Ajo* war erst vierzehn Jahre alt, als er aus Somalia floh. Nach einer höllischen Reise durch Afrika und über das Mittelmeer erreichte er wie Tausende andere Menschen zuvor die italienische Küste. Der junge Mann wurde festgenommen und in ein Aufnahmezentrum gebracht. Nach zwei Monaten erhielt er eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung und den Rat, Italien so schnell wie möglich zu verlassen.

Diesen Rat kennt fast jeder Flüchtling, der in Italien ankommt – meist zugeflüstert von einem freundlichen Polizisten oder einem Mitarbeiter im Amt für Migration. Auch vielen der etwa 300 Frauen und Männer, die seit Wochen in Hamburg um eine Unterkunft für sich kämpfen, hat man etwas Ähnliches gesagt.

Über die Flüchtlinge, die am Bismarck-Denkmal in Hamburg kampieren, hat sich ein diplomatischer Streit entwickelt. Laut der Tageszeitung Die Welt hat das Bundesinnenministerium an die Ausländerreferenten der Bundesländer geschrieben, den Flüchtlingen seien von den italienischen Behörden 500 Euro "mit dem Hinweis in die Hand gedrückt" worden, sie sollten nach Deutschland reisen.

Das italienische Innenministerium hat diesen Vorwurf bereits zurückgewiesen. Keine Behörde habe den Flüchtlingen so etwas gesagt. Wer in Italien eine Aufenthaltserlaubnis erhalte, schreibt das Ministerium, dürfe gemäß dem Schengen-Abkommen bis zu drei Monate lang frei durch Europa reisen.

Schon einmal hatten die Italiener sich den Unmut ihrer europäischen Nachbarn zugezogen, als sie im April 2011 vielen arabischen Flüchtlingen Reisegenehmigungen erteilten: Hunderte machten sich damit nach Frankreich auf, die Regierung dort drohte damals, die Grenze zu Italien zu schließen.

Regierung drückt sich um Integrationspolitik

Das Problem sei diesmal durch das Auslaufen des sogenannten "Notfallplans für Nordafrika" entstanden, sagt das italienische Innenministerium. Den hatte die italienische Regierung im Februar 2011 aufgelegt, um auf die zunehmende Zahl von Flüchtlingen zu reagieren, die nach dem Arabischen Frühling nach Europa kamen. In den folgenden zwei Jahren wurden nach Angaben des Ministeriums etwa 62.000 Flüchtlinge aus Nordafrika – unter ihnen viele Tunesier und Libyer –, aber auch Flüchtlinge aus Ost- und Zentralafrika in temporären Aufnahmestrukturen untergebracht: zum Teil in öffentlichen Gebäuden, zum Teil in Hotels und privaten Unterkünften.

1,3 Milliarden Euro, etwa 25.000 Euro pro Person, investierte das italienische Innenministerium in das Projekt, die EU beteiligte sich nur geringfügig. Doch der Notfallplan half nicht dabei, die Migranten zu integrieren, sondern er wurde zu einem einträglichen Geschäft für viele Hoteliers. Als der Notfallplan im Dezember 2012 für beendet erklärt wurde, hatte sich an der Situation der Flüchtlinge wenig geändert. Im vergangenen Februar mussten etwa 13.000 Asylbewerber ihre Unterkünfte verlassen. Als "Integrationshilfe" stellte das Ministerium 500 Euro pro Person zur Verfügung. Wohin die Migranten damit gehen sollten, blieb offen.

Für Christopher Hein, den Direktor des italienischen Flüchtlingsrats, ist das Problem, "dass Italien traditionell ein Transitland für Migranten war". Deshalb habe die Regierung bislang die Aufnahmestrukturen nicht ausgebaut und keine effektive Integrationspolitik auf den Weg gebracht. Dabei seien durchaus 3.000 Plätze für Flüchtlinge vorhanden. "Die Flüchtlinge im Land sind aber mindestens zehnmal so viele."