Nordkorea : UN-Generalsekretär Ban fürchtet Fehlkalkulation von Kim Jong Un

Der Korea-Konflikt spitzt sich zu: Der Norden verlegt eine neue Mittelstreckenrakete an die Küste, der Süden schickt Kriegsschiffe. Diplomaten versuchen zu entschärfen.

Atomschlag-Drohungen, Einschüchterung von Diplomaten: Nordkorea provoziert weiter und sorgt damit weltweit für Verärgerung. Das nordkoreanische Militär verlegte erneut eine Mittelstreckenrakete an die Ostküste des Landes, wie die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap berichtete.

Bereits am Vortag hatte das südkoreanische Verteidigungsministerium mitgeteilt, dass Nordkorea eine solche Waffe an die Küste verlegt habe. Die Flugkörper haben eine Reichweite von bis zu 4.000 Kilometern und könnten Südkorea, Japan oder eine US-Militärbasis auf der Insel Guam im Pazifik treffen. Als Reaktion entsandte die südkoreanische Marine zwei mit speziellem Radar ausgestattete Zerstörer, um einen möglichen Raketenstart aufzuzeichnen. Beobachter schließen nicht aus, dass Nordkorea die Raketen am 15. April zu den Feierlichkeiten zum 101. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung abschießen könnte.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte das Regime in Pjöngjang unter Machthaber Kim Jong Un zur Mäßigung und zu einem Kurswechsel auf. "Atomwaffen sind kein Spielzeug", sagte er. Es bestehe die Gefahr, dass der Konflikt außer Kontrolle gerate. "Ich bin besorgt, denn jeder Kalkulationsfehler und jede Fehleinschätzung können in der jetzigen Lage auf der koreanischen Halbinsel eine Krise auslösen, die äußerst schwerwiegende Folgen hätte."

Die USA reagierten gelassen auf die Drohungen. "Das ist nur eine eskalierende Serie rhetorischer Stellungnahmen", sagte Viktoria Nuland, Sprecherin des State Departments. "Die Frage ist, mit welchem Ende."

Nordkorea empfiehlt Abzug von Diplomaten

Der kommunistische Staat, der zuletzt mit einem Angriff auf den Süden und die USA und mit einem Atomschlag drohte, legte mehreren Ländern den Abzug ihrer Diplomaten aus der Hauptstadt Pjöngjang nahe. Betroffen ist auch Deutschland. Großbritannien, Russland und Rumänien teilten mit, Nordkorea habe vor Gefahren für das Botschaftspersonal gewarnt. Pläne zu einer Evakuierung gebe es aber nicht.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) ließ Nordkoreas Botschafter in Berlin einbestellen. Dem Diplomaten sei "in deutlichen Worten die sehr große Sorge der Bundesregierung angesichts der von Nordkorea zu verantwortenden Eskalation" vermittelt worden, sagte ein Ministeriumssprecher. Das jüngste Vorgehen der Führung in Pjöngjang sei "im Ton und in der Sache in keiner Weise akzeptabel".

Die EU-Botschafter in Nordkorea wollen an diesem Samstag über die Lage beraten. Für Montag ist zudem ein Sondertreffen der EU-Mitgliedstaaten zur Lage in Nordkorea geplant.

Die Lage auf der koreanischen Halbinsel gilt seit dem dritten Atomtest in Nordkorea im Februar als extrem gespannt. Pjöngjang hatte als Reaktion auf die Ausweitung von UN-Sanktionen und auf südkoreanisch-amerikanische Militärmanöver den Waffenstillstandsvertrag von 1953 aufgekündigt. Vergangenen Samstag hatte Pjöngjang den "Kriegszustand" mit Südkorea ausgerufen.

Eine Entspannung ist auch in dem von Nord- und Südkorea gemeinsam betriebenen Industriepark Kaesong nicht in Sicht. Die Führung in Pjöngjang verweigert seit Mittwoch südkoreanischen Pendlern und Lieferanten die Einreise.

Aktivisten der Hacker-Bewegung Anonymous bekannten sich zu Angriffen auf nordkoreanische Internet-Angebote. An Diktator Kim Jong Un gerichtet schrieben sie: "Wir sind in euren Intranets. Wir sind in euren Mail-Servern. Wir sind in euren Web-Servern."

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Kommentare

95 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Re: "Im Ernst" (1)

...immerhin ist er Sohn einer in Japan geborenen und aufgewachsenen Mutter, ist wohl jahrelang in der Schweiz zur Schule gegangen und wird nicht als das Ungeheuer beschrieben, als das ihn westliche - allerdings (...wohl unfreiwillig) die nordkoreanische Propaganda auch - beschreiben. US-NBA-Star Dennies Rodman nennt ihn gar 'seinen Freund'. Ich habe mit Pauschalierungen so meine Probleme, auch wenn mir das politische System in Nordkorea in dieser Form auch keine Sympathien abgewinnt. Doch die westliche Propaganda scheint nicht objektiver als die nordkoreanische - das gilt für Regierung(en) und Medien gleichermaßen.

...ff...

Re: "Im Ernst" (2)

...ff...

Doch welche Absichten leiten den Mann wirklich? Sieht man genauer hin unter Berücksichtigung des polit. Umfeld, sollte man aufhorchen.

Zitat Wikipedia:
"Zunächst hat es nicht den Anschein, als ob sich ein Kurswechsel in der nordkoreanischen Politik abzeichnen würde (...) Kim Jong-un führt die ausgedehnten Inspektionstouren („Vor-Ort-Anleitungen“) quer durchs Land, die sein Vater durchgeführt hatte, weiter. Er ließ dagegen alle Bezüge zu Karl Marx und Lenin aus dem Stadtbild von Pjöngjang sowie aus der nordkoreanischen Verfassung entfernen. Ende September 2012 erlaubte Kim Jong-un erstmals Bauern, Teile ihrer Ernte zu verkaufen. (...) Kim Jong-un hielt am 1. Januar 2013 eine im Koreanischen Staatsfernsehen ausgestrahlte Neujahrsansprache, die erste seit 19 Jahren. (...) Unter der Herrschaft Kim Jong-ils wurden die programmat. Staatsziele am Anfang jeden Jahres in identischem Wortlaut in Leitartikeln der führenden Zeitungen des Landes veröffentlicht. Kim Jong-un sprach in seiner Neujahrsrede von einem bevorstehenden „radikalen“ Wechsel für das Land, von einer mögl. Beendigung der „Konfrontation“ mit Südkorea und von einer Erhöhung des Lebensstandards der Bevölkerung, die u. a. mit wirtschaftl. Aufschwung in der Landwirtschaft und der Leichtindustrie einhergehen soll. Im (...) Erstmals fand in Pjöngjang auch eine große Neujahrsfeier für die Bevölkerung statt. Einige Gesetze wurden gelockert, so ist es nun Ausländern erlaubt, das Handy und das Internet zu benutzen."

Re: Im Ernst (3)

...ff...

Nun, der erst zwei Jahre regierende und noch sehr junge Kim Jong Un scheint nicht die politischen Überzeugungen seines Vaters teilen zu wollen - schließlich hat der Mann seine wohl prägensten Jahre in einer westlichen Kultur zugebracht. Die uns so dargestellte Affinität Kim Jong Uns zu Waffen könnte möglicherweise auch etwas damit zu tun haben, dass der junge Koreaner - von vermeintlichen ehemaligen Mitschülern übrigens gar nicht als teuflisch im Auftreten beschrieben beschrieben - rechtzeitig begriffen hat, dass sich mit der westlichen Goldman-Sachs-Militärkultur nur mit einer Position der Stärke verhandeln lässt. Darin sind Amerikaner selber Schuld, siehe Lateinamerika, Naher und mittlerer Osten, Vietnam etc...

Dies soll keine Verteidigungsrede sein zugunsten eines laut vielen überwiegend neutral geltenden Quellen, z. B. Flüchtlingen und Vor-Ort-Berichterstattern - in der Vergangenheit unisono als äußerst menschenunwürdigen dargestellten Systems. Inwiefern politische Isolation durch den Westen zu Nahrungs- und Medikamentenengpässen beigetragen hat, bleibt Spekulation, allerdings sind uns ähnliche Handlungsweisen auch ggü. dem verteufelten Kuba oder Venezuela bekannt. Doch sollte uns nicht daran hindern, die Lage unter Kim Jong Un neu zu bewerten. Auch Gorbatschow galt im Westen zunächst als subtil, berechnend und als russischer Staatschef generell als die Reinkarnation des Bösen.