ItalienAndreotti nimmt Geheimnisse mit ins Grab

Italiens ewiger Ministerpräsident Giulio Andreotti war ein Meister der Hinterzimmer. Zwischen Machtpolitik und Mafia bleiben nach seinem Tod viele Fragen. von 

Giulio Andreotti

Giulio Andreotti im italienischen Senat Anfang 2009  |  © Filippo Monteforte/AFP/Getty Images

Eine private Beerdigung in einer relativ unbekannten Kirche in der Nähe des Vatikans. Keine Fanfaren, keine medientaugliche Trauerhalle – der geplante Trauerzug für Giulio Andreotti trägt eindeutig die Handschrift des kontroversesten italienischen Politikers der Nachkriegszeit. Andreotti war dafür bekannt, dass er sich nie aufregte, nie laut wurde. Jede Kritik, jede Anklage ließ er mit einem halben Lächeln an sich vorbeiziehen. Denn er war sich sicher: All diejenigen, die einmal sein baldiges Ende verkündet hatten, waren tot. Nur er blieb.

Am Montag starb Andreotti im Alter von 94 Jahren in seinem Haus in Rom.

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Andreotti wurde zwei Jahre vor der Gründung der italienischen Kommunistischen Partei geboren, im selben Jahr wie der Faschismus und die Italienische Volkspartei, die als Christdemokratische Partei (DC) Italien fünfzig Jahre lang regieren sollte. So war der gelernte Jurist Zeuge des Aufstiegs und Niedergangs aller Machtstrukturen, die sein Land in den vergangenen achtzig Jahren prägten. Diese Erfahrung – pflegte er zu sagen – habe ihm viel über die Vergänglichkeit der Macht beigebracht.

"Ich habe die Geburt der Ersten und der Zweiten Republik gesehen. Ich hoffe, dass ich auch die Dritte sehen werde", ist einer seiner am meisten zitierten Sprüche. Sein Wunsch ging in Erfüllung: Mit der Bildung der Letta-Regierung wurde die sogenannte Zweite Republik, die aus der Asche der Skandale der neunziger Jahre entstanden war, zu Grabe getragen. Doch der 94-jährige Andreotti betrachtete die jüngsten Entwicklungen aus einer zunehmenden Distanz.

Alle Kräfte im Gleichgewicht halten

Viel hat sich in der italienischen Politik geändert, seit er vor zwanzig Jahren zum siebten und letzten Mal das Amt des Ministerpräsidenten bekleidete. Die schrillen Medienkampagnen und heftigen Schlammschlachten, die die italienische Politik der vergangenen zwanzig Jahre kennzeichneten, gefielen ihm bekanntlich nicht.

Andreotti war ein Meister der Verhandlung und der Hinterzimmerpolitik. Wegen seiner diplomatischen Fähigkeiten wurde der damals 28-jährige Jurist im Jahr 1947 als Kabinettchef der ersten Nachkriegsregierung ausgewählt. Sieben Jahre später saß er schon an der Spitze des Innenministeriums. In seiner Karriere machte er in fast allen Ministerien Station: Finanzen, Industrie, Verteidigung und Außenministerium. Insgesamt wurde er zwanzig Mal vereidigt.

Sein Hauptanliegen war immer, das Gleichgewicht der Machtverhältnisse zu erhalten. Andere Spitzenpolitiker der DC stiegen auf und gingen zu Boden. Er blieb an seiner Stelle. "Meine Kraft besteht darin, dass ich meine eigenen Grenzen kenne. Und auch die der anderen", sagte er vor etwa dreißig Jahren in einem Interview.

Andreotti hatte wenige Vorbilder. Einer, den er oftmals nannte, war Bundeskanzler Adenauer. "Ich bin von seinem starken Charakter, von seiner Schlichtheit sehr angezogen", sagte er in einem Interview Anfang der achtziger Jahre. Grundsätzlich war seine Beziehung zu Deutschland allerdings alles andere als freundlich. Nach der Wiedervereinigung fürchtete er die Folgen eines erneuten Aufstiegs der deutschen Macht: "Ich mag Deutschland sehr", sagte er 1989. "Ich mag das Land so sehr, dass ich mir wünsche, es wären noch zwei Länder."

Leserkommentare
    • Lefty
    • 06. Mai 2013 19:40 Uhr

    Andreotti wird schon wissen,warum er bis zuletzt schwieg....

  1. .
    ... vielseitigste politische Fossil der zweiten Republik.

    Vieler viel weniger opportunistischer Fossile muss sich die gerade anbrechende dritte Republik noch rigoros entledigen, um für die Italiener die Errichtung einer zukunftsfähigen, sozialen, mafiafreien dritten Republik in Angriff nehmen zu können, die der menschlichen Vernunft statt klebrigem Proporz folgen soll und von integeren Politikern statt dieser korrumpierten Machtmechaniker von damals und leider auch noch heute getragen werden muss.

    3 Leserempfehlungen
  2. und nimm das geheimnis mit ins grab, lieber herr andreotti.

    bei don corleone war das auch nicht anders!

  3. Jetzt wird er verrotten, die Würmer werden ihn zerfressen und die Pilze zersetzen.
    Ganz natürlich und im speziellen ein schöner Gedanke!

  4. haetten wir viel spaeter - oder vielleicht nie - von Gladio erfahren, schon das entschuldigt vieles. Alle anderen europaeischen Politiker seiner Generation koennen wie folgt klassifiziert werden: 1. die die dichtgehalten haben oder 2. die die selbst nichts wussten

    3 Leserempfehlungen
  5. .
    "... Alle anderen europaeischen Politiker seiner Generation koennen wie folgt klassifiziert werden: 1. die die dichtgehalten haben oder 2. die die selbst nichts wussten ..."

    Sie vergessen diejenigen Politiker, die sich aktiv und mörderisch an ihrer eigenen Bevölkerung vergangen haben mit den grässlichen Anschlägen, die der Gegenseite in die Schuhe geschoben werden sollten wie die in Bologna und in München 1980 ... Diese haben nicht einfach nur dicht gehalten, sondern wollten aktiv den autoritären Faschismus wiederherstellen.

    Andreotti hat die Existenz Gladios nicht geleugnet.

    Das ist ihm hoch anzurechnen.

    Vielleicht findet sich in seinem Nachlass ja die "Lebensverischerung" an Dokumenten, auf deren Basis er sich leisten konnte Gladio zu outen und dennoch erst am 6. Mai 2013 eines natürlichen Todes zu sterben ....

    2 Leserempfehlungen
  6. ...Bänker? Welche? Hinterbänker...was genauso unrichtig wäre... ;-)

  7. Redaktion

    Gemeint sind tatsächlich Banker, wir haben es geändert. Danke für den Hinweis!

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  • Schlagworte Italien | Giulio Andreotti | Aldo Moro | Entführung | Faschismus | Freimaurer
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