"Eine neue Intifada muss folgen, die Palästinenser können gar nicht anders." In den Bars und Cafés von Jerusalem hört man diese Argumentation in letzter Zeit oft. Die zumeist westlichen Beobachter dort haben die Bilder des jüngsten Krieges von 2012 zwischen Hamas und Israel vor Augen. Sie sehen, wie die Palästinenser in immer größerer Zahl für ihre Häftlinge in israelischen Gefängnissen demonstrieren. Sie übersehen aber, dass Wut und Verzweiflung allein nicht reichen, um einen neuen Aufstand zu beginnen.

Als am Dienstag bekannt wurde, dass der Palästinenser Maysara Abu Hamdiyeh in einem israelischen Gefängnis an den Folgen eines Kehlkopfkrebses gestorben war, brachen in seinem Heimatort Hebron gewaltsame Proteste aus. Die Palästinenser warfen den Israelis vor, Abu Hamdiyeh nicht richtig medizinisch versorgt zu haben. Drei Tage lieferten sich Palästinenser und israelische Sicherheitskräfte, befeuert durch die Beerdigung von Hamdiyeh am Donnerstag, Straßenschlachten. Vermummte Palästinenser, weißes Tränengas, schwarzer Rauch von brennenden Straßenbarrikaden. Die Bilder gleichen in ihrer Heftigkeit denen aus der zweiten Intifada.

Aber die Wahrscheinlichkeit, dass eine dritte Intifada noch vor oder während der neuen Gesprächsrunde von US-Außenminister John Kerry beginnt, ist gering.

Denn die Bürger Palästinas sind zwar wütend und verzweifelt. Ob aber aus den örtlich und zeitlich begrenzten Demonstrationen ein neuer, lang anhaltender bewaffneter Aufstand wird, der das ganze Westjordanland erfasst, entscheidet ihre politische Führung um den Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde Mahmud Abbas und Premierminister Salam Fayyad. Sie kontrollieren die palästinensischen Sicherheitskräfte und die Gelder, die nötig wären, um den Aufstand über längere Zeit aufrecht zu erhalten. Die Jerusalem Post zitiert ein Mitglied der militanten Al-Aksa-Brigaden, die bei der Beerdigung von Hamdiyeh am Donnerstag einen ihrer seltenen öffentlichen Auftritte ablieferten: "Wir warten auf das grüne Licht von Abbas, um auf alle Verbrechen der Besatzer antworten zu können."

Das internationale Bild ruiniert

Aber Abbas und Fayyad haben kein Interesse an einem neuen bewaffneten Aufstand. Abbas hat sich seit Beginn seiner Amtszeit gesprächsbereit gezeigt und immer wieder betont, dass die Palästinenser ihren Staat nur bekommen könnten, wenn sie friedlich bleiben. Diese Lehre hatte er aus der zweiten Intifada gezogen, bei der Tausende Palästinenser starben und mit ihren Selbstmordanschlägen das internationale Bild der Palästinenser ruinierten. Für die israelischen Hardliner war es da einfach, die durch den Oslo-Vertrag vorgesehenen Verhandlungen über eine endgültige Lösung mit Verweis auf die "Terroristen" zu blockieren. Der Traum vom eigenen Staat war für die Palästinenser in weite Ferne gerückt.

Die palästinensische Führung machte sich dennoch in den folgenden Jahren daran, die Strukturen eines zukünftigen Staates aufzubauen und die Wirtschaft Palästinas zu fördern. Mit Erfolg: Die Wirtschaft im Westjordanland wuchs in einem Tempo vergleichbar mit China. Deutsche Entwicklungshelfer vor Ort beschreiben den palästinensischen Regierungsapparat inzwischen als "staatsreif". Vergangenen November konnte Mahmud Abbas die Delegierten der Generalversammlung der Vereinten Nationen überzeugen, ihm "die Geburtsurkunde des palästinensischen Staates" auszuhändigen und Palästina zu einem UN-Beobachterstaat zu machen. Seitdem steht auf den offiziellen Briefbögen der PA: "Staat Palästina".