AfghanistanDie Bundeswehr vergisst ihre afghanischen Helfer

Wenn die Deutschen abziehen, erwartet ihre afghanischen Helfer wegen Kollaboration ein gefährliches Leben. Was tut die Bundesregierung für diese Leute? Von H. Friederichs von 

Die deutsche Fahrzeugkolonne hält an einer Straßenbaustelle. Soldaten springen aus den gepanzerten Wagen, sichern die Umgebung. Einer der Ersten, der den Schutz eines Dingo-Transportfahrzeugs verlässt, ist ein afghanischer Dolmetscher. Er geht auf eine Gruppe Männer zu, die mit Schaufeln einen Graben ausheben. Der "Sprachmittler", wie der Übersetzter im Bundeswehrjargon heißt, spricht mit afghanischen Arbeitern, übersetzt Fragen eines deutschen Offiziers, hilft dabei, Informationen über die Sicherheitslage zu sammeln. Eine alltägliche Situation in Nordafghanistan. Ohne Dolmetscher wäre die Bundeswehr am Hindukusch hilflos.

Bei einem Angriff von Aufständischen oder bei der Explosion einer Sprengfalle an der Straße, kann der Übersetzer genauso sterben wie die Soldaten neben ihm. Ihm droht aber noch eine weitere Gefahr. Die Taliban dürften nicht erfahren, dass sie für die Deutschen arbeiten, sagen die Bundeswehrdolmetscher. Wer für die Deutschen arbeitet, verdient für afghanische Verhältnisse viel Geld – lebt aber auch gefährlich. Die Aufständischen haben zur Jagd auf Dolmetscher und andere Ortskräfte aufgerufen. Sie werfen ihnen Kollaboration vor.

Anzeige

Mit dem Rückzug der Bundeswehr aus der Fläche werden die Ortskräfte der Bundeswehr jetzt arbeitslos und verlieren zudem den Schutz der Truppe. Das Feldlager in Faisabad wurde an die Afghanen übergeben, das OP North in Baglan und das Provinzwiederaufbauteam Kundus werden ebenfalls in den kommenden Monaten von den Deutschen geräumt. Beschäftigt wurden von Deutschland nicht nur Dolmetscher, sondern auch Vorarbeiter, Reinigungskräfte und bewaffnete afghanische Wachen. Was mit den Ortskräften geschehen soll, wenn die Kampftruppen der Bundeswehr im kommenden Jahr das Land verlassen, bleibt unklar. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hat jüngst versprochen: "Wenn jemand in Gefahr ist in Afghanistan, weil er für Deutschland gearbeitet hat oder überhaupt, weil er bedroht ist, dann kann er natürlich aus humanitären Gründen zu uns nach Deutschland kommen."

Bisher nur zwei Anträge von Afghanen

Die Ministerien haben sich dazu ein Drei-Phasen-Modell überlegt: Ein betroffener Afghane wendet sich vor Ort an seinen Vorgesetzten und meldet, dass er sich bedroht fühlt. "Bei der Entwicklung der jeweils individuellen Lösung werden zunächst Möglichkeiten wie die Beseitigung von Gefährdungen vor Ort, insbesondere durch Beschäftigung an anderer Stelle, geprüft", teilt das Innenministerium mit. Konkret gefährdete Ortskräfte sollten die Möglichkeit bekommen, "einen Aufenthaltstitel für Deutschland zu erhalten". Dazu leiten die Dienststellen einen Antrag des Afghanen an die deutsche Botschaft in Kabul weiter. Dort wird die Sicherheitssituation des Einzelnen geprüft. Am Ende entscheidet dann das Bundesinnenministerium in Berlin. Die Kriterien dafür sind nicht öffentlich. Bisher lägen zwei Anträge zur Prüfung in Berlin vor, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums ZEIT ONLINE. Wie viele in der ersten und zweiten Phase aussortiert wurden, ist dem Ministerium nicht bekannt.

Nun hat sich der Wehrbeauftragte des Bundestages in die Debatte eingemischt. Hellmut Königshaus (FDP) fordert die Bundesregierung und speziell den Innenminister auf, großzügiger zu reagieren. "Die bürokratisch festgelegten Maßstäbe dafür sind streng, die Hürden hoch", schreibt Königshaus in Kompass, dem Magazin des katholischen Militärbischofs. Der Wehrbeauftrage fordert: "Seien wir doch großzügiger und helfen wir denen unbürokratisch, die auch uns unter Inkaufnahme von eigenen Gefahren geholfen haben!"

1.700 afghanische Helfer

Bisher sieht die Regierung vor, dass lediglich die ehemaligen afghanischen Angestellten der deutschen Bundesbehörden nach Deutschland kommen dürfen, die mit "Gefährdungsbezug" gearbeitet haben. Rund 1.700 Einheimische sollen für staatliche Stellen der Bundesrepublik in Afghanistan tätig sein. Für sie hat das Bundesinnenministerium zunächst eine Jobbörse eingerichtet – für den afghanischen Markt.

Leserkommentare
  1. Die Haltung der britischen Regierung ist vernünftig und moralisch die einzig Vertretbare.

    Hoffentlich schließt sich Deutschland dieser Haltung noch an: Allerdings bin ich skeptisch: Das wichtigste Anliegen der deutschen Behörden dürfte mal wieder sein, möglichst wenig Menschen ins Land zu lassen. Widerlich!

    17 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
  2. Klare Worte, von einem Mann, von dem man auch klare Worte erwarten darf.
    Mit einer politischen Führung, die weiß was sie will, steht Deutschlands Zukunft auf soliden Beinen.
    Wichtig ist nur, dass wir nicht vergessen, die letzte Phase des Rückzugs, möglichst schnell, am besten über Nacht abzuschließen.

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Vergleiche. Danke, die Redaktion/ls

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • ekbül
    • 28. Mai 2013 12:36 Uhr

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde mittlerweile entfernt. Die Redaktion/ls

  3. Egal wo die Bundeswehr sich auf diesem Planeten engagiert, sie braucht lokale Helfer. In vielen Ländern ist für diese kein Risiko damit verbunden, wenn sie mit der Bundeswehr zusammenarbeiten.
    Es ist aber ein Gebot des Anstandes in den Ländern, in denen diese Hilfe mit einem hohen persönlichen Risiko verbunden ist, lokale Helfer nicht einfach zu nutzen und dann quasi wegzuwerfen. Das ist ein Ausmaß an Menschen-verachtung dass ich schlichtweg zu kotzen finde. Aber dann, welcher Politiker kann denn noch das Wort 'Anstand' sinnvoll erkläreb, geschweige denn den Begriff korrekt interpretieren? Liebe "Zeit" und andere Medien, bitte haltet dieses Thema wach.

    […]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf diskriminierende Äußerungen und bleiben Sie bei der Diskussion des konkreten Artikelinhalts. Danke, die Redaktion/jp

    14 Leserempfehlungen
  4. 5. […]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • CoMiMo
    • 28. Mai 2013 11:54 Uhr

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde entfernt. Die Redaktion/ls

    Der Beitrag, auf den Sie sich beziehen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/jp

    • ZEITYY
    • 28. Mai 2013 11:33 Uhr

    Ich finde die Menschen, die den Soldaten und auch ausländischen Organisationen helfen wissen natürlich um ihre Lage. Ob man jetzt jeden ("Dolmetscher,sondern auch Vorarbeiter,Reinigungskräfte und bewaffnete afghanische Wachen") auch aufnehmen sollte kann beliebig erweitert werden, das ohne Ende.Das gleiche könnte man auch Dolmetschern Mitarbeitern von Botschaften,Firmen etc.unterstellen, denn man weiß das die Menschen gut verdienen wenn sie bei Ausländern arbeiten. Ich komme selbst aus Zentralasien und kenne viele Bekannte, die bei Ausländern beschäftigt sind, auch Botschaften. Das jetzt nicht US-Bürger, die z.B. bei einer US Botschaft beschäftigt sind, sich einer Gefahr ausgesetzt sind ist mir neu. Natürlich sollte man nicht prahlen,dass man gut verdient.Vielleicht sollte man den dortigen Menschen helfen bei deutschen Organisationen/Firmen in ihrer Heimat eine Stelle zu finden (solche gibt es zuhauf). Man könnte auch Weiterbildungsmaßnahmen, Universitätsgebühren (=sehr teuer) etc. in der Heimat einmalig unterstützen. So wie sich das im Beitrag anhört scheinen das Menschen zu sein, denen mehr geholfen wird wenn man sie weiterhin unterstützt mit den Maßnahmen, die ich vorhin erwähnt habe. Hypothetisch gesehen was wird passieren, wenn die ex-Helfer nach Deutschland kommen sollten? Sie sind vielleicht sicher, aber was ist mit anderen Familienangehörigen zweiten dritten Grades? Es spricht sich ja schnell rum, dass der und jenes dort arbeitet. Sie leben theoretisch auch unsicher.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • MrWho
    • 28. Mai 2013 12:23 Uhr

    "Man könnte auch Weiterbildungsmaßnahmen, Universitätsgebühren (=sehr teuer) etc. in der Heimat einmalig unterstützen."

    Wie Sie schreiben:

    Die Menschen verdienten gut. Sie wussten um das Risiko und arbeiteten trotzdem für ausländische Organisationen. Vermutlich des Geldes wegen. Mit dem (mehr als ortsüblich) verdienten Geld können sie durchaus die eigene Ausbildung (oder die der Kinder) finanzieren, eigene Weiterbildungsmaßnahmen sind unnötig.

    Ich sehe nicht, wo wir (oder die Bundeswehr, Deutschland) eine Verantwortung für diese Menschen haben, sofern diese in Zukunft nicht mehr gebraucht werden. Seit wann müssen Arbeitgeber sich nach einem Arbeitsverhältnis um ihre ehemaligen Angestellten kümmern? Hier hat niemand den anderen ausgenutzt, beide Seiten wussten um die Bedingungen und hatten etwas davon.

    Wenn die Einwanderung (samt Familie) nach Deutschland im Arbeitsvertrag zugesichert gewesen wäre, dann hätten diese Menschen weniger verdienen müssen. Ja, in manchen Regionen muss man sogar dafür draufzahlen, nach Europa zu dürfen.

    • zappp
    • 28. Mai 2013 13:25 Uhr

    irgendwo anders auf der Welt werden die lokalen Helfer wissen, wie man mit ihren Kollegen in Afghanistan umgegangen ist oder noch umgehen wird.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service