Integration : Österreichs irre Werte-Debatte

Die Regierung in Wien legt Zuwanderern neuerdings das Studium einer "Wertefibel" nahe. Der pathetische Ton und die albernen Fragen sind befremdlich, kommentiert J. Riedl.
Die österreichische Fahne weht über der Hofburg in Wien. © Alexander Klein/AFP/Getty Images

In Österreich zieht derzeit ein selbsternannter Messias durch die Lande. Seit der österreichisch-kanadische Selfmade-Milliardär Frank Stronach in der Politik seiner alten Heimat mitmischen will, predigt er unermüdlich: Allein seine Werte könnten die von Skandalen geschüttelte Republik vor dem Zusammenbruch bewahren.

"Die Werte müssen stimmen", behauptet er, konkret: "Fairness, Transparenz, Wahrheit". Mehr an politischem Programm besitzt die Protestpartei Team Stronach des alten Patriarchen nicht.

Die vollmundige Beschwörung hehrer Werte wirkt nun auf die Konkurrenz in den eingesessenen Parteien ansteckend. Seit wenigen Jahren verfügt Österreich über ein Staatssekretariat für Integration, in dem zwar keine Entscheidungen getroffen werden dürfen, jedoch besonders gerne schöne Wortteppiche in der Öffentlichkeit ausgebreitet werden. Dort hat ein junger Konservativer das Sagen, der anfangs verspottet wurde, mittlerweile aber einer der beliebtesten Politiker des Landes ist.

Ein Kanon aus heißer Luft

Wohl um die allgemeine Anerkennung noch zu steigern, schaltet sich eben jener Shootingstar Sebastian Kurz ebenfalls in die Wertedebatte ein. Er begnügt sich aber nicht mit einer dürren Trinität ("Fairness, Transparenz, Wahrheit"), sondern macht gleich 18 Stück namhaft. Es ist ein Kanon aus heißer Luft im pathetischen Ton des Staatsbürgerschaftsunterrichts aus der Grundschule. 

Von "Selbstbestimmung" über "Respekt" und "(Kultur-)Bildung" bis zu "Zivilcourage" reicht dieses Musterbuch für den untadeligen Citoyen, das jetzt zu einer "Wertefibel" zusammengefasst wurde, deren gründliches Studium allen Zuwanderern nahe gelegt wird, da auf ihrem Inhalt das "Zusammenleben in Österreich" beruhe.

Das ist eher frommes Wunschdenken, denn im österreichischen Alltag sind die meisten der angeführten Tugenden nur in Spurenelementen vorhanden. Tatsächlich wird das Verständnis des gesellschaftlichen Zusammenlebens von ganz anderen Sitten geprägt, vor allem auch von einem auf den eigenen Vorteil bedachten Schlawinertum, das häufig in Korruption auf allen Ebenen mündet.  

Vermutlich soll dieses Anforderungsprofil für Neuösterreicher jedoch hauptsächlich auf die tendenziell ausländerfeindliche Bevölkerung beruhigend wirken, der dadurch das Gefühl vermittelt wird, man lasse nur geeichte Musterdemokraten ins Land.

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Kommentare

156 Kommentare Seite 1 von 18 Kommentieren

Ist doch 'ne gute Sache

Prinzipiell ist es lobenswert, dass eine Regierung ihre Werte niederschreibt. Wenn das Land hinter diesen Werten steht spricht auch nicht's dagegen Einwanderer, Politiker und Menschen wie Du und Ich daran zu messen.
Nur.. was machen wir, wenn die Werte, die die ÖVP lebt (z.B. im Einwanderungsrecht) bricht - gibt es dann den Entzug der Staatsbürgerschaft für den Politiker?

Ausgerechnet Bat Ye'or!

'Littman (Bat Ye'or ist ihr 'Künstler'-Name) is a notorious Islamophobe, one of the most signficant figures in the so-called counter-jihad movement. She is the author of the “Eurabia” thesis – a conspiracy theory according to which European governments have done a secret deal with the Arab world to facilitate the Islamic takeover of Europe, which will result in non-Muslims being reduced to a state of “dhimmitude”, treated as second-class citizens subservient to their Muslim conquerors.

This paranoid fantasy has been dubbed “The Protocols of the Elders of Mecca” and indeed the parallels with classic antisemitic conspiracy theories scarcely need underlining.

The Eurabia theory was a major source of inspiration to Norwegian mass murderer Anders Breivik, whose manifesto contains over 1,500 references to it. In fact Breivik includes “implementation of the EU’s Eurabia project” on his list of the “recent and ongoing acts of treason” that led him to carry out the massacre on Utøya. (Typically, Littman’s response was to issue a statement suggesting that Breivik’s manifesto was likely to be a fabrication and that the police might well have allowed him to go ahead with his murders as part of some plot to suppress criticism of Islam.)' http://www.loonwatch.com/... Für weitere Information/Rezeption http://en.wikipedia.org/w...'or

Bemerkenswert finde ich auch, daß Sie Österreich für die Auslösung beider Weltkriege verantwortlich machen möchten.

...;-)...

Die englische Wikipedia ist für Sie eine 'obskure Linksradikale Internetpräsenz'? Ah so.
Loonwatch habe ich deswegen verlinkt, weil der dortige Autor u.a. mit der Nähe zwischen Bat Ye'ors 'Eurabien'-Verschwörungstheorie und den Inhalten des Manifests von Herrn Breivik auf den Punkt kommt.
Möchten Sie sich dazu noch inhaltlich äußern?

Ich bin übrigens ziemlich sicher, ob die von Ihnen als Empfehlung bezeichnete Website unter 'Auf diese Website möchten wir nicht verlinken. Danke, die Redaktion/abc' fällt.

Der Zynismus Ihrer Kommentare konnte mir gar nicht entgehen.

Eine Fibel für Köln

Schon in den Fahrzeugen der KVB, beziehungsweise an den einschlägigen Bahnhaltestellen, wäre eine Fibel hilfreich. Ich möchte nämlich nicht jeden Morgen von einer pöbelnden Masse hilfloser Menschen olfaktorisch belästigt werden. Auch wenn in Chorweiler gerade in letzter Zeit signifikant große Probleme aufgetreten sind, wird eine Fibel nicht von Nutzen sein. Für die nette ältere Dame mit der kleinen Rente und der urkölschen Art bestimmt kein Problem. Aber für die gewalttätige Minderheit mit Sicherheit unnützer Kram, welchen sie ignorieren.

Würde es sich in der österreichischen Fibel nicht nur um verstaubte Tugenden handeln, die eigentlich selbstverständlich sind und welche schon vor 200 Jahren präsent waren, sondern um strikte und klare Maßnahmen, die eine friedliche Integration von Migranten ermöglicht und wirkliche Problemfälle außerhalb Österreichs hält, dann hätte auch ich kein Problem damit.

Jedoch stellt der derzeitige Moral-Ethos + Kulturfuzi-Test nur eine reine Werbemaßnahme und Propaganda da, um wieder weltbekannt zu sein und Aufsehen zu erregen. Bei der Sacher-Torte habe ich ja Verständnis für die Popularität.
Jedoch hört bei Integrationsmaßnahmen für mich der Spaß auf.
Damit meine ich auch das Rumreiten auf der eigenen Kultur.
Thomas Bernhard würde im Dreieck springen, würde er noch in der Scherzhausfeldersiedlung leben!
Auch wenn das in Salzburg und nicht in Wien ist.

Interessant...

Ich möchte Ihnen einen Nachhilfekurs in Geschichte nahelegen.

Afghanistan ist ein seit Jahren vom Bürgerkrieg aufgewühltes Land. In Somalia haben wiederkehrende Dürre und miserable Regierung große Teile der Bevölkerung in die Armut gestürzt.

Die Ursachen liegen in beiden Ländern aber auch in der Einmischung durch westliche Zivilisationen. In Afghanistan wurde ein Stellvertreterkrieg zwischen den USA und der UdSSR ausgetragen, in Somalia haben sich die europäischen Kolonialherren ausgetobt. Und so wurde in beiden Fällen das Land durch die fortschritlichen Großmächte, deren überlegene gesellschaftliche Wertvorstellungen Sie hier so feiern, in diese ruinösen Verhältnisse gestürzt.

Ich will damit nur sagen: Bevor Sie so einen Mist schreiben, sollten Sie sich etwas informieren. Ansonsten kommt nur rechtsextreme Propaganda heraus.

Wenn Sie Werte nur über die Homoehe definieren,

tun Sie mir ehrlich leid.

Was das Thema Frauen anbelangt (ich bin selber Frau), sind wir doch mittlerweile schon wieder so weit, dass wir die Werte tolerieren sollen, die gerade die Gleichberechtigung mitten in Europa wieder zurückfahren wollen, zumindest erstmal bei den Frauen der eigenen (eingewanderten) Kultur.

Für Homosexuelle gilt das Gleiche.

Nein, mit Werten meine ich solche altmodischen wie Ehrlichkeit, Fleiß, den Willen zu Lernen (in jeder erdenklichen Form), Leistungsbereitschaft, Disziplin, Anstand, Respekt.

Sie lachen? Genau das meine ich mit "lächerlich machen"! Sie denken ich wäre rechts? Von mir aus! Bis jetzt ist noch jede Kultur untergegangen, der man die alten Werte austreiben wollte, Kambodscha (rote Khmer), China in der Kulturrevolution usw. In China, Vietnam und anderswo besinnt man sich wieder auf die traditionellen Werte (auch dort: Disziplin, Leistungsbereitschaft, Lernwille) und ist erfolgreich damit. Das erzähle ich nicht nur nach, ich habe es selbst erfahren, kann Namen nennen.

Hierzulande zählt als einziger Wert offenbar nur die Freiheit, zu tun und zu lassen was man will. Eines wird übersehen. Freiheit steht nicht über den anderen Werten, sie steht nicht über dem Respekt, dem Anstand, der Ehrlichkeit! Leider wird Freiheit heute sehr kurz gefaßt unter dem Motto tun zu können, was einem gerade Spaß macht. Das ist allerdings nicht die Freiheit, die in einer aufgeklärten, bürgerlichen Gesellschaft wünschenswert ist.