Der Anschlagsort im türkischen Reyhanli nach dem Anschlag am 1. Mai © Cihan News Agency/Reuters

Die türkischen Ermittlungsbehörden müssen schon sehr gut sein. Am Samstag ereignete sich ein furchtbarer Terroranschlag in der türkischen Grenzstadt Reyhanli, einen Steinwurf von der syrischen Grenze entfernt. Mindestens 46 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. Noch am selben Tag wurde der Zugang zum Tatort blockiert, am Sonntag schon wurden neun Türken verhaftet, wenig später kam das Ermittlungsergebnis. Der Anschlag sei von der linksextremistischen DHKP-C verübt worden, einer türkischen Terrororganisation, die seit mehr als einem Jahrzehnt Ziele im ganzen Land angreift.

Es ist schön, dass sich die Ermittler im Auftrag der türkischen Regierung so sicher sind. Und vor allem so schnell. Der türkische Innenminister Muammer Güler sagte, man kenne die Hintermänner und wisse, dass sie Unterstützung vom syrischen Diktator Baschar Al-Assad erhalten würden. Trotz der vielen Toten und Verletzten bleibt die Welt für die konservative Regierung in Ankara in Ordnung. Es waren "linke" Terroristen, unterstützt vom "säkularen Diktator" Assad. Feinde der Regierung, Feinde der Türkei also.

Die DHKP-C wurde bereits im Februar für einen Anschlag auf die US-Botschaft und im März für einen auf das AKP-Hauptquartier in Ankara verantwortlich gemacht. Zu Wochenbeginn verhängte ein Gericht eine Nachrichtensperre über Reyhanli und damit über den ganzen Fall. Keine weiteren Fragen, bitte.

Man muss wissen, dass die DHKP-C heute nicht mehr wirklich links ist. Sie gilt als freibeuternde Spezialeinheit fürs Bombenlegen und kann für alle möglichen Auftraggeber arbeiten. Es soll deshalb hier, als Lob des Konjunktivs gewissermaßen, gefragt werden, wer denn noch als Täter für diese Serie von Anschlägen infrage käme, damit die wahren Gefahren dieser Angriffe deutlich werden.

Viele potenzielle Täter

Erstens läuft in der Türkei derzeit ein äußerst heikler Friedensprozess. Die AKP-Regierung führt Gespräche mit dem PKK-Chef Abdullah Öcalan und verhandelt mit kurdischen Politikern über mehr Rechte für die Kurden. Im Gegenzug soll die Kurdenpartei Premierminister Recep Tayip Erdoğan bei der Durchsetzung einer neuen Verfassung helfen, in der das Präsidialsystem verankert würde. Dieser Prozess wird von der nationalistischen Opposition, aber auch von einigen kurdischen Gruppen vehement abgelehnt. Manche von ihnen warfen früher wegen geringerer Sorgen mit Bomben. Rein theoretisch könnten sie auch ein Interesse an Unruhe in der Türkei haben.

Zweitens sind die Flüchtlinge aus Syrien in der türkischen Grenzregion Antakya bei vielen Einheimischen sehr unbeliebt. Manche grollen den Notsuchenden, weil die Orte der Region seit zwei Jahren überlastet sind mit Flüchtlingen und vor den Toren der Städte die Lager wachsen. Die Einheimischen beschuldigen die Flüchtlinge, kriminell zu sein oder ihnen die Arbeitsplätze wegzunehmen. Nach den Anschlägen in Reyhanli kam es zu bösen Ausschreitungen gegen Flüchtlinge. Fremdenfeindliche Aktionen jeder Art können also nicht ausgeschlossen werden.

Drittens leben in der Region Antakya, wo das Städtchen Reyhanli liegt, sehr viele Alawiten (Nusairier), Angehörige jener entfernt schiitischen Konfession, der auch Baschar Al-Assad angehört. Diese Alawiten sind türkische Staatsbürger. Viele von ihnen lehnen die Aufnahme der sunnitischen Flüchtlinge in Antakya entschieden ab. Sie fürchten die Sunnitisierung der Region und den Import von religiösem Fanatismus. Viele halten wiederum zu Assad, mit dem sie die Konfession, aber auch einen säkularen Lebensstil teilen. Niemand weiß, wann ihre wachsende Wut in Gewalt umschlägt.

Unangenehme Entscheidungen

Viertens ist die Grenze zwischen Antakya und Nordsyrien sehr durchlässig. Es kommen Flüchtlinge, Kämpfer der Opposition, Agenten aller Seiten, Islamisten, Anti-Assad-Aktivisten, von denen manche in Antakya Waffen und Ausbildung oder medizinische Versorgung erhalten. Einigen reicht das nicht. Der Wunsch, dass die Türkei und am besten noch die USA in Syrien aufseiten der Opposition eingreifen, ist groß. Terroranschläge könnten womöglich geeignet sein, die türkische Öffentlichkeit aufzuwühlen und eine Pro-Interventionsstimmung herbeizuführen.

Diese vier Konfliktherde in der Türkei sind absolut real und für die Regierung höchst gefährlich. Ein Anschlag mit einem dieser Hintergründe würde Tayyip Erdogan politisch sofort in die Defensive drängen und ihn zu sehr unangenehmen Entscheidungen zwingen. Für die AKP-Regierung ist es also mehr als willkommen, dass bei jedem Anschlag die DHKP-C als Täter identifiziert wird.

Wenn sie denn dahinter steckt.