Leserartikel

Gefängnis in ParaguayEine Kleinstadt hinter Gittern

Leser Sebastian Klaus hat das größte Gefängnis Paraguays besucht: Dort herrschen die Gesetze der Schwerverbrecher. Elend und Luxus existieren parallel. von Sebastian Klaus

Tacumbú ist voller Schmutz und Schimmel. Gestank von Fäkalien, Schweiß und Müll liegt in der Luft. Das Gefängnis ist hoffnungslos überbelegt.

Seit November 2012 arbeite ich für eine PR-Agentur in Asunción, der Hauptstadt Paraguays. Ein befreundeter paraguayischer Anwalt berichtete mir von den Zuständen in Tacumbú. Als er das  nächste Mal einen Klienten besuchte, begleitete ich ihn. Die Insassen machten einen verstörten Eindruck. Ich spüre ihre Anspannung und Angst. Dieser Ort verstörte auch mich.

Anzeige

In einem Gefängnis sollten ausgebildete Wärter und Kameras ein Mindestmaß an Sicherheit garantieren. Doch Tacumbú, Paraguays größtes Gefängnis, ist ein rechtsfreier Raum. Vergewaltigungen, Erpressung und Mord gehören zum Alltag.

Das Gefängnis im gleichnamigen Stadtteil Asuncións ist für weniger als 1.000 Insassen ausgelegt. Es beherbergt aber derzeit etwa 3.700 Menschen. Dazu gehören Kleinkriminelle wie Steuersünder und Landbesetzer. Auch Vergewaltiger und Mitglieder des organisierten Verbrechens sitzen hier ein. Räumlich getrennt sind sie nicht.

Es gibt zwar eigene Sektionen für Schwerverbrecher, aber die sind nur symbolischer Natur. Gerade die harten Fälle gehen zwischen den Bereichen ein und aus, wie es ihnen beliebt; häufig, um zahlungsunwillige Kunden aufzusuchen. Faktisch kontrollieren die kriminellen Bosse, was in Tacumbú geschieht.

Nicht einmal 40 Wärter sollen in Tacumbú für die Sicherheit sorgen. Schlimmer als deren geringe Anzahl ist ihr geringes Interesse an der Sicherheit ihrer Schutzbefohlenen. Die Wärter sind maßgeblich an den meisten Verbrechen im Gefängnis beteiligt. Oft weil sie zur richtigen Zeit Türen öffnen oder schlicht weggucken. Häufig greifen sie auch aktiv ins Geschehen ein, um ihren Mindestlohn von etwa 400 Dollar aufzubessern.

Eis für Mate-Tee und Drogen aller Art

Tacumbú ähnelt mehr einer Kleinstadt, als einem Gefängnis. Es gibt dort Bereiche, die Elendsvierteln gleichen, andere erscheinen wie Luxusquartiere. Mehr als 500 Insassen, die aufgrund der Überbelegung nirgends unterkommen, schlafen irgendwo auf dem harten Boden. Die unterste soziale Schicht bilden Crack-Süchtige.

In den edleren, klimatisierten Räumlichkeiten schauen die wohlhabenden Insassen Kabelfernsehen und tauschen sich via Handy mit ihren Angehörigen aus. Es gibt Läden, in denen sie alles bekommen können. Das Angebot reicht vom Eis für Mate-Tee bis zu Drogen aller Art.

Warum Leserartikel?

Text- und Bildbeiträge unserer Leser bereichern unsere Inhalte um zusätzliche Sichtweisen, Erfahrungsberichte und Meinungen. Sie sind von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen, weil sie es selbst erlebt haben oder unmittelbar betroffen sind. Oder weil sie sich in einem bestimmten Thema sehr gut auskennen. Erzählen Sie unseren Lesern die Geschichten, die wir nicht erzählen können. Und zeigen Sie ihnen die Fotos und Videos, die sie sehen sollten. Zur Artikeleingabe

Leserartikel schreiben

Grundsätzlich ist jedes Thema für einen Leserartikel geeignet, solange Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und einem persönlichen Blickwinkel darüber berichten und keine Rechte Dritter verletzen. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie Hinweise für das Verfassen Ihres Artikels für ZEIT ONLINE. Bitte senden Sie uns Ihren Artikel bzw. Links zu Fotos und Videos über unser Leserartikel-Formular.

Der ZEIT-ONLINE-Wald

© BeneA / photocase.com

Als Dankeschön schenken wir Ihnen für jeden veröffentlichten Leserartikel einen Baum. Seit 2011 haben wir in Zusammenarbeit mit iplantatree.org knapp 1500 Bäume gepflanzt und geben diese nach und nach an unsere Leserartikelautoren ab. So wächst in Berlin Friedrichshagen ein ZEIT ONLINE-Wald heran, genährt von unseren schreibenden Lesern. Aktuell rangiert das "Team ZEIT ONLINE" auf Platz 19 der aktivsten Baumpflanzer des Projektes. Dafür danken wir Ihnen.

Häufig machen die Kiosk-Inhaber im Knast da weiter, wo sie draußen aufgehört haben. Der Drogenhandel, der sie ins Gefängnis gebracht hat, hilft ihnen drinnen, über die Runden zu kommen.

Aussicht auf Besserung ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Die Rückfallquote der aus der Haft Entlassenen sei hoch, sagt Gefängnispastor Félix Duarte Dupont, der seit mehreren Jahren in Tacumbú arbeitet. Von Rehabilitierung keine Spur. Zudem sind 35.000 Haftbefehle noch gar nicht vollstreckt worden. Geld für neue Gefängnisse ist nicht vorhanden.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. So etwas gibt es z.B. auch in Bolivien (San Pedro) und man kann sich das bei Bedarf auch bei inoffizielle Touristenführungen von innen angucken.

    Eine Leserempfehlung
    • Mari o
    • 24. April 2013 10:35 Uhr

    Man guckt immer nach Südamerika und Südamerika macht auch immer wieder fassungslos.Gibt es irgendwo auf der Welt schlimmere Zustände?
    Vielleicht in der Alpenregion

    Eine Leserempfehlung
  2. 3. Worin

    unterscheidet sich die geschilderte Welt von der außerhalb der Gefängnismauern?
    Doch bestenfalls durch eine weitläufigere räumliche Separierung der Luxusbewohner und der Cracksüchtigen.

    2 Leserempfehlungen
    • mieeg
    • 24. April 2013 17:18 Uhr

    übel anzusehen - die Gefängnisse in Asien, Afrika, Südamerika und Mittelamerika. Da braucht es keinen aufgeregten Bericht eines aufrechten Demokraten über ein einzelnes Gefängnis von tausend in duzenden von Ländern auf mindestens 4 Kontinenten. Denn dieser Bericht zielt ganz woanders hin - in diesem Land hat sich das Volk kürzlich mit großer Mehrheit einen neuen Präsidenten gewählt - der diesmal kein aufrechter Sozialist ist sondern der Mitte angehört. Und da muß doch irgendwas her ...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ihnen kommt das scheinbar überflussig vor.
    Sie halten es mehr mit Minister Niebel, der die neuen Machthaber in Paraguay für demokratisch legitimiert hält. Diese Einschätzung wird nicht von jedem Kenner Südamerikas geteilt, selbst das auswärtige Amt war nicht einverstanden.
    Der Artikel beschreibt eindrücklich unhaltbare Zustände, die jede Aufregung wert sind.

  3. Da gibt es Waterboarding und andere Freizeitgestaltungen.

    3 Leserempfehlungen
  4. ihnen kommt das scheinbar überflussig vor.
    Sie halten es mehr mit Minister Niebel, der die neuen Machthaber in Paraguay für demokratisch legitimiert hält. Diese Einschätzung wird nicht von jedem Kenner Südamerikas geteilt, selbst das auswärtige Amt war nicht einverstanden.
    Der Artikel beschreibt eindrücklich unhaltbare Zustände, die jede Aufregung wert sind.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Alle gleich"
  5. 7. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf pauschalisierende Polemik. Danke, die Redaktion/sam

  6. Erst vor wenigen Tagen ging eine Schlagzeile durch durch die deutschen Medien: "Neonazis regieren in deutschen Gefängnissen".
    Offensichtlich bestehen Zusammenhänge zwischen den Verhältnissen im Land und denen hinter Gittern. Das würde auch erklären, warum unsere Politik kein Verbot neonazistischer Parteien umsetzt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Droge | Drogenhandel | Gefängnis | Gestank | Boss | Erpressung
Service