KolumneWarten auf den Dritten Weltkrieg

Die Apokalypse ist für die Deutschen der Normalzustand. Nordkoreas Kriegsgeschrei stillt ihre Sehnsucht nach der Katastrophe. von 

Militärparade in Pjöngjang

Militärparade in Pjöngjang (Archiv)  |  © Pedro Ugarte/AFP/Getty Images

Es braucht nur ein falsches Wort, eine falsche Bewegung, und das Pulverfass kann hochgehen. Es muss ein Soldat an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea nur stolpern und dabei sein Gewehr aus Versehen abfeuern, und schon herrscht Krieg. Nicht nur zwischen Nord- und Südkorea, sondern auch zwischen China und den USA. Ein neuer Weltkrieg also, und auf beiden Seiten wird es diesmal nicht lange dauern, bis die Atombomben fallen.

Gefällt Ihnen dieser erste Absatz? Ich bin auch stolz darauf. Ich hatte mir die Aufgabe gestellt, mal ein paar Sätze in der Art zu schreiben, wie eine typische deutsche Zeitung sie schreiben würde. Und ich finde, es ist mir einigermaßen gelungen.

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Seit ich in Deutschland lebe, beobachte ich den journalistischen Stil mancher Publikationen in ihrem durchaus legitimen Drang, Leser und Werbekunden zu gewinnen. In den vergangenen Wochen gab es vor allem ein Thema, das alle anderen von der Titelseite fegen konnte (mit Ausnahme von Bayern München und Margaret Thatcher natürlich): die Atommacht Nordkorea und der kommende Dritte Weltkrieg.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Wie immer haben die großen Boulevardblätter das Rennen gemacht, was die knackigsten Überschriften anging, allen voran Der Spiegel, der "Kim Jong Bumm" titelte. Sprachlich gesehen war aber eine Schlagzeile der Online-Redaktion deutlich besser: "Nordkorea erklärt Kriegszustand". Das bezieht sich wohl darauf, dass der Koreakrieg offiziell nie beendet wurde (so gesehen heißt die eigentliche Nachricht: "Es gibt nichts Neues aus Nordkorea"). Doch die Formulierung "erklärt Kriegszustand" klingt so herrlich nach "erklärt den Krieg", dass es einfach eine Freude war. Da kann selbst Fox News noch was lernen.

In den amerikanischen und britischen Medien dagegen musste man teilweise suchen, bis man die Schreckensnachrichten aus Nordkorea fand. Fast so, als ginge es nicht um den nahenden Dritten Weltkrieg, sondern um diplomatischen Alltag. Vielleicht verstehen die Amis einfach nicht, wie ernst die Lage ist. Andererseits machen die Deutschen vielleicht auch wieder mal einen Elefanten aus einem pummeligen, schlecht gelaunten kleinen Diktator.

Die Deutschen haben den Alarmismus zur Kunstform erhoben, und die Angst vor dem Säbelrasseln der Nordkoreaner ist nur die neueste Ausgabe eines alten Trends. Hierzulande kann jede Vogelgrippe in eine Pandemie ausarten; selbstverständlich wartet am Ende der Euro-Krise nichts weniger als der komplette Zusammenbruch des kapitalistischen Systems. Kein Jahr vergeht, in dem nicht irgendein zwar ernsthaftes, aber letztendlich lösbares Problem zu einer außer Kontrolle geratenen Apokalypse hochstilisiert wird.

Nun hat jede Nation ihre Hobbys. Wir Amis schießen gern, die Deutschen geraten gern in Panik. Die interessante Frage ist: Warum? Warum gehört die immer wiederkehrende panische Angst zum deutschen Nationalcharakter wie der Gartenzwerg und die Currywurst?

Leserkommentare
  1. Schließlich wollen die Medien mit reißerischen Meldungen nur Geld verdienen.
    Alle anderen spielen mit ihren Smartphones ...

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  2. Wer investiert denn so viel Geld in (meistens unnötige) Vorsorgeuntersuchung – so wie Ganzkörper-CT- oder MRT-Scans, die in den USA von Privatunternehmen angeboten werden? Kein Volk auf der Welt so viel wie die US-Amerikaner.

    Und wer glaubt denn an die allgegenwärtige Bedrohung durch den Weltterrorismus, an Massenvernichtungswaffen im Irak usw. usf.? Wer steckt so viel Geld ins Militär und in die innere wie äußere Sicherheit? Sie wissen es: Die US-Regierung.

    Vielleicht wird in englischsprachigen Medien nur deshalb nicht so viel über Korea berichtet, weil so ein kleiner Diktator es kaum noch über die Wahrnehmungsschwelle für große Bedrohungen schafft.

    62 Leserempfehlungen
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    ... aber mit diesem ist bereits alles dazu gesagt, was mir auch dazu einfiele.

    Vielen Dank für diesen Kommentar.

    Sowas sagt ausgrechnet ein Amerikaner!

    Die meisten Amerikaner denken immer noch, die Soldaten müssten in Länder einmarschieren (die tausende Kilometer entfernt sind) um dort die Demokratie (die man ja selber nicht hat) zu verteidigen und um diesen Ländern westliche Werte und Wohlstand zu bringen.

    Wer im größten Glashaus von Allen sitzt, sollte keine Steine schmeißen.

    In allen hochindustriellen Ländern wird auf die ein oder andere Weise mit den Ängsten der Bürger gespielt, natürlich bestens medial unterstützt, um letztendlich die Interessen der Wirtschaft durchzusetzen (sei es nun der Rüstungs-, der Finanz oder der Pharmaindustrie...oder von wem auch immer).

    ist die Apokalypse sozusagen "Staatsräson", da schon die Staatsgründung per se mit der Offenbarung des Johannes begründet wurde

    Aber das schöne daran ist, man kann mit ihr vorzüglich Geld machen, seine politische Macht ausbauen und sich sehr wichtig und unentbehrlich erscheinen zu lassen.
    Allerdings hat sie einen Nachteil. Durch Unwahrhaftigkeit verliert man an Vertrauen und letztlich wird man zum Blödmann abgestempelt. Solide ehrliche Arbeit ist nicht durch Sensationsmache zu ersetzen.

    Die Angst der Amis ist eine Hysterische Paranoia, die i. d. R. ganz unmittelbare, reale Gefahren betrifft, z. B. die nationale Sicherheit. Was Herr Hansen meint ist seinem Grund nach etwas vollkommen anderes; nämlich die morbide Sehnsucht der Deutschen nach der Apokalypse.

    Eine zunächst paradox erscheinende Lust an der Katastrophe, die meiner Ansicht nach die gleichen, (massen)psychologischen Grundlagen hat, wie die deutsche Romantik, bei der auch eine theatralische, sinistre Endzeitstimmung mitschwingt.

    Dieses lustvolle Hochstilisieren ist durchaus häufig in der jüngeren deutschen Geschichte zu beobachten: 3.-Weltkrieg-Angst, Waldsterben, Atomangst, Ozonloch. Wir baden uns offensichtlich gerne in wohlig-schaurigen Vorstellungen, bei denen der absolute Kontrollverlust zugunsten einer "vollkommen übermächtigen Bedrohung" masochistoid ausgekostet wird.

    Ich halte die Industrialisierung und die bis heute fortschreitende Entfremdung und Verdinglichung (i. S. v. Marx) und die aufklärerische Entzauberung der Welt als eine primäre Ursache für dieses Phänomen. Deutschland als anerkanntermaßen technophile und technokratische Kultur leidet hierunter stärker als andere Kulturkreise. Aber das ist nur eine Theorie meinerseits.

    Unsere Medien sind vielleicht ein bisschen reißerischer beim Thema, als die amerikanischen. Bei der gelebten Angst und Paranoia sind diese aber immer noch ganz vorne.

  3. nicht der Angst. Sterben werden wir ja ohnhin alle.

    5 Leserempfehlungen
  4. ... aber mit diesem ist bereits alles dazu gesagt, was mir auch dazu einfiele.

    Vielen Dank für diesen Kommentar.

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  5. Sowas sagt ausgrechnet ein Amerikaner!

    Die meisten Amerikaner denken immer noch, die Soldaten müssten in Länder einmarschieren (die tausende Kilometer entfernt sind) um dort die Demokratie (die man ja selber nicht hat) zu verteidigen und um diesen Ländern westliche Werte und Wohlstand zu bringen.

    Wer im größten Glashaus von Allen sitzt, sollte keine Steine schmeißen.

    17 Leserempfehlungen
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    • Bashu
    • 09. April 2013 16:53 Uhr

    Das sage ich als Deutscher.

    Wenn ein Kim Jong Un die Große Katastrophe verursacht, wenn die Türken Völkermord an den Armeniern begangen haben, wenn die Juden gegenüber Palästinenser eine Besatzungsmacht darstellen wie die Wehrmacht in Belgien (wie ein ex-Mossad Chef sagte), dann ist es doch alles irgendwie menschlich und wir Deutschen sind gar nicht mehr so böse.
    Denn bisher sind wir die Einzigen, die Weltkriege angezelltet haben.
    So ein bischen von dieser Denke steckt glaube ich hinter unserem Weltuntergangswarten.

    marschieren, aber es ist schon so, dass Deutschland denkt, dass es in Europa der Nabel der Welt ist. Wie sagte Philipp Rösler (FDP) vor zehn Tagen ? "Wir wollen Zypern nicht bestrafen. Wir wollen Vorbild sein". Das sagt schon sehr viel aus. Deutschland als Weltpolizei ? Mitnichten. Nicht mit 90 Millionen Toten aus zwei Weltkriegen im Rücken. Nein - wirklich nicht.

    • mugu1
    • 09. April 2013 15:19 Uhr

    Zitat: >Ich hatte mir die Aufgabe gestellt, mal ein paar Sätze in der Art zu schreiben, wie eine typische deutsche Zeitung sie schreiben würde. Und ich finde, es ist mir einigermaßen gelungen.<

    Ähm, nein, nicht wirklich gelungen. Klingt mehr wie die typische Verballhornung eines US-Stereotyps über Deutschland.

    Zitat: > Andererseits machen die Deutschen vielleicht auch wieder mal einen Elefanten aus einem pummeligen, schlecht gelaunten kleinen Diktator.<

    Der Spruch ist Klasse! Und passt auch wirklich.

    Zitat: >Warum gehört die immer wiederkehrende panische Angst zum deutschen Nationalcharakter wie der Gartenzwerg und die Currywurst?<

    Abgesehen davon, dass Sie den in Deutschland empfundenen Charakter der US-Bevölkerung extremst verharmlosen ("schießen gerne") und den der Deutschen im Punkt der Angst und Panik ebenso extrem aufbauschen...

    Auch wenn ich so manche "Panikmache" ebenso lächerlich finde, deutet es doch eher darauf hin, dass die Deutschen in der Mehrzahl versuchen, ihre menschliche Intelligenz zu gebrauchen (was nicht heißt, das dabei unbedingt immer was Tolles herauskommt), während die US-amerikanische Intelligenz vielfach so wahrgenommen wird, dass diese allenfalls zu globalen Ballerspielchen ausreicht, gepaart seit 9/11 mit Schizophrenie und Paranoia.

    Nichts für ungut...:-)

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    • JR71
    • 10. April 2013 18:37 Uhr

    "dass die Deutschen in der Mehrzahl versuchen ihre menschliche Intelligenz zu gebrauchen..." sorry, aber da muss ich nun auch wieder lachen...

  6. Was solls, jedem, was ihm gefällt.

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  7. Hat, dann doch die amis!

    Original szene aus dem Australien Urlaub: eine amerikanische reisegruppe sammelt sich wegen der schicken aussicht auf einer hängebrücke, ich übrigens auch, kostenlose führung sozusagen... Bis der reiseleiter erwähnt das hier erdbeben (?) nicht unüblich sind und die brücke damit ein problem hätte. Wie die hasen sind die gerannt... Und ich habe die aussicht genossen.

    Ich könnte noch einige beispiele bringen... Wie zum beispiel der texanische, schwarze taxifahrer, der war ganz verdutzt das ich mit ihm rede, ich hatte keine angst vor ihm, komisch , komisch....[...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich und verzichten Sie auf krude Behauptungen. Danke, die Redaktion/jp

    9 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Kritik an der Moderation richten Sie bitte direkt an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jp

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