Nawalny-ProzessPutins stärkster Gegner

Er ist machthungrig, zielstrebig und auch mal populistisch: Alexej Nawalny ist der gefährlichste Gegner des Kreml. Putin will ihn ins Gefängnis bringen. von 

Alexej Nawalny  im April vor Gericht

Alexej Nawalny im April vor Gericht  |  © Maxim Shemetov/Reuters

Es wäre wohl übertrieben zu sagen, dass Russlands Präsident Wladimir Putin die russische Opposition in Kirow besiegen wird. Aber eine wegweisende Entscheidung dürfte in der Stadt bald fallen. Wo aber ist Kirow? Fast 1.000 Kilometer östlich von Moskau, in der russischen Provinz, dort, wo sie besonders traurig ist. Im Kirower Gebiet, wo früher Gulag-Häftlinge Holz einschlugen und sich noch heute das postsowjetische Denken zwischen klaffenden Schlaglöchern hält. Hier steht seit einer Woche der Superstar der Moskauer Protestbewegung vor Gericht: Alexej Nawalny, der berühmteste Blogger Russlands, Korruptionsbekämpfer und Anti-Establishment-Politiker.

Wenn er verurteilt wird, könnte das seinem Aufstieg zum nationalen Oppositionellen ein vorläufiges Ende setzen und zugleich der Anfang eines Aufstiegs werden, der durch das Gefängnis und den moralischen Bonus des Polithäftlings an die Macht führt. Er sei bereit hinter Gitter zu gehen, sagt Nawalny und schleppt schon jetzt ein Köfferchen mit dem Nötigsten für das Zellenleben herum: Hausschuhe, Sporthosen, Strümpfe und die Fotos seiner Frau und seiner zwei Kinder.

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Nawalny ist schon äußerlich der attraktivste aller Putin-Gegner: blond, mit markantem Gesicht wie ein Kinoheld, und grauen Augen. Der Vater war Militär, die Mutter arbeitete als Buchhalterin, und Alexej wurde Jurist und Finanzexperte mit angeborenem Widerspruchsgeist. Er hat politisches Temperament, inneren "drajw", wie auch die Russen sagen, und die Überzeugung, für das Richtige einzustehen: für das Volk, für Gerechtigkeit, für sich selbst.

Er prangert korrupte Beamte an

Zielstrebig hat er sich in die Position des Oppositionellen Nummer eins hineingearbeitet. Er machte um alle klassischen Oppositionellen, denen ihre Misserfolge der neunziger Jahre wie Mühlsteine um den Hals hängen, einen Bogen. Seine Zielstrebigkeit erscheint manchen Intellektuellen, die das Zögerliche kultivieren, schon wieder verdächtig. Populäre Themen liegen ihm: Er gründete Webseiten, die das Missmanagement in Staatsfirmen und korrupte Beamte anprangern und à la WikiLeaks belastende Dokumente veröffentlichen.

Vor Kurzem brachte er sogar einen Abgeordneten der Machtpartei Einiges Russland, der in seiner Vermögensdeklaration zwei gemeinsame Wohnungen mit seinem Sohn in Florida vergessen hatte, zur Aufgabe des Mandats. Es war einer der bisher seltenen spektakulären Erfolge Nawalnys.

Manchmal tendiert bei ihm das Populäre zum Populistischen. Er bändelt seit Langem mit den gemäßigten russischen Nationalisten an. Das sieht nach Berechnung aus, weil er zu Recht glaubt, dass die klassischen Liberalen ihm niemals eine Mehrheit verschaffen werden. "Mir war seit 1994 klar", sagt Nawalny, "dass ein liberales Projekt reinen Wassers in Russland niemanden interessiert und niemals effektiv sein kann."

Der Mann, so ahnt man, möchte wirklich an der Kremlmauer rütteln. Zwar ist Nawalny, den das staatlich kontrollierte Fernsehen verschweigt oder anschwärzt, noch ein Phänomen der russischen Stadtgesellschaft und nur einem Drittel der Russen bekannt. Aber er hat Machtwillen – und der Kreml einen ernsten Gegner.

Leserkommentare
    • olegj
    • 24. April 2013 12:28 Uhr

    Hier z.B. ein Zitat aus Wikipedia:

    "2011 begann Nawalny nationalistische Slogans zu verwenden. In einem Video vergleicht er militante Kaukasier mit Kakerlaken, die anders als die Schabe nicht mit einer Fliegenklatsche oder einem Pantoffel, sondern nur mit einer Pistole zu bekämpfen seien. Am 22. Oktober nahm er an einem „Russischen Marsch“ in Moskau teil, zu dessen Organisationskomitee er auch gehörte."

    Lieber Herr Voswinkel, ist das ein unwichtiges Detail? Nennen sie das moderat?

    Ich bin Russe (hier seit 16 Jahren) und kann Putin, gelinde gesagt, nicht ausstehen. Aber was soll das? Eigentlich sollte Ihnen bekannt sein, dass gegen russische Probleme mit dem Rechtextremismus, die deutschen Schwierigkeiten wie ein schlechter Scherz aussehen. Warum verschweigen Sie das? Und warum spielen Sie das ganz und gar nicht moderate rechte Gedankengut von Herrn Nawalny absichtlich so herunter?

    18 Leserempfehlungen
  1. Die Korruption ist in Russland ein großes Thema. Aber, dass er ausschließlich die Beamten der Regierungspartei im Visier hat bzw. anprangert und der Rest (also die Opposition) ungeschoren davon kommt, ist dem Autor wahrscheinlich unwichtig. Und dass Nawalny mit sehr fragwürdigen Methoden seine Anwaltszulassung bekommen hat auch? Nawalny erzielte im Jahr 2012 fast die Hälfte seines Millioneneinkommens durch steuerfreie Zahlungseingänge bei seinem öffentlichen Projekt „Rospil“. Diese Tatsache ärgert in Russland viele Bürger. Nun, wahrscheinlich ist das auch nicht wichtig solange es um „Putin-Gegner“ geht? Objektivität pur…

    12 Leserempfehlungen
  2. ... der um der Machtperspektive wegen mit Rassisten anbandelt.
    Wie wird denn wohl dessen Politik aussehen, wenn Nawalny mal tatsächlich politische Macht haben sollte?
    Und wie wird dessen Politik aussehen, wenn es darum geht, die vorhandene Macht zu verteidigen?
    Die Beispiele Lenin, Stalin usw.. sollten doch gezeigt haben, dass Menschen mit ausgeprägten Machtwillen so ziemlich das letzte sind, was eine Gesellschaft, ein staatliches Kollektiv irgendwie besser machen würde.

    2 Leserempfehlungen
  3. Der einzige ernstzunehmende Gegner für Wladimir Wladimirowitsch Putin ist der Kommunistenchef Gennadi Sjuganow.

    Die anderen sind Eintagfliegen, bei denen man nie weiss, wer sie finanziert.

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  4. Diktaturen zeichnen sich dadurch aus, dass immer Gründe gefunden werden, Regimegegner auf nimmer Wiedersehen wegzusperren. Das ein oder andere Steuervergehen, die ein oder andere Aussage reichen aus, um drakonische Strafen zu verhängen.
    Russland ist ein Unrechtstaat, wir sollten die wirtschaftliche Zusammenarbeit aufkündigen.

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    • Bashu
    • 24. April 2013 15:09 Uhr

    Dann dürften wir Saudi-Arabien keine Panzer, U-Boote, etc verkaufen.
    Und mit den Chinesen dürften wir keinen Handel treiben.
    Und mit den Amerikanern, die in Kuba immerhin ein Konzentrationslager-Light betreiben, vielleicht auch nicht mehr.

    Und das unsere Bundesregierung nicht aus ausschließlich integren Persönlichkeiten besteht, dürfte Ihnen ja auch aufgefallen sein.

    Es gibt in der Welt mehr autokratische Staaten als demokratische. Und bei den demokratischen viele korrupte. Wenn sie letztere dann auch noch weglassen, weiß ich nicht ob noch was übrig bleibt. Wir sollten erst einmal zuhause kehren, bevor wir mit dem Finger auf den Kreml zeigen...

    • gooder
    • 24. April 2013 15:43 Uhr

    Das sollten wir keineswegs, schließlich benötigen wir Öl und Gas , woher sollten wir das denn sonst beziehen, sehr geehrter Mitforist? Russland ist ein wichtiger Handelspartner und die Beziehungen zu Moskau sollten weiter intensiviert werden! Die von ihnen erwähnten "Regimegegner" , haben gegen russischen Recht verstoßen, eine Verurteilung - in welcher Höhe auch immer - ist absolut legitim.

  5. Leider ein nicht wirklich sachlicher Artikel. Nalwalny wird hier aufgrund reinster Spekulation als pures Opfer dargestellt. Woher weiß den der Autor, dass Nalwalny der "Gute" ist? Soweit ich das weißt, hat er den Großteil seines Vermögens nicht wirklich "fair und legal" erworben ...
    Noch dazu sollte der Autor bitte auf die Rechte Haltung Nalwalnys eingehen und diese nicht einfach unter den Tisch kehren.
    Danke

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