ZEIT ONLINE: Die Attentäter von Boston waren keine Extremisten, die von außen kamen. Es waren junge Männer, die in den USA aufgewachsen sind. Was heißt das für Amerika und seine Einwanderer?

Peter Skerry: Der Immigrationshintergrund der beiden spielt in diesem Fall meines Erachtens eine erhebliche Rolle. Assimilierung ist ein schwieriger Prozess. In der Immigrationsdebatte wird gerne übersehen, wie schwierig die Anpassung an eine fremde Gesellschaft ist. Das gilt selbst für Amerika mit seiner doch vergleichsweise offenen Gesellschaft.

ZEIT ONLINE: Was macht es so schwierig?

Skerry: Wenn Jugendliche mit ihren Eltern in die USA kommen, finden sie sich in der Regel schneller und besser in dem neuen Umfeld zurecht als diese. Oft brauchen die Eltern die Hilfe ihrer Kinder. Das stellt die natürliche Ordnung in der Familie auf den Kopf. Die Jungen suchen nach anderen Autoritäten – ein Grund dafür, dass so viele Immigrantenkinder in Gangs landen.

ZEIT ONLINE: Die beiden Brüder scheinen allerdings in der eigenen Familie wenig Akzeptanz gefunden zu haben.

Skerry: Es war interessant zu beobachten, wie sich der Onkel der beiden von seinen Neffen distanzierte. Er bezeichnete sie als Loser. Das ist ein sehr altes Muster. Einwanderer hier in den USA sehen sich oft untereinander in einem Wettbewerb. Auf der einen Seite die Neubürger, die erfolgreich nach den amerikanischen Regeln leben, und auf der anderen Seite die Unangepassten, die es nicht schaffen, dazu zu gehören.

ZEIT ONLINE: Anders als in Europa gibt es in den USA so gut wie keine Programme, die Immigranten bei der Integration helfen. Ist das nicht Teil des Problems?

Skerry: Es sollte mehr solcher Programme geben. Vor allem Sprachunterricht. Da tun wir definitiv zu wenig. Aber ich bezweifle, dass die meisten Amerikaner Integrationshilfe für eine notwendige oder richtige Maßnahme halten. Es ist Teil des amerikanischen Individualismus, jeder soll leben dürfen, wie er das für richtig hält. Wir halten insgesamt nicht viel von staatlichen Eingriffen.

ZEIT ONLINE: Der Anschlag von Boston kommt nach den tödlichen Schüssen von Newtown, bei denen ein junger Mann 20 Grundschüler und sechs Lehrer tötete, er kommt nach der Schießerei in dem Kino in Aurora, Colorado, bei der zwölf Menschen ums Leben kamen, nach dem Überfall auf einen Sikh-Tempel in Wisconsin. Sind die beiden Brüder nicht eher das jüngste Beispiel dieser anderen Art von Gewalt?