Militärparade in Pjöngjang (Archiv) © Pedro Ugarte/AFP/Getty Images

Es braucht nur ein falsches Wort, eine falsche Bewegung, und das Pulverfass kann hochgehen. Es muss ein Soldat an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea nur stolpern und dabei sein Gewehr aus Versehen abfeuern, und schon herrscht Krieg. Nicht nur zwischen Nord- und Südkorea, sondern auch zwischen China und den USA. Ein neuer Weltkrieg also, und auf beiden Seiten wird es diesmal nicht lange dauern, bis die Atombomben fallen.

Gefällt Ihnen dieser erste Absatz? Ich bin auch stolz darauf. Ich hatte mir die Aufgabe gestellt, mal ein paar Sätze in der Art zu schreiben, wie eine typische deutsche Zeitung sie schreiben würde. Und ich finde, es ist mir einigermaßen gelungen.

Seit ich in Deutschland lebe, beobachte ich den journalistischen Stil mancher Publikationen in ihrem durchaus legitimen Drang, Leser und Werbekunden zu gewinnen. In den vergangenen Wochen gab es vor allem ein Thema, das alle anderen von der Titelseite fegen konnte (mit Ausnahme von Bayern München und Margaret Thatcher natürlich): die Atommacht Nordkorea und der kommende Dritte Weltkrieg.

Wie immer haben die großen Boulevardblätter das Rennen gemacht, was die knackigsten Überschriften anging, allen voran Der Spiegel, der "Kim Jong Bumm" titelte. Sprachlich gesehen war aber eine Schlagzeile der Online-Redaktion deutlich besser: "Nordkorea erklärt Kriegszustand". Das bezieht sich wohl darauf, dass der Koreakrieg offiziell nie beendet wurde (so gesehen heißt die eigentliche Nachricht: "Es gibt nichts Neues aus Nordkorea"). Doch die Formulierung "erklärt Kriegszustand" klingt so herrlich nach "erklärt den Krieg", dass es einfach eine Freude war. Da kann selbst Fox News noch was lernen.

In den amerikanischen und britischen Medien dagegen musste man teilweise suchen, bis man die Schreckensnachrichten aus Nordkorea fand. Fast so, als ginge es nicht um den nahenden Dritten Weltkrieg, sondern um diplomatischen Alltag. Vielleicht verstehen die Amis einfach nicht, wie ernst die Lage ist. Andererseits machen die Deutschen vielleicht auch wieder mal einen Elefanten aus einem pummeligen, schlecht gelaunten kleinen Diktator.

Die Deutschen haben den Alarmismus zur Kunstform erhoben, und die Angst vor dem Säbelrasseln der Nordkoreaner ist nur die neueste Ausgabe eines alten Trends. Hierzulande kann jede Vogelgrippe in eine Pandemie ausarten; selbstverständlich wartet am Ende der Euro-Krise nichts weniger als der komplette Zusammenbruch des kapitalistischen Systems. Kein Jahr vergeht, in dem nicht irgendein zwar ernsthaftes, aber letztendlich lösbares Problem zu einer außer Kontrolle geratenen Apokalypse hochstilisiert wird.

Nun hat jede Nation ihre Hobbys. Wir Amis schießen gern, die Deutschen geraten gern in Panik. Die interessante Frage ist: Warum? Warum gehört die immer wiederkehrende panische Angst zum deutschen Nationalcharakter wie der Gartenzwerg und die Currywurst?