Die Schausteller auf Kiews Prachtstraße Chreschtschatik haben in diesem Frühjahr einen neuen Kassenschlager entdeckt. Sie stellen Metallgerüste aus zwei Pfosten und einer Querlatte auf und laden Passanten ein, sich mit ausgestreckten Armen an das provisorische Reck zu hängen. Wer zwei Minuten durchhält, bekommt umgerechnet 20 Euro. Wer vorzeitig absteigt, muss fünf Euro zahlen. Die meisten Muskelmänner kapitulieren, weil das Blut aus ihren Armen sackt. Es ist ein simples Jahrmarktspiel um Kraft und Ausdauer.

Nach einem ähnlichen Muster funktionieren derzeit die Beziehungen zwischen der Ukraine und der Europäischen Union. Beide Seiten haben ein Abkommen ausgehandelt, das eine politische Assoziierung und freien Handel vorsieht. Allerdings hat die EU den Vertrag auf Eis gelegt, weil der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch seine Macht ungeniert mit antidemokratischen Mitteln ausweitet. Zuletzt manipulierte er die Parlamentswahl 2012.

Vor allem aber unterwarf er sich der Justiz und ließ mehrere Oppositionspolitiker verhaften, darunter seine Erzrivalin Julija Timoschenko.

Der Fall Timoschenko ist von herausragender symbolischer Bedeutung in der andauernden Kraftprobe zwischen Kiew und Brüssel. Die 52-Jährige verbüßt eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren wegen Amtsmissbrauchs in ihrer Zeit als Regierungschefin. Die EU nennt das Urteil politisch motiviert und verlangt ihre Freilassung. Die könnte nun in greifbare Nähe rücken.

Janukowitsch hat kürzlich den Timoschenko-Vertrauten Juri Luzenko amnestiert und kurz darauf auch ein Verfahren zur Begnadigung seiner Widersacherin
eingeleitet
.

EU hat Ultimatum bis Mai gestellt

Möglich macht das der EU-Osteuropa-Gipfel im November im litauischen Vilnius. Dort möchte Janukowitsch den Assoziierungsvertrag unterzeichnen. Sein Ministerpräsident Mykola Asarow sagte ZEIT ONLINE am Montag in Kiew: "Dieser Vertrag ist für beide Seiten außerordentlich wichtig, weil wir so unsere Wettbewerbsfähigkeit und damit unseren wirtschaftlichen Erfolg steigern können." Die EU ihrerseits hat der ukrainischen Führung ein Ultimatum bis Mai gestellt, um auf den Pfad der demokratischen Tugend zurückzukehren.

Timoschenkos Hoffnung nährt sich aber noch aus einer anderen Quelle. Die 52-Jährige hat die ukrainische Justiz vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg wegen politisch motivierter Willkür verklagt. Die Richter wollen ihr Urteil an diesem Dienstag verkünden. Vieles deutet darauf hin, dass Timoschenko recht bekommt.

"Das wäre ein entscheidendes Signal", sagte Timoschenkos Anwalt Sergei Wlasenko am Montag zu ZEIT ONLINE. Wlasenko macht folgende Rechnung auf: "Janukowitsch und Asarow haben in den Verhandlungen mit der EU stets mit dem Verweis auf die Entscheidungen einer angeblich unabhängigen Justiz argumentiert. Ein Schuldspruch in Straßburg würde diese Taktik ad absurdum führen."