Sollte es noch einen Rest an Legitimität für die kommenden Präsidentschaftswahlen im Iran gegeben haben, ist auch dieser seit der Entscheidung des allmächtigen Wächterrates verpufft. Denn von den 686 Bewerbern dürfen nach dem Willen des Altherren-Gremiums nur acht als Kandidaten antreten, Frauen prinzipiell nicht und bei den Männern praktisch nur stramme Hardliner, handverlesen von der herrschenden Machtallianz aus politischem Klerus und Revolutionären Garden. Aus dem Lager der Reformer hatte sich von vornherein niemand beworben. Und die beiden moderaten Kandidaten wurden disqualifiziert, der ehemalige Präsident Akbar Hashemi Rafsandschani sowie der engste Vertraute des noch amtierenden Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, Esfandiar Rahim Mashaie.

Dabei gehört Rafsandschani zum revolutionären Urgestein der Islamischen Republik. Er gilt als Pragmatiker, der die Wirtschaft wieder in Gang bringen und das Verhältnis zum Westen entspannen könnte. Der eine Generation jüngere Mashaie wiederum ist persischer Nationalist, der dem politischen Islam misstraut, den Bürgern mehr persönliche Freiheit erlauben und die bisherige Allmacht des Klerus beschneiden möchte.

Beide Politiker hätten das Zeug gehabt, den Ultrakonservativen den Sieg streitig zu machen und Stimmen aus dem Reformlager, der urbanen Mittelschicht sowie der ländlichen Bevölkerung anzuziehen. Jetzt aber könnte nach Justiz, Revolutionären Garden und Parlament auch noch die letzte wichtige staatliche Machtinstitution, das Präsidentenamt, dem klerikal-kompromisslosen Lager von Ali Chamenei zufallen, dem Revolutionsführer, der im Staat das letzte Wort hat.

70 Prozent der Iraner sind jünger als 30 Jahre

Trotzdem klang das Aufbegehren der Disqualifizierten gegen den Coup des Wächterrates zunächst eher matt. Mashaie rief seine Anhänger auf, Ruhe zu bewahren. Ahmadinedschad nannte seinen politischen Wunscherben, mit dem er vor zehn Tagen Hand in Hand bei der Kandidateneinschreibung erschienen war, ein "Opfer von Ungerechtigkeit" und kündigte an, er werde den Fall persönlich bei Revolutionsführer Chamenei zur Sprache bringen. Der 78-jährige Rafsandschani ließ erklären, er nehme seinen Ausschluss hin und werde keinen Protest einlegen.

Wichtigster Unbekannter in den gegenwärtigen Machtmanövern jedoch bleibt das Volk. 70 Prozent der Iraner sind jünger als 30 Jahre und kennen die Islamische Revolution von 1979 nur aus Erzählungen. Seit dem blutigen Vorgehen des Regimes gegen die Grüne Bewegung 2009 sind vor allem die jungen gebildeten Schichten in den Städten traumatisiert, frustriert und apathisch. Gleichzeitig hat sich seit den Volksaufständen des Arabischen Frühlings die regionale politische Landschaft drastisch verändert.