Man kennt diese Abfolge leider schon allzu gut: erst ein Empfang mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, zwei Tage später dann Israels Premier Benjamin Netanjahu. Eine Nahost-Initiative von John Kerry, dem amerikanischen Außenminister, könnte man denken, oder vielleicht ein Vermittlungstermin beim König von Jordanien. Doch diesmal ist der Gastgeber selbst die Überraschung: Es ist Chinas Staatschef Xi Jinping.

Damit nicht genug, hat Xi zum Abbas-Empfang einen Vier-Punkteplan für Nahost vorgestellt, eine Art diplomatische Initiative also. Peking hat sich in den Nahostkonflikt eingebracht, ein weiterer Schwenk der chinesischen Außenpolitik. In den vergangenen Jahrzehnten versuchte man sich hier noch an die Devise Deng Xiaopings zu halten, sich in die Angelegenheiten anderer Länder nicht einzumischen. Doch in Zeiten der Globalisierung ist das zunehmend schwerer aufrechtzuerhalten.

Warum aber ausgerechnet Nahost? Der Streit dort ist mit so vielen Emotionen und so viel Gewalt aufgeladen. China ist weit weg von dieser Konfliktregion, hat keine eigene Grenze zu einem der beteiligten Länder.

Trotzdem ist es aus Pekinger Perspektive sinnvoll, sich für die Palästinenser einzusetzen. China ist interessiert an einem guten Verhältnis zu muslimischen Ländern und Regierungen. Die wohlhabenden Golfstaaten exportieren Öl und Gas nach China und sind gleichzeitig lukrative Absatzmärkte. Außerdem leben auch in China über 20 Millionen Muslime (manche Schätzung ist noch weit höher). Im Nordwesten, wo das Gros von ihnen wohnt, kommt es zudem regelmäßig zu Unruhen.

Das Hauptproblem ist der Iran

Für ein Nahost-Engagement Chinas spricht auch, dass die politischen Beziehungen zu Israel stabil und die wirtschaftlichen sogar gut sind. Und bei den Palästinensern genießt Peking einen guten Ruf, weil es sich für sie im UN-Sicherheitsrat eingesetzt hat.

Nur: Dass China gute Gründe hat, sich zu engagieren, heißt noch lange nicht, dass es auch Erfolg haben wird im verwickelten Nahoststreit, an dem schon so viele Politiker gescheitert sind. Die USA sind trotz aller Unstimmigkeiten zwischen US-Präsident Barack Obama und Netanjahu Israels Schutzmacht. Dass Israels Premier gerade den Ausbau jüdischer Siedlungen im besetzten Westjordanland zurückfährt – eine Gesprächsbedingung der Palästinenser – hat nur mit dem Israel-Besuch von Obama im März zu tun. So wichtig ist China noch lange nicht.

Chinas größtes Problem im Nahen Osten dürften aber seine guten Beziehungen zum Iran sein. Teheran propagiert die Vernichtung Israels und steht im dringenden Verdacht, eine Atombombe zu bauen. China ist heute der größte Einzelabnehmer iranischen Öls und unterstützt das Land massiv mit Geld und Technik beim Ausbau seiner Infrastruktur, unter anderem mit einem Hochgeschwindigkeitszug. China vernetzt sich immer enger mit den rohstoffreichen Staaten Zentral- und Westasiens, der Iran spielt dabei eine wichtige Rolle.   

Der chinesische Partner Iran aber ist ein rotes Tuch für den Westen und Israel. Das haben erst vergangene Woche die Attacken der israelischen Armee auf Ziele bei Damaskus in Syrien gezeigt: eine überdeutliche Warnung an den Iran und seine Verbündeten von der Hisbollah-Miliz, beide einflussreiche und gefährliche Mitspieler im Nahost-Streit. Selbst die palästinensische Fatah von Mahmud Abbas steht Teheran nicht gerade freundlich gegenüber. Das Kalkül Pekings, mit dem  Nahostkonflikt Außenpolitik in seinem Sinne zu betrieben, dürfte daher unter diesen Voraussetzungen nicht aufgehen.