Islam-Beleidigung10 Monate auf Bewährung für ein paar Tweets

Der türkische Pianist Fazil Say soll die religiösen Werte seines Landes verletzt haben – in 140 Zeichen. Dafür wurde der Islam-Kritiker von einem Gericht verurteilt.

Der türkische Pianist Fazil Say

Der türkische Pianist Fazil Say  |  © Fred Dufour/AFP/Getty Images

Ein paar Tweets mit Folgen: Weil der türkische Starpianist und Komponist Fazil Say nach Ansicht eines Gerichts in mehreren Twitter-Mitteilungen die "religiösen Werte eines Teils der Bevölkerung" verletzt hat, wurde er nun wegen Islam-Beleidigung zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt.

Say hatte über den Kurznachrichtendienst mehrere kritische sowie spöttisch formulierte Äußerungen verbreitet, die auch islamische Frömmelei und Scheinheiligkeit ironisch hinterfragen. Unter anderem hatte er mit Blick auf die Koran-Beschreibung des Paradieses als Ort, an dem Bäche von Wein fließen, die Frage gestellt: "Ist das Paradies denn eine Kneipe für euch? Ihr sagt, auf jeden Gläubigen warten zwei Jungfrauen – ist das Paradies denn ein Bordell?" Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zufolge bezieht sich die Passage auf ein Gedicht des persischen Dichters Omar Khayyam (1048 bis 1131).

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Drei türkische Bürger hatten Say daraufhin angezeigt und ihm vorgeworfen, die islamische Religion und die Anhänger dieser Religion schwer beleidigt und religiöse Werte öffentlich herabgewürdigt zu haben. Bei der Prozesseröffnung im Oktober hatte Say erklärt, er habe den Islam und gläubige Muslime nicht beleidigen wollen.

Say ist ein bekennender Atheist und ein bekannter Kritiker der religiös-konservativen Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan. In einem Fernsehinterview im Dezember hatte Say der Erdoğan-Partei AKP vorgeworfen, sie stehe hinter dem Prozess.

Die Staatsanwaltschaft hatte eineinhalb Jahre Haft für Say gefordert. Der Pianist selbst war bei der Urteilsverkündung nicht anwesend. Sein Anwalt wollte sich zunächst nicht äußern.

Say ist nicht der einzige Künstler, der in der Türkei gerichtlich verfolgt wird. Beobachter gehen davon aus, dass zahlreiche Kunstschaffende aus politischen Gründen mit der Justiz in Konflikt geraten.

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Leserkommentare
    • deDude
    • 15. April 2013 15:15 Uhr

    Ist es nicht vielmehr Islambeleidigung wenn der Islam jedes mal bemüht wird wenn es gilt einen unbequemen politischen oder gesellschaftlichen Gegner zu denunzieren? Ich habe den Koran nicht gelesen, aber "zerstöre deine politischen Widersacher indem du Ihnen Blasphemie vorwirfst" steht da sicher nicht drin aber das ist ja das schöne an alten Büchern; Die kann man interpretieren wie man will, man kann ja die Autoren nichtmehr fragen. (aber die würden sich warscheinlich ob der sonderbaren Auslegungen im Grabe umdrehen)

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    • simmal
    • 15. April 2013 15:56 Uhr

    Offenbar ist das nicht der Fall. Wäre dem so, dann würde man sich, wie Reaktionen auf andere "Beleidigungen" gezeigt haben, gegen diese Beleidigung sicher auch wehren.

    Ich kann ihnen nur eindringlich raten, den Koran zu lesen.

    Sie werden darin keine 20 komplette, ungekürzte aufeinanderfolgende Verse finden, die nicht in irgendeiner Weise dazu aufrufen, die Menschenrechte Ungläubiger zu verletzen oder diese diskriminiert werden. Der Koran ist nicht so wie die Bibel, da er keine Zusammenstellung verschiedener Bücher, sondern ein einzelnes, von einem Mann geschriebenes Buch ist.

    Eine Frage habe ich aber noch: Weshalb wurde Herr Say verurteilt? Weshalb ist er ein politischer Widersacher? Weil er den Islam kritisiert. Dieser ist allein die Ursache dafür, dass Say verurteilt wurde, nicht Mittel zum Zweck.

    Es ist sehr wichtig, dass es Menschen wie Herrn Say gibt, die sich kritisch mit Religion befassen. Die Meinungsfreiheit sollte mehr Wert sein, als das Gefühl einiger Religiöser Menschen.
    Wer anderer Meinung ist, verleugnet die Errungenschaften der Aufklärung und der französischen Revolution. (Wobei man das ruhig tun darf, schließlich gibt es die Meinungsfreiheit! Aber man darf dabei nicht Rechte dritter verletzen. Das Urteil ist meiner Meinung nach und drastisch formuliert eine erhebliche Menschenrechtsverletzung, auch wenn es lediglich auf Bewährung ist.)

  1. ... §166 StGB endlich dahin zu befördern, wo er hingehört: In den Mülleimer der Geschichte!

    Wenn es nach einigen Teilen der Gesellschaft ginge, stünden auch in D auf Blasphemie harte Strafen.

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    • TDU
    • 16. April 2013 15:35 Uhr

    Diese Vorschrift soll den religiösen Frieden sichern und nicht die Auslegung der katholischen Lehre. Seien Sie doch froh, dass es hier keine religiös motivierten Attenate udn Ausienandersetzungen gibt. Abgesehen davon, dass man sich hier schon Jahrzehnte ganz andere Dinge leisten kann. Was auch gut ist übrigens.

    Und wann ist der letzte wegen Gotteslästerung ins Gefängnis gekommen?

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/jz

  2. Sobald man in der Türke berühmt ist, als intellektuell gilt und sich kritisch über den Islam äußert, lebt man gefährlich. Fazil Say ist der wahrscheinlich berühmteste türkische Musiker im Ausland; Orhan Pamuk, Literaturnobelpreisträger 2011, wohnt in einem anonymen Ort aus Angst vor Attentaten gegen ihn, da er wie Say sich kritisch über den Islam geäußert hat. Auch gibt es Sänger wie Cem Adrian, der eine einmalige Stimme hat und große Bewunderung erhält, jedoch wegen seiner sexuellen Orientierung (Homosexualität) versucht wird zu marginalisieren. Demgegenüber stehen der türkische Ministerpräsident R.T. Erdogan, der noch nicht mal studiert hat und den Islam über alles stellt. Dann heißt es, warum entwickelt sich die Türkei nicht. So wundert es auch nicht, dass ein türkischer Professor im Fernsehen sagt, dass 60% der türkischen Bevölkerung roh wie Schafe sei. Während die konservativen Türken noch über Religion, Homosexualität etc. diskutieren, finden andere Länder Mittel gegen Krankheiten wie AIDS, technologische Neuheiten etc. Bildung statt Religion wäre vielleicht ein plausiblerer Weg!

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    "Sobald man in der Türke berühmt ist, als intellektuell gilt und sich kritisch über den Islam äußert, lebt man gefährlich."

    Im Gegensatz zu Ihnen glaube ich, dass Herr Say durch seine Berühmtheit vor einer Strafe ohne Bewährung geschützt wurde; dies wollte man sich offenbar dann doch nicht leisten. Ich bezweifle, dass ein unbekannter Islam-Kritiker mit einer Bewährungsstrafe davongekommen wäre. Vielleicht steht er in seiner Heimat als Musiker auch in höherem Ansehen als Herr Parmuk (auch wenn dieser Nobelpreisträger ist).

    • simmal
    • 15. April 2013 15:40 Uhr

    Das kann doch wohl nicht wahr sein!
    An solchen Beispielen sehe ich immer wieder, wie wichtig die Meinungsfreiheit für unsere Gesellschaft ist. Eine wichtige Errungenschaft. Und das muss auch so bleiben!

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und beteiligen Sie sich mit differenzierten Beiträgen an der Diskussion. Danke, die Redaktion/jp

    • gooder
    • 15. April 2013 15:40 Uhr

    Betsraft kann man doch hier auch werden, wenn man durch spöttisch formulierte Äußerungen die Gefühle von religiösen Minderheiten verletzt, zu Recht wie ich finde. Ausgenommen von einer Strafe sind natürlich diejenigen, durch spöttisch formulierte Äußerungen die Gefühle von Angehörigen der katholischen oder evangelischen Kirche verletzen, zu Unrecht wie ich meine.

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    • simmal
    • 15. April 2013 15:46 Uhr

    "Betsraft kann man doch hier auch werden, wenn man durch spöttisch formulierte Äußerungen die Gefühle von religiösen Minderheiten verletzt, zu Recht wie ich finde. Ausgenommen von einer Strafe sind natürlich diejenigen, durch spöttisch formulierte Äußerungen die Gefühle von Angehörigen der katholischen oder evangelischen Kirche verletzen, zu Unrecht wie ich meine."

    Das ist doch ironisch gemeint, oder?
    Wenn nicht, dann sollten sie vielleicht in ein anderes Land ziehen. Sie müssen bei der Einreise nur ihre Selbstverantwortung und ihre Freiheit abgeben.

    Wenn die sunnitisch islamische Mehrheit andersgläubige beleidigt, dann ist das Meinungsfreiheit. So geschehen im Worträtsel der Zaman Zeitung (Fetullah Gülen Sekte), in der die alevitische Glaubensgemeinschaft als entartete Religion bezeichnet wurde.

    http://haber.gazetevatan.com/alevilere-hakaret-davasiyla-savundu/354263/...

    In welcher Zeit, an welchem Ort? Ganrantiert nicht im Hier und Jetzt.

  3. Ich werde verfolgen, ob die türkische Presse auch hier ihr Interesse bekundet, der Informationspflicht nachzukommen, über das Urteil berichtet und eine eigene Meinung dazu äußert.
    Bisher war es ja seitens der Öffentlichkeit relativ still um diesen Prozess, der im Oktober 2012 eröffnet wurde, zwar auf Februar 2013 verschoben jetzt doch mit einem Urteil endet.
    Für wünschenswerte Fortschritte bei der Auseinandersetzung mit dem Islam hoffe ich auf eine kritische Diskussion im öffentlichen Raum. Nach dem Urteil gegen die Soziologin Pnar Selek ist es auch in der sonst so aufgeregten türkischen und deutschen Öffentlichkeit ruhig geblieben.

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  4. ... wurde doch wegen unbedachter Tweets drakonische Strafen in UK auferlegt:

    http://www.huffingtonpost.com/huff-wires/20121115/eu-britain-freedom-to-...

    http://www.bbc.co.uk/news/uk-wales-17515992

    Mehr als 2 Monate Haft sind da keine Ausnahme. Klar, über die Geschmacklosigkeiten lässt sich streiten, für mich ist jedoch unstrittig, dass kein solcher Schaden entstanden ist, dass Menschen ins Gefägnis müssen (um quasi die Öffentlichkeit zu schützen).

    5 Leserempfehlungen
    • simmal
    • 15. April 2013 15:46 Uhr

    "Betsraft kann man doch hier auch werden, wenn man durch spöttisch formulierte Äußerungen die Gefühle von religiösen Minderheiten verletzt, zu Recht wie ich finde. Ausgenommen von einer Strafe sind natürlich diejenigen, durch spöttisch formulierte Äußerungen die Gefühle von Angehörigen der katholischen oder evangelischen Kirche verletzen, zu Unrecht wie ich meine."

    Das ist doch ironisch gemeint, oder?
    Wenn nicht, dann sollten sie vielleicht in ein anderes Land ziehen. Sie müssen bei der Einreise nur ihre Selbstverantwortung und ihre Freiheit abgeben.

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    • gooder
    • 15. April 2013 15:58 Uhr

    Laut unserem Strafgesetzbuch ist es nun mal verboten und das sollte auch so bleiben.

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  • Quelle dpa, Reuters
  • Schlagworte Bevölkerung | Bewährungsstrafe | Bordell | Gedicht | Islam | Prozess
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