wahr-haben-wollen der Bedeutung, der Wichtigkeit der ethnischen Identität. Und dies ist der Ursprung der Multi-Kulti-Träume unserer Links-Liberalen. Aus dem Entsetzen über den Rassismus des deutschen Faschismus entsprang der Wunsch, ethnische Identität in Zukunft zu negieren. Nur wenn es um indianische Naturvölker oder Nordirland oder von China beherrschte Tibeter geht, darf man als guter Mensch an Identitäten und ein "Recht auf Heimat" denken.

    Doch sehen wir überall, Kanada, Belgien, Kosovo, Baskenland, Südtirol, Baltikum - und natürlich vor allem im sogenannten Schmelztiegel USA - daß die Ethnien untereinander bleiben. Bestenfalls. Schlimmstenfalls gehen sie aufeinander los.

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Karst
    • 16. April 2013 23:54 Uhr

    Das habe ich gar nicht gemeint, insbesondere denke ich ueberhaupt nicht in Bahnen a la "die links-liberalen Träumer".

    Und ich meinte tatsächlich, dass man in unseren Breitengraden die multiethnischen Gesellschaften einfach nicht versteht. Das sieht man wunderbar an dem Versagen der gesamten westlichen Welt in Afghanistan, wo man davon ausgeht, dass man ein zentralistisches Kabul-System durchsetzen könnte. Und das hat nicht mit nicht-wissen-wollen zu tun, denn mehr Stabilität wuenscht man sich auch in Washington, London und Berlin. Wenn sie es könnten, wuerden sie es tun. Sie können es aber nicht.
    Und dasselbe wiederholt sich rund um den Globus. In Mali, in Syrien, in Burma (Myanmar) und so weiter.

    Multiethnische Staaten sind nicht per se zum Scheitern verurteilt, das habe ich zu keinem Zeitpunkt ausdruecken wollen. Ich kritisierte die typische schwarz-weiss Malerei des Autors, die seit Jahrhunderten die Diskurse in der westlichen Welt bestimmt. Einen Historiker, der tatsächlich mit dem Argument aufwartet "In Suedtirol geht das, dann muss das auch im Kosovo gehen" kann ich nicht wirklich ernst nehmen. Dass die ZEIT sowas auch noch hier publiziert zeigt mir nur mal wieder, dass auch vermeintliche Qualitätsblätter mehr auf wohlklingende Artikel setzt, als auf realistische und sachliche Arbeit.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Europäische Union | Kosovo | Catherine Ashton | EU-Beitritt | Italien | Minderheit
Service