Chávez-NachfolgeVenezuelas Ohnmächtige begehren auf

Hungerstreiks und zugenähte Münder: Mit drastischen Mitteln kämpft die Opposition gegen die Übermacht der Sozialisten in Venezuela. Chancen hat sie nicht. von  und Nathaly Moreno

Venezuelas Oppositionsführer und Präsidentschaftskandidat Henrique Capriles (r.) bei einem Wahlkampfauftritt in Merida

Venezuelas Oppositionsführer und Präsidentschaftskandidat Henrique Capriles (r.) bei einem Wahlkampfauftritt in Merida  |  © Reuters//Carlos Garcia Rawlins

Es ist ein Protest, der wehtut. Mit jedem Stich verwandelt sich das Gesicht von Gabriela Scatagglia in eine schmerzverzerrte Mine. Die junge Studentin näht sich für die Fotografen den eigenen Mund zu. Scatagglia will damit unmittelbar vor der Präsidentschaftswahl in Venezuela am Sonntag ihr tiefes Misstrauen gegen die staatliche Wahlkommission CNE ausdrücken. Die Stimme der Opposition wird verstummen, soll Scatagglias Protestgeste ausdrücken.

Rund 50 Studenten aus dem ganzen Land kampieren seit Tagen auf der Plaza La Castellana in der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Mit einem Hungerstreik und ihren zugenähten Mündern wollen sie auf einen ihrer Meinung nach ungleichen Wahlkampf hinweisen. Sie haben sich auf einem Matratzenlager eingerichtet, Ärzte überwachen die Hungerstreikenden und untersuchen die blutigen Lippen der zugenähten Münder. Julio Cesar Rivas hält ein Schild in die Höhe, "Dies ist meine Liebe für Venezuela" steht darauf.

Anzeige

Offiziell ist die staatliche Wahlkommission unabhängig. Tatsächlich trat die Mehrheit der CNE-Führung zuletzt mit den von den regierenden Sozialisten als Zeichen der Trauer um den verstorbenen Präsidentin Hugo Chávez getragenen Armbinden in venezolanischen Landesfarben auf. Für Führungskräfte einer Institution, die gemäß der Verfassung eigentlich streng neutral sein sollte, eine bemerkenswert instinktlose Geste, die das Misstrauen der Opposition verstärkte.

David gegen Goliath

Es ist das Gefühl der Ohnmacht, die die oppositionellen Studenten zu ihrem Protest treibt. Der Präsidentschaftskandidat der regierenden Sozialisten, Nicolas Maduro, verfügt über den allmächtigen Partei- und Staatsapparat. Linientreue staatliche Medien berichten nahezu pausen- und kritiklos über den Wahlkampf des Wunschnachfolgers des vor wenigen Wochen verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez. Maduro kann aus dem Vollen schöpfen: Steuergelder und Öl-Millionen des staatlichen Ölkonzerns PDVSA, auf die die Sozialisten nahezu unkontrolliert Zugriff haben, fließen in seinen sündhaft teuren Wahlkampf. Ihm gegenüber steht der bürgerliche Herausforderer Henrique Capriles, der gegen diese Übermacht keine wirklich faire Chance hat.
 
 Es ist ein höchst ungleicher Kampf, und es ist ein Kampf zwischen gesellschaftlichen Gruppen. Einer derer, die sich ohnmächtig fühlen, ist Julio Cesar Rivas. "Wir laden die Welt ein, dass sie sich nicht nur durch die Propaganda und die Werbung der Regierung blenden lässt, sondern dass sie sich die Realitäten anschaut, die der Chavismus nicht bereit ist einzuräumen", sagt Rivas, ehe er sich wenige Minuten später ebenfalls symbolisch den Mund zunähen lässt. "Es gibt große soziale Unterschiede, viel zu wenig Arbeitsplätze, keine Lebensqualität und vor allem keine unabhängigen Institutionen", klagt Rivas. Die angehende Ingenieurin Josmir Gutiérrez von der Humboldt-Universität kritisiert die regierenden Sozialisten scharf: "Sie sind reicher geworden und das Volk ärmer."

Leserkommentare
  1. ...der von den USA favorisierte Kandidat "kein Land" sieht, oder?

    Demokratie ist immer nur dann gut - lt. "westlicher Lesart" - wenn diejenigen gewählt werden, die "uns" genehm sind.

    Wie sieht es denn momentan im "us-dominierten" Kolumbien aus?
    Auch von dort dringt die Kunde von "Mord & Totschlag" an Oppositionellen und Gewerkschaftern, marodierenden Paramilitärs, Einschüchterung durch den Staatsapparat und von Bürgerkrieg zu uns.
    Guatemala? Honduras?

    So "schlimm" scheints in Venezuela doch nicht zu stehen?

    P.S. Chavez fehlt der Zeit ;-)

    21 Leserempfehlungen
    • VeCuBo
    • 11. April 2013 20:07 Uhr

    Meine Prognose zur Wahl: die Wahl wird Maduro klar gewinnen und bestimmt 3/4 der Wahlbeobachter werden die Wahlen als fair bezeichnen. Daraufhin wird Radonski oder zumindest ein Teil der Opposition das Ergebnis nicht anerkennen.
    Eine Frage an die ZEIT-Journalisten der Neutralität halber: wie wäre es, auch mal über eine Person oder eine Bewegung, die mit Maduro sympathisiert zu berichten? In den Artikeln zur letzten Wahl wurden fast ausschließlich negativ über Chavez berichtet und es kamen nur sehr selten einzelne Begründungen von Pro-Chavez Leuten in den Zeit-Artikeln vor.

    19 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...zum Thema Venezuela gibt es hier nicht.
    (und noch bei verschiedenen anderen Themenbereichen)

  2. ein Kommentar ueber die Finanz-Situation: der Bolivar wurde von 4.60 auf 6.30 / Dollar abgewertet. Devisen zu diesem Kurs sind aber kaum erhaeltlich. Die Regierung versteigert jedoch Devisen zu 12.00. Der Schwarzmarktkurs betraegt 25 Bolivares /Dollar. Importe sind daher stark zurueckgegangen.
    Exporte ausser Oel gibt es kaum.

    Eine Leserempfehlung
  3. ...zum Thema Venezuela gibt es hier nicht.
    (und noch bei verschiedenen anderen Themenbereichen)

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... dass Leute in den Kommentaren zu so vielen Artikeln Ihrer Enttäuschung über die ach so bösen ZEIT Redakteure Ausdruck verleihen.

    Warum fragt keiner, warum sie immer wieder hier vorbeischauen?
    Wie der Geisterfahrer, der in der falschen Fahrtrichtung unterwegs ist und sich über die vielen Irren beschwert.

  4. <em>Mit drastischen Mitteln kämpft die Opposition gegen die Übermacht der Sozialisten in Venezuela. Chancen hat sie nicht.</em>

    Und das ist auch gut so. Der Clique rund um Henrique Capriles kann man nicht trauen. Millionäre, die nur darauf warten die Schätze des landes unter sich aufzuteilen. Beim undemokratischen Putsch mit CIA Unterstützung 2002 war Capriles ganz vorne mit dabei. Nur ein Aufbegehren der Bürger und das Fluten der Straßen hat diesen coup d'état des Großgrund-Besitzbürgertums verhindern können.

    Capriles ist ein Chicago-Boy, der jederzeit westliche Unterstützung erfährt, wenn es darum geht von Oben nach Unten verteilende demokratische Staatsoberhäupter zu stürzen.

    <em>Part of the Latin American blogosphere reported that according to archives outed by the Wikileaks, over the course of the past decade, organizations financed by it trained opposition parties and persons around the world, especially in countries with a hostility to its economic policies and regional plans, even if their regimes reportedly include a multipartidary system with regular elections using confidential vote that is respected by the government in power, what is the case of Venezuela.</em>

    <em>Apparently, Capriles received training and recommendations of at least one of those organizations in 2012, in a general plan to unite the various right-wing factions of the country's politics in a sole anti-Chávez strategy.</em>

    http://en.wikipedia.org/wiki/Henrique_Capriles_Radonski

    13 Leserempfehlungen
  5. <i>Maduro kann aus dem Vollen schöpfen: Steuergelder und Öl-Millionen des staatlichen Ölkonzerns PDVSA, auf die die Sozialisten nahezu unkontrolliert Zugriff haben, fließen in seinen sündhaft teuren Wahlkampf. Ihm gegenüber steht der bürgerliche Herausforderer Henrique Capriles, der gegen diese Übermacht keine wirklich faire Chance hat.</i>

    Auch ohne irgendwelche Sympathien für die Chavisten, musste ich hier doch herzlich lachen: Kaum sind mal irgendwelche irgendwie linken Kräfte finanziell besser im Wahlkampf aufgestellt, ist das also ungerecht. Der Normalzustand - das Gegenteil - ist hingegen ok?

    9 Leserempfehlungen
  6. ... dass Leute in den Kommentaren zu so vielen Artikeln Ihrer Enttäuschung über die ach so bösen ZEIT Redakteure Ausdruck verleihen.

    Warum fragt keiner, warum sie immer wieder hier vorbeischauen?
    Wie der Geisterfahrer, der in der falschen Fahrtrichtung unterwegs ist und sich über die vielen Irren beschwert.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...Kommentare das interessante hier - die "Artikel...nunja, über deren "Qualität" läßt es sich vortrefflich streiten.

    Außerdem sollte man den Redakteuren doch zeigen, daß sie nicht mit allem "durchkommen", oder!?

    Schließlich sind wir kritische Leser - und KEINE Konsumenten ;-)

    • cm30
    • 11. April 2013 23:26 Uhr

    Oder eine vormals linke Zeitung, die sich wie der Geisterfahrer verirrt hat und gegen böse Sozialisten schimpft - von Hollande bis Chávez..

  7. ...Kommentare das interessante hier - die "Artikel...nunja, über deren "Qualität" läßt es sich vortrefflich streiten.

    Außerdem sollte man den Redakteuren doch zeigen, daß sie nicht mit allem "durchkommen", oder!?

    Schließlich sind wir kritische Leser - und KEINE Konsumenten ;-)

    7 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service