Leserartikel

KoreaPropaganda und Herzlichkeit in Pjöngjang

Seit fünf Jahren lebt Leser Philipp Richardsen in Seoul. Bei einem ersten Besuch im Norden erlebte er Armut, Verfall, Propaganda und große Empathie. von Philipp Richardsen

Offensichtlicher Verfall in Pjöngjang

Offensichtlicher Verfall in Pjöngjang  |  © Philipp Richardsen

Seit 2007 lebe ich in Seoul und bin dort als Professor für Klavier tätig. Seitdem interessiert mich auch das andere Korea im Norden. Vor einigen Monaten habe ich eine Reise gebucht für Anfang April. Ich ahnte nicht, dass die politische Lage sich gerade zu diesem Zeitpunkt zuspitzen würde.

Als Teil einer etwa zwanzigköpfigen Reisegruppe komme ich in Pjöngjang an. In Südkorea lebende Ausländer dürfen offiziell nicht nach Nordkorea reisen. Wer allerdings auf dem Visumsantrag Wohnsitz und Arbeitgeber ins Heimatland verlegt, kann mit einer Genehmigung zur Einreise rechnen.

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Bei der Busfahrt vom Flughafen in die Hauptstadt die ersten Eindrücke: leere Straßen und Menschen in schlichter Arbeitskleidung, die Felder mit Ochsen und Pflugscharen bearbeiten. Diese Bilder erscheinen mir wie eine Reise in die Zeit kurz nach dem Korea-Krieg, der 1953 endete. Bald sind wir in der Stadt, die Zeitreise führt mich weiter, diesmal in den Ostblock zur Zeit des Kalten Krieges: Architektur Marke Honecker mit der Besonderheit, dass offensichtlicher Verfall jeden Anflug von Retro-Charme überdeckt.

Charmant hingegen ist die koreanische Reiseführerin, eine junge Gesangsstudentin, die uns in gutem Englisch und mit heller Sopranstimme die Sehenswürdigkeiten und den Kampf des Sozialismus für eine bessere Gesellschaft nahebringt. Die Mitreisenden, viele zum ersten Mal in Korea, bestaunen Führerkult und adrette Verkehrspolizistinnen. Vereinzelt sehen wir Straßenkreuzungen mit Ampeln, Erwachsene mit Handys und Kinder mit Inlineskates. Das sind neue Phänomene in Nordkorea.

Was die meisten von uns zwar sehen und hören, aber sprachlich bedingt nicht verstehen können, ist die allgegenwärtige Hasspropaganda: kein Hochhaus ohne großflächige Beschriftung, keine U-Bahn ohne Dauerbeschallung. Die Zeitung der Arbeit kennt auch nur ein Thema: Sätze wie "Lasst uns die amerikanischen Besatzer und ihre Sklaven auf ewig in den Abfalleimer der Geschichte werfen!" scheinen die Nordkoreaner nicht als pathetisch überzogen, sondern als normal wahrzunehmen. Dieser Kontrast zum offiziellen Tourprogramm irritiert mich.

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Ein Gespräch mit unserer Reiseführerin zeigt mir die emphatische Seite Nordkoreas. Als ich ihr am zweiten Tag in ihrer Sprache anvertraue, wo ich lebe, ist sie hellauf begeistert. Südkoreaner hat sie nie gesehen. Sie fragt mich, warum die Menschen auf der anderen Seite der Grenze sich nicht für eine Wiedervereinigung interessieren würden.

Ich versichere ihr, dass die Menschen im Süden den gleichen Traum von einem geeinten Korea haben und zugleich den Frieden aufrechterhalten wollen. Sie ist sichtlich bewegt. Mir geht es ebenso, vor allem, als sie zum Abschied der ganzen Gruppe ein Lied vorsingt, das unseren gemeinsamen Wunsch ausdrückt. Dasi mannayo heißt es – "Wir treffen uns wieder".

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Leserkommentare
  1. ... irgendwann befreit haben, können die Menschen dort auch endlich die Vorteile einer freien Konsumgesellschaft erfahren:

    1,5 Autos für jeden, Dauerberieselung mit Werbung, Appes, Smartphones, Medienkonsum, Karriere, Business, 0%-Finanzierungen im Elektronikmarkt, Datenhandel, Schiffsbeteiligungen, Fotos von arrangierten Delikatessen im Facebook-Stream und all die Millionen, ultrawichtigen 140-Zeichen-Tweets auf Twitter sowie ++Eilmeldungen++, wenn die Unze Gold nur noch 1,4k USD kostet!

    Hoffentlich springen nicht 24 Mio. Nordkoreaner von der Brücke, wenn sie endlich die totale Freiheit bekommen haben.

    10 Leserempfehlungen
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    ... Unfreiheit lebt, wirklich das Paradies, denn er wird ja nicht gezwungen, bei dem ganzen Zeug mitzumachen. Ganz im Gegensatz zu seinem Heimatland, wo sich die Dauerberieselung mit Propaganda nicht einfach abstellen lässt.

    nach Nordkorea zu gehen. Da können sie dann Brücken bauen. Ob sie wollen oder nicht.

    Ja, ich schimpfe auch gerne über unseren Staat (die Gesellschaft, über die Ossis, über die Politiker, über die Ausländer oder über den Michel der sich in Foren aufregt und mehr nicht). Aber im Gegensatz zu Nord Korea kann ich dass, ohne das es an meiner Tür klingelt!

    Obwohl ich es mir wünschen würde, dass die Menschen dort frei entscheiden könnten, weiß ich nicht ob ich einen Krieg zustimmen könnte.
    Vielleicht ist mein Horizont zu begrenzt da ich der Meinung bin, dass ein Krieg die einzigste Möglichkeit wäre die Menschen dort zu befreien!

    würde ich mir zur "Befreiung" Nordkoreas andere Sorgen machen. Ich sehe weniger das Problem, dass nach einem Zusammenbruch dieses totalitären, menschenverachtenden Systems mit ständigem Hunger, Führerkult und Todeslagern ein Mc Donalds aufmacht, sondern dass die größtenteils ungebildete und fernab jeglicher Realität lebende Bevölkerung entweder durch einem Krieg, der vom Regime zum Überlebenskampf angezettelt wird, elendig verreckt oder aber 24 Mio Nordkoreaner als Wirtschaftsflüchtlinge in die angrenzenden Gebiete flüchten und dann keinerlei Lebensgrundlage mehr haben.

    Ansonsten wäre Ihr Leben vielleicht einfach schon dadurch zu verbessern, dass Sie sich bei Facebook abmelden und Ihr Auto verkaufen. Sollten Sie sich dennoch entscheiden, nach Nordkorea aufzubrechen, wäre das aber sicher eine tolle Idee für eine dieser Auswanderreportagen.

    ...verglichen mit der Gnade, in einem kommunistischen 1984 zu leben mit der Aussicht, bei einem falschen Lächeln die nächsten vierzig Jahre in einem nordkoreanischen Arbeitslager Sklavenarbeit zu verrichten. Dagegen ist unsere Konsumgesellschaft wahrlich eine Bürde.

    Sie müssen bei uns weder 1,5 Autos kaufen, noch sich der Dauerberieselung mit Werbung aussetzen, noch Appes konsumieren oder Smartphones kaufen, weder Medien konsumieren, Karriere machen, ein Business aufziehen, 0%-Finanzierungen im Elektronikmarkt in Anspruch nehmen, mit Daten handeln, Schiffsbeteiligungen erwerben, Fotos von arrangierten Delikatessen im Facebook-Stream anschauen oder Tweets auf Twitter absetzen. Sie können das alles abwählen und sich davon fernhalten. Das Prinzip nennt sich Freiheit.
    [...]

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf einen respektvollen Ton. Danke, die Redaktion/sam

    ....dass Sie sich dazu haben hinreissen lassen, einen Kommentar zu schreiben, der sich des finalen Zynismus als Selbsttherapie bedient. Wie Ihnen bereits andere Foristen zu bedenken gegeben haben, können Sie in der freien Welt das tun oder lassen, was Sie wollen. Das "Tun" ist in einer hochentwickelten Industriegesellschaft allerdings vom "Können" abhängig. Wenn zwischem dem "Wollen" und dem "Können" eine grosse Kluft besteht, sind Frustrationen die reaktive Antwort darauf. Ohne Ihnen nahetreten zu wollen: Sie scheinen sehr unzufrieden zu sein in unserer, wenn auch relativ, freien Welt.

    • b_s
    • 20. April 2013 12:25 Uhr

    Die Probleme und Schwächen unserer Konsumgesellschaft als potenzielle Bedrohung für die unterdrückten Nordkoreaner darzustellen, ist geschmacklos. Natürlich wird der Übergang zur Freiheit nicht einfach. Aber Freiheit bedeutet in erster Linie seine Meinung frei zu äußern und ohne Angst vor Repressalien zu leben. Tauschen Sie für einen Tag mit einem Nordkoreaner, danach werden sie ihre hier geäußerte Meinung wohl sofort wieder überdenken!

    die sie da so geflissentlich gleichmütig beschrieben, wer sagt Ihnen, dass Sie das nicht nur so locker runterschreiben können, weil Sie einen vollen Bauch haben und ihre Unterwäsche nach Persil oder Lenor duftet, und, wenn ihr Zug Mal zu spät kommt, jederzeit der Oma mit dem Handy anrufen können !!! ???

    • mugu1
    • 24. April 2013 9:28 Uhr

    ob ich der einzige bin, der in Ihrem Beitrag neben einer guten Portion durchaus gerechtfertigter Gesellschaftskritik an uns auch die Ironie erkennt, die Sie da ansprechen.

    Mir jedenfalls - als ein Mensch, der als "Klein"kapitalist sowohl Kritik ertragen kann als auch Humor besitzt (wage ich zu behaupten) - gefällt Ihr Beitrag.

  2. ... Unfreiheit lebt, wirklich das Paradies, denn er wird ja nicht gezwungen, bei dem ganzen Zeug mitzumachen. Ganz im Gegensatz zu seinem Heimatland, wo sich die Dauerberieselung mit Propaganda nicht einfach abstellen lässt.

    19 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Wenn wir Nordkorea ..."
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    ... falten Zitronen? Man muss hier den Meinungsterror und den Marketingoverkill nicht mitmachen?

    Aber nur als EInsieldler im niederbayerischen Wald.

    Man könnte von der plumpen Überwachung und Manipulation des ganzen Volkes zu eleganteren Formen mit modernster Heimelektronik, Navigationstechnik, Mobilfunk und Internet übergehen. Ein ganzes Volk 24 Std. tgl. live für den Geheimdienst zugänglich. Ein Traum! Dafür lohnt der Wechsel.

  3. genauso konsequent inden armen Ländern Europas und Quartieren in de grösseren Städten? Vermutlich nicht... denn dort geht ja niemand hin der dort nicht wohnt.

    Die Armenhäuser Europa ssind aber genau so lehrreich was akteulle Oekonomsiche und Politische systeme angeht... und direkt vor der Haustüre. Rumänien, Bulgarien die Baltischen Länder, Ungarn, Polen, Griechenland, Protugal, spanien... wo bitte schön ist da der Erfolg, die Tilhabe der Masssen zu Erkennen? Zweistllige Arbeitslsoenraten, permanent schön gerdet und schön grechent.

    Europaweite Wanderarbeiter... ein Neoliberaler Traum bestehenden aus Billistlohnarbeitern die möglichst keine Vertragliceh Bindung wollen, flexibel, und Teil der Lösung gegen Arbeitslosigkeit.

    Auf der anderen Seite der Shareholdervalue der basierend auf den MAI verträgen aus den 90' die gesellschaften systematisch weiss zu plündern, zu erpressen und dabei auch noch gleich Demokratische Spielregeln auf die wir hier so stotz sind in den Dreck ziehen...

    Demokratie muss Marktfähig sein... sagt man uns hier.

    ...Nioch mehr gefällig...?

    Warum machen wir es nicht besser?

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  4. ... falten Zitronen? Man muss hier den Meinungsterror und den Marketingoverkill nicht mitmachen?

    Aber nur als EInsieldler im niederbayerischen Wald.

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    ...etwas was in Nordkorea nicht möglich ist - einmal weil es kein Internet gibt und zweitens weil sie dafür ins Gefängnis kämen. Da ist Ihre Meinung nämlich nicht gefragt.

    • scg
    • 19. April 2013 19:04 Uhr

    Sie müssen hier aber auch keine negativen Konsequenzen fürchten, wenn Sie sich gegenüber dem "Meinungsterror" und "Marketingoverkill" negativ äußern (auch wenn man nicht als Einsiedler im niederbayerischen Wald wohnt)

    Entfernt. Bitte füllen Sie Ihre Beiträge mit Inhalten. Danke, die Redaktion/jz

    aber wohl weit verbreitet, es sich hier als angeblicher Systemgegner dermaßen leicht zu machen.

    Keine Reflektion, keine Aufarbeitung, keine wirkliche Kritik, nichts.

    Einfach nur dumme Sprüche. Das ist nicht nur zu wenig, das ist eine - leider sattsam bekannte - Bankrotterklärung.

    Indes - nichts anderes war zu erwarten.
    Deutschland halt, nicht wahr, das Land des wohlfeilen Geschwätzes.

  5. n. Das klingt sehr interessant. Propaganda ist natürlich blöd, aber wo gibt's die nicht?

    "Ich versichere ihr, dass die Menschen im Süden den gleichen Traum von einem geeinten Korea haben und zugleich den Frieden aufrechterhalten wollen."

    Tja, Wieder mal das alte Problem. Die Leute wollen Frieden und Verständigung aber die politische Elite kumpelt mit den USA und ziehen Jahr für Jahr als üble Provokation ein Manöverspektakel an Nordkoreas Grenzen auf, um ja keine Entspannung auskommen zu lassen.

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    • scg
    • 19. April 2013 19:12 Uhr

    hätte ich auch lieber die Amis samt ihrer Streitkräfte als Schutzmacht vor der Haustür als die Nordkoreaner im Land, die vermutlich fix versuchen würden einzumarschieren um eine "Vereinigung" nach ihrem Gusto herbei zu führen, wäre ja nicht das erste Mal. Ich glaube es war Caesar der sagte: "Man hat immer eine Armee im Land. Entweder eine eigene, oder eine fremde"

  6. ...etwas was in Nordkorea nicht möglich ist - einmal weil es kein Internet gibt und zweitens weil sie dafür ins Gefängnis kämen. Da ist Ihre Meinung nämlich nicht gefragt.

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    • scg
    • 19. April 2013 19:04 Uhr

    Sie müssen hier aber auch keine negativen Konsequenzen fürchten, wenn Sie sich gegenüber dem "Meinungsterror" und "Marketingoverkill" negativ äußern (auch wenn man nicht als Einsiedler im niederbayerischen Wald wohnt)

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  7. nach Nordkorea zu gehen. Da können sie dann Brücken bauen. Ob sie wollen oder nicht.

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    Antwort auf "Wenn wir Nordkorea ..."
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    dass ich diese "Freiheit" hätte. Nordkorea scheint recht abgeschottet zu sein.

    Mir tun die Nordkoreaner leid, wenn das, was man über Nordkorea liest, stimmt. Aber unser gesellschaftliches System ist nicht weniger krank, es ist nur hübnscher verpackt.

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  • Schlagworte Architektur | Pjöngjang | Reise | Arbeitgeber | Erwachsene | Flughafen
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