US-EinwanderungspolitikMigranten-Nation überdenkt ihre Regeln

Wie Millionen andere Einwanderer mussten sich die Boston-Attentäter den Fragen der Sicherheitsbehörden stellen. Erfolglos. Die USA diskutiert nun: Was müssen wir ändern? von 

Einwanderer halten die US-Fahne während einer Einbürgerungszeremonie in Los Angeles in den Händen.

Einwanderer halten die US-Fahne während einer Einbürgerungszeremonie in Los Angeles in den Händen.  |  © Mario Anzuoni/Reuters

Einwanderer sind Teil der US-DNA. "Ich möchte Sie daran erinnern, dass alle von uns, Sie und ich vor allem, von Einwanderern oder Revolutionären abstammen", zitiert das Portal The Civil Society den früheren Präsidenten Franklin D. Roosevelt. "Wir definieren uns selbst als eine Nation von Einwanderern", hatte Barack Obama nach seiner Wiederwahl zum Präsidenten gesagt.

Dieses Selbstverständnis wird durch den Anschlag von Boston ein Stück weit erschüttert. Dass die mutmaßlichen Attentäter von Boston ganz legal in den USA lebten, lässt das Land über den Grad an Offenheit ihrer Gesellschaft debattieren.

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Die Debatte  ist nicht neu: Sie bestimmte bereits den Präsidentschaftswahlkampf, als Obama das Schicksal der illegalen Immigranten zum Thema gemacht und damit bei der wachsenden Gruppe von US-Bürgern lateinamerikanischer Herkunft gepunktet hatte. Der Sicherheitsaspekt, der die Debatte in den Jahren nach den Anschlägen vom 11. September 2001 dominiert hatte, trat in den Hintergrund. Wichtiger war es, den rund elf Millionen Illegalen im Land endlich eine Perspektive aufzuzeigen.

Mit dieser Haltung gingen auch viele Kongressabgeordnete in die Verhandlungen über ein neues Einwanderungsgesetz. Seit den Bomben von Boston hat sich das wieder geändert: Terrorabwehr und der Schutz Amerikas sind erneut in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt.

Als Kinder in die USA

Ausschlaggebend ist dabei die Herkunft der beiden Attentäter. Tamerlan Zarnajew und sein jüngerer Bruder Dschochar kamen aus dem Kaukasus in die USA und bekamen erst Asyl, dann eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung und Dschochar schließlich die US-Staatsbürgerschaft. So wie viele Millionen Einwanderer erlebten sie dabei etliche Überprüfungen durch die Sicherheitsbehörden. Nun wird in den USA diskutiert, ob die Offiziellen bei den Zarnajews etwas übersehen haben? Wurde den Terroristen zu schnell eine neue Heimat gegeben?

Die Zarnajew-Brüder kamen 2002 in die USA. Tamerlan war 15, Dschochar acht Jahre alt. Ihre Eltern beantragten politisches Asyl als Bürgerkriegsflüchtlinge, was ihnen aufgrund ihrer tschetschenischen Herkunft gewährt wurde. Und das, obwohl seit den Anschlägen 2001 die Bedingungen für einen solchen Asylantrag verschärft wurden. Das gesamte Vorleben der Antragssteller wird seither durchleuchtet. Bei der Familie Zarnajew konnten die Sicherheitsbehörden keine Alarmzeichen entdecken, weder beim Vater, erst recht nicht bei seinen minderjährigen Söhnen und Töchtern.

Tamerlan blieb Pass verwehrt

Auch beim nächsten Schritt, der Beantragung der Greencard, fiel den Behörden nichts Ungewöhnliches auf. Die Zarnajews bestanden auch diese Bewährungsprobe und haben seit spätestens 2007 das Recht, dauerhaft in den USA zu leben und zu arbeiten. Tamerlan und Dschochar durften Schule und Universität besuchen, zur Armee gehen – und sich nach fünf Jahren für die amerikanische Staatsbürgerschaft bewerben.

Beide Brüder taten dies auch, diesmal konnten sie aber die Behörden erstmals nicht mehr gleichsam von ihrer Redlichkeit überzeugen. Während der jüngere Zarnajew – ausgerechnet – am 11. September 2011 vor einem Richter seinen Schwur als Staatsbürger der USA leistete, wurde dem älteren, Tamerlan, trotz amerikanischer Ehefrau der Pass verwehrt.

Restrisiko für jede Demokratie

Die Einwanderungsbeamten hatten offenbar "Zweifel an seiner moralischen Festigkeit". Wie die New York Times berichtet, störten sie sich an einen Vorfall von häuslicher Gewalt, in dem Tamerlan verwickelt gewesen sein soll. Auch bei einer Befragung durch das FBI im Jahr 2011 fiel der damals 24-Jährige offenbar negativ auf. Es ist diese Vernehmung auf Bitten Russland, die nun für hitzige Diskussionen und dem FBI den Vorwurf einbringt, versagt zu haben.

Das Attentat von Boston zeigte den Amerikanern einmal mehr, dass trotz der besten Terrorabwehr keine hundertprozentige Sicherheit zu gewährleisten ist. "Man kann nicht zukünftiges Verhalten vorhersagen", zitierte The Atlantic Wire den auf Einwanderungsrecht spezialisierten Anwalt David Leopold. Jedes demokratische Land, das Teil der internationalen Gemeinschaft sein wolle, müsse mit einem gewissen Restrisiko leben.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Barack Obama | Tamerlan Zarnajew | FBI | USA | Anschlag | Asyl
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