Tunesien : "Wir haben jetzt mehr Freiheit, alles andere wird schlimmer"

Die Minenarbeiter von Gafsa fühlen sich als Vorreiter der Revolution gegen Diktator Ben Ali. Doch gebessert hat sich für sie seitdem nichts.
Phosphatwaschanlage nahe Gafsa © Katharina Eglau

Der Wind heult durch die rostigen Stahlskelette. Zwei Arbeiter waten durch den mehlfeinen Staub, ständig die ratternden Ketten und Schüttelbänder im Auge. Wer neu hierher kommt, dem schmerzen hinterher tagelang die Lungen. Mahlend langsam drehen sich die gigantischen Stahlzylinder an den Gerüsten, in denen das Phosphat für den Export gewaschen wird. Unter freiem Himmel lagern die grünlich-grauen Halden des wertvollen Minerals, aus dem sich Waschpulver, Farbe, Futtermittel und Dünger produzieren lassen. 6.000 Quadratkilometer groß ist Tunesiens Phosphatbecken nahe der Grenze zu Algerien. Hier liegen die wichtigsten Bodenschätze des Landes.

Rihda Labidi hat es sich im Schatten bequem gemacht, mitten in seiner privaten Oase. Sein andalusischer Garten, wie er ihn nennt, hat etwas Unwirkliches. Genauso wie der unerschütterliche Optimismus des 58-Jährigen. Einst war hier eine Müllkippe, die der Unternehmer vor 15 Jahren billig von der Kommune erwarb. Gegen den allgegenwärtigen Staub friedete er das Areal mit einer hohen Mauer ein und pflanzte 600 Bäume. Inzwischen grünt im Inneren ein Palmengarten mit ausladenden Wedeln, duftenden Blüten und Flanierwegen. Eingebettet in die Natur liegt eine Freilichtbühne, ein Puppentheater für Kinder, ein Saalbau mit weißen Dachzinnen für Kino und Konzerte. Der Parkplatz draußen ist ausgelegt für 1.000 Autos.

Kultur, Theater, Filme und Konzerte – mit diesem Rezept will sich Rihda Labidi gegen Depression in seiner Heimatstadt Gafsa stemmen, der Kreisstadt mit 360.000 Einwohnern im Kern der Phosphatregion. Noch existiert der künftige Festivalkalender für Tunesiens Süden nur in seinem Kopf. Bill Clinton will er als Redner holen, Steven Spielberg einladen, genauso wie die französischen Chansonsänger Michel Sardou und Enrico Macias. "Gafsa muss in aller Munde sein, muss eine Adresse werden, an der niemand mehr vorbeifährt", sagt er. In zwölf Monaten ist sein privates Kulturzentrum fertig, seine persönliche Revolution und seine ganz besondere Rache an Diktator Ben Ali.

Vor zwanzig Jahren wurden er und sein Bruder vom Regime systematisch am Studium gehindert. Immer zur Examenszeit kam die Polizei und nahm die beiden fest. Mehrere Jahre ging das so, bis sie schließlich aufgaben. Doch sie schworen sich, möglichst viel Geld zu machen und später alles nachzuholen, was ihnen an Bildung und Kultur verwehrt wurde. Rihda Labidi wurde Bauunternehmer, ist heute einer der reichsten Männer in Gafsa. Zwischendurch leistete er sich ein Jahr Aleppo und studierte arabische Musik. Seitdem parliert er gekonnt über Sufismus, die verschiedenen islamischen Rechtsschulen sowie die kulturelle Verödung salafistischer Kreise.

Die Wiege der Revolution

Gafsa hat historische Wurzeln. Die Stadt gibt es schon seit der Römerzeit, in der modernen Geschichte Tunesiens profilierte sie sich als Zentrum der Arbeiterbewegung. Salafisten und Muslimbrüder haben hier wenig zu melden. Wir sind die eigentliche Wiege der tunesischen Revolution, sagen die Bewohner.

Im Januar 2008, drei Jahre vor dem Arabischen Frühling, begann in Gafsa der Aufstand gegen das allmächtige Regime in Tunis, lange bevor sich der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi in Sidi Bouzid anzündete. Tausende von Minenarbeitern gingen gegen Ben Ali auf die Barrikaden – bis dahin die größte Protestbewegung in der tunesischen Geschichte.

Doch genauso wie dem 120 Kilometer entfernten Sidi Bouzid, hat auch Gafsa die revolutionäre Vorreiterrolle bis heute nichts gebracht. Die Arbeitslosigkeit liegt inzwischen bei 30 Prozent, sie trifft vor allem junge Leute. Zehntausende haben ein Universitätsdiplom, das ihnen nichts bringt. Die neu errungene Freiheit bleibe wertlos, wenn sie nicht mit sozialen und ökonomischen Verbesserungen einhergehe, warnte kürzlich Tunesiens Präsident Moncef Marzouki. Anderenfalls werde Tunesien früher oder später wieder in eine Diktatur zurückfallen.

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Kommentare

7 Kommentare Kommentieren

Tunesier wissen es schon , Syrern lernen es gerade

Die Freiheit in den Köpfen hat oft mit der Freiheit der Menschen wenig zu tun.
Libyen rettet sich weil sie unmengen an Rohstoffen haben , das haben viele andere Freiheitsungrigen anderen Ländern nicht , das heisst sie wollen sich eine Limousine leisten aber haben das Geld nur für ein Fahrrad ,
Viele Arabischen Länder werden zu sehr von den Medien beeiflusst , die Revolten werden oft im Westen geboren und geplant und dort transportiert , abgesandt werden schöne verpackte Idealen , an kommen Terror und Kriege .
Europa muss aufpassen was sie unterstuzen , Moderation und Diplomatie muss wieder gross geschrieben werden .

Freiheitshunger

<<< ... das haben viele andere Freiheitshungrigen anderen Ländern nicht , das heisst sie wollen sich eine Limousine leisten aber haben das Geld nur für ein Fahrrad , ... <<<

Es geht da wohl weniger um fette Autos als falschverstandenen Ausdruck von Freiheit, als um ein würdevolles Lebes bzw. die nackte Existenz und die Abwesenheit von einer autoritären, korrupten Obrigkeit, die stellvertretend für ihre Untertanen im dekadenten Luxus schwelgen.
Ist ja nicht so, dass die Eliten in Tunesien, Ägypten & Co. arm wären.
Den geht es nicht unwesentlich schlechter als den korrupten und geldgierigen westlichen Eliten. Da nun aber die ökonomische Basis schlechter ist, als die westlicher Staaten, bleibt dort halt nichts mehr für die 90+x% Restmenschen.

Umbruch von der DDR zur BRD

viele Menschen träumten von Freiheit, wollten nicht mehr heimlich ihre Meinung sagen, nicht mehr bespitzelt werden und vor allem ihrer Regierung, die sie gewählt hatten, vertrauen können, dabei war der Sozialismus an und für sich ein Wohlfühlbecken, mit sicheren Jobs. Das dies auf Kosten einer überdimensionalen Verschuldung gewährleistet werden konnte, steht auf einem anderen Blatt, aber wieviele der friedlichen Revolutionäre der DDR wurden zuerst bitter enttäuscht. Die Auswahl an Dingen die man hätte kaufen können war groß, aber viele verloren ihre Jobs und konnten sich das nicht leisten. Viele verschuldeten sich privat extrem, die Infrastruktur hing der Westdeutschlands nach, große Unternehmen gingen pleite oder mussten sich gesundschrumpfen.
Wie war die Stimmung in der ehemaligen DDR 1993? Noch immer haben die neuen Bundesländer in vielen Bereichen nicht zu den alten aufgeschlossen, aber mittlerweile haben sich Unternehmen angesiedelt, gibt es Arbeit, die Menschen haben gelernt die neue Freiheit zu nutzen. Warum soll dies in nordafrikanischen und arabischen Ländern nicht geschehen? Der einzige relevante Faktor ist Zeit. Demokratie, Transparanz, Rechtsstaatlichkeit, strukturelle Veränderungen, gesellschaftliches Zusammenwachsen und Vergangenheitsbewältigung brauchen viel Zeit und genau diese müssen externe Beobachter, wie wir, wie auch die betroffene Bevölkerung erstmal gewähren. Oft verschlechtert sich nach einer Revolution der Zustand und genau daraus muss man lernen.