Völkermord-Urteil : Guatemala bewältigt die Vergangenheit nur langsam

Guatemalas Exdiktator Ríos Montt ist zu 80 Jahren Haft verurteilt worden. Ein historischer Vorgang, hinter dem auch mutige Frauen stehen, kommentiert Sandra Weiss.
Exdiktator Efraín Ríos Montt im Gericht in Guatemala © Jorge Lopez/Reuteres

Das Gericht hat sein Urteil gefällt: In Guatemala hat ein Völkermord stattgefunden. Noch vor ein paar Jahren hätte niemand das von einem guatemaltekischen Gericht erwartet. Infiltriert vom Organisierten Verbrechen, rassistisch, korrupt und gewollt ineffizient – auch nach dem Friedensschluss von 1996 hatte sich am katastrophalen Rechtssystem des Landes nichts geändert.

Warum auch? Es war bequem für die Elite. Der Unrechtsstaat zementierte die Ungleichheit, die Straffreiheit und die Gewalt. Finanzielle Streitigkeiten, Scheidungskriege und politische Meinungsunterschiede – es war nicht ungewöhnlich, solche Probleme mit 50 bis 1.000 Euro für einen Auftragskiller zu lösen.

Dass sich in den letzten Jahren die Dinge langsam gebessert haben, ist einem Geniestreich des vorherigen Präsidenten Alvaro Colom zu verdanken, der angesichts der dramatischen Lage die UN um Rechtsbeistand bat. So wurde 2006 die Kommission gegen die Straffreiheit (CICIG) geschaffen. Eine Art parallele Staatsanwaltschaft, die gegen mafiöse Politiker, Militärs, Richter und Anwälte ermittelte – kurz, all die Unantastbaren.

Langsame Vergangenheitsbewältigung

Die CICIG trug so viele Beweise zusammen, bis der Fall wasserdicht war – und unterrichtete gleichzeitig einheimische Juristen. Besonders Frauen stachen hervor – eine positive und erstaunliche Neuerung in so einem machistischen Land. So ist es kein Zufall, dass das Urteil gegen Ríos Montt von einer mutigen Richterin gefällt wurde: Jazmín Barrios. Hinter den Kulissen trug noch eine andere Frau viel dazu bei, dass der Prozess durchgezogen wurde: Generalstaatsanwältin Claudia Paz y Paz.

Doch nicht das ganze Land hat so viele Fortschritte bei der Vergangenheitsbewältigung gemacht wie die Justiz. Der populistische, protestantische Wanderprediger Ríos Montt genießt in der Bevölkerung noch immer Popularität. Und das Militär ist weiterhin einflussreich – Staatschef Otto Pérez ist General – und nicht erfreut über die Stigmatisierung durch das Urteil.

Pérez war zwar ein interner Gegenspieler von Ríos Montt, aber das Urteil ist auch für ihn gefährlich, denn er war zu der Zeit Major, und es gibt Berichte, wonach er unter einem Decknamen in der Region des Völkermordes operierte. Er hat öffentlich beteuert, das Urteil zu respektieren und gleichzeitig verlauten lassen, seiner Meinung nach habe in Guatemala kein Völkermord stattgefunden. Das Urteil birgt viel politischen Zündstoff.

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Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Im Jahre 1981 unsw...

"...es war nicht ungewöhnlich, solche Probleme mit 50 bis 1.000 Euro für einen Auftragskiller zu lösen..." Wobei in der Amtszeit des o.g. Präsidenten weder in Guatemala noch in sonst einem Land der Welt irgendwelche "Euro`s" im Umlauf waren.
Auftragskiller sind ebenfalls keine Erfindung Guatemals. Die gab es auf Kuba, in Neapel, in Serbien und solange der Mensch an die Macht oder das Geld anderer Menschen will.
Ansonsten stehen hinter historischen Vorgängen immer Männer & Frauen - je nach der jeweilig vorgeschriebenen Quote...