Man kann und will es nicht verstehen: Amerika ist eine gewaltgeplagte Gesellschaft, aber sie bringt es nicht einmal zustande, die Gewalt zumindest dort einzugrenzen, wo sie sich ein wenig eindämmen ließe. Obwohl es neun von zehn Amerikanern verlangen, hat sich der Kongress erneut geweigert, die Waffengesetze auch nur ein klitzekleines bisschen zu verschärfen.

Gerade hat sich der Terror in den Vereinigten Staaten wieder ins Bewusstsein gebracht. Doch Waffen fordern Tag für Tag weit mehr Opfer: Allein zwischen Montag und Mittwoch starben einige Hundert Frauen, Männern und Kinder an den Folgen einer Schussverletzung. Jedes Jahr kommen auf diese Weise knapp 30.000 Menschen um, ein rundes Drittel in der Folge eines Verbrechens.

Doch am Mittwoch konnten sich die hundert Senatoren in Washington nicht darauf einigen, einer Gesetzesvorlage zuzustimmen, die nicht mehr verlangte als eine umfassendere Überprüfung von Waffenkäufern. Bislang sind diese sogenannten background checks nur für das Geschäft in einem offiziellen Waffenladen vorgeschrieben, nicht aber für den Erwerb von Pistolen oder Gewehren auf einer Waffenmesse oder über das Internet.

Diese Lücke wollte die Mehrheit im Senat schließen. Neun von zehn Amerikanern wollen dies ebenso. Einem republikanischen und einem demokratischen Senator war das seltene Kunststück gelungen, einen Kompromiss auszuhandeln und zur Abstimmung vorzulegen.

Obama bekniete die Senatoren bis zur letzten Sekunde

Die Eltern jener Kinder, die im vergangenen Dezember bei einem Schulmassaker in Newtown ums Leben gekommen waren, reisten eigens nach Washington, um den beiden Senatoren den Rücken zu stärken. Aus Arizona flog auch die ehemalige Kongressabgeordnete Gabby Giffords ein, die im Januar 2010 bei einer Schießerei schwer verletzt worden war. Bis zur letzten Sekunde beknieten Präsident Obama und sein Vize Joe Biden die Senatoren, diesem überparteilichen Gesetzentwurf zuzustimmen.

Doch alles Werben, alles Leid und alle guten Argumente nutzten nichts. 46 von 100 Senatoren sagten am Mittwoch Nein und blockierten damit vorerst jede weitere Befassung mit dem Gesetz. Eine absurde Besonderheit im Senat verlangt eine Supermehrheit von 60 Ja-Stimmen, um weitermachen zu können. Kein Wunder, dass ein völlig frustrierter Präsident Obama am späten Nachmittag vor die Nation trat und ziemlich unverblümt darum bat, den Nein-Sagern bei der nächsten Wahl einen Denkzettel zu verpassen.

Die Verweigerer scheren sich keinen Deut um den Volkswillen. Sie hören allein auf die Waffenlobby und beugen sich ihrer geballten Macht. Millionen von Dollar warf die National Rifle Association (NRA) in die Meinungsschlacht und drohte ihrerseits Abgeordneten und Senatoren unverhohlen damit, bei der nächsten Wahl ihre vier Millionen Mitglieder in Stellung zu bringen. Fast alle Republikaner und jene Demokraten, die in konservativen Wahlkreisen kandidieren, kuschten.