Es ist ein Protest, der wehtut. Mit jedem Stich verwandelt sich das Gesicht von Gabriela Scatagglia in eine schmerzverzerrte Mine. Die junge Studentin näht sich für die Fotografen den eigenen Mund zu. Scatagglia will damit unmittelbar vor der Präsidentschaftswahl in Venezuela am Sonntag ihr tiefes Misstrauen gegen die staatliche Wahlkommission CNE ausdrücken. Die Stimme der Opposition wird verstummen, soll Scatagglias Protestgeste ausdrücken.

Rund 50 Studenten aus dem ganzen Land kampieren seit Tagen auf der Plaza La Castellana in der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Mit einem Hungerstreik und ihren zugenähten Mündern wollen sie auf einen ihrer Meinung nach ungleichen Wahlkampf hinweisen. Sie haben sich auf einem Matratzenlager eingerichtet, Ärzte überwachen die Hungerstreikenden und untersuchen die blutigen Lippen der zugenähten Münder. Julio Cesar Rivas hält ein Schild in die Höhe, "Dies ist meine Liebe für Venezuela" steht darauf.

Offiziell ist die staatliche Wahlkommission unabhängig. Tatsächlich trat die Mehrheit der CNE-Führung zuletzt mit den von den regierenden Sozialisten als Zeichen der Trauer um den verstorbenen Präsidentin Hugo Chávez getragenen Armbinden in venezolanischen Landesfarben auf. Für Führungskräfte einer Institution, die gemäß der Verfassung eigentlich streng neutral sein sollte, eine bemerkenswert instinktlose Geste, die das Misstrauen der Opposition verstärkte.

David gegen Goliath

Es ist das Gefühl der Ohnmacht, die die oppositionellen Studenten zu ihrem Protest treibt. Der Präsidentschaftskandidat der regierenden Sozialisten, Nicolas Maduro, verfügt über den allmächtigen Partei- und Staatsapparat. Linientreue staatliche Medien berichten nahezu pausen- und kritiklos über den Wahlkampf des Wunschnachfolgers des vor wenigen Wochen verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez. Maduro kann aus dem Vollen schöpfen: Steuergelder und Öl-Millionen des staatlichen Ölkonzerns PDVSA, auf die die Sozialisten nahezu unkontrolliert Zugriff haben, fließen in seinen sündhaft teuren Wahlkampf. Ihm gegenüber steht der bürgerliche Herausforderer Henrique Capriles, der gegen diese Übermacht keine wirklich faire Chance hat.
 
 Es ist ein höchst ungleicher Kampf, und es ist ein Kampf zwischen gesellschaftlichen Gruppen. Einer derer, die sich ohnmächtig fühlen, ist Julio Cesar Rivas. "Wir laden die Welt ein, dass sie sich nicht nur durch die Propaganda und die Werbung der Regierung blenden lässt, sondern dass sie sich die Realitäten anschaut, die der Chavismus nicht bereit ist einzuräumen", sagt Rivas, ehe er sich wenige Minuten später ebenfalls symbolisch den Mund zunähen lässt. "Es gibt große soziale Unterschiede, viel zu wenig Arbeitsplätze, keine Lebensqualität und vor allem keine unabhängigen Institutionen", klagt Rivas. Die angehende Ingenieurin Josmir Gutiérrez von der Humboldt-Universität kritisiert die regierenden Sozialisten scharf: "Sie sind reicher geworden und das Volk ärmer."