OstasienEin Foto reißt Wunden auf

In Japan verharmlosen Reaktionäre die Kriegsgeschichte, Südkorea und China sind empört. Dazu stellt die Führung in Peking auch noch Gebietsansprüche. von 

 Shinzo Abe

Japans Premier Shinzo Abe im Trainingsflugzeug mit der Nummer 731 (Ausriss einer sükoreanischen Tagesszeitung vom 15. Mai)   |  © Jung Yeon-Je/AFP/Getty Images

Im Cockpit eines militärischen Trainingsflugzeugs sitzt Shinzo Abe lächelnd und hält den Daumen hoch. Seit Tagen sorgt dieses Foto für Aufregung in China und Südkorea, denn der Jet, in dem Japans Premierminister am Sonntag fotografiert wurde, trägt die Nummer 731. "Abe ruft den Horror der Einheit 731 wieder hervor", titelte die südkoreanische Zeitung Joongang Daily. Andere Medien reagierten ähnlich. Auch aus China kommen deutliche Töne: "Es gibt einen Berg stahlharter Beweise für die Verbrechen, die sie im Zweiten Weltkrieg begangen haben. Wir hoffen, dass sich Japan seiner aggressiven Geschichte stellen und damit richtig umgehen wird", sagte Hong Lei, Sprecher des chinesischen Außenministeriums, gegenüber Journalisten.

Die Aufregung über dieses Foto zeigt, wie tief die Wunden von Japans Nachbarn noch sind. Während des Zweiten Weltkriegs war die Einheit 731 eine geheime Forschungsanstalt in der besetzten Mandschurei, die seit Ende des Kriegs wieder Teil Chinas ist. Jahrelang testete Japans Militär dort Bio- und Chemiewaffen vor allem an chinesischen und koreanischen Kriegsgefangenen. So werden die drei Ziffern auf dem Flugzeug als schwere Beleidigung an den Opfern japanischer Aggression verstanden. Gerade jetzt, wo die Stimmung in der Region kaum angespannter sein könnte, kommt so ein Aufreger besonders ungünstig.

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Vergangenen Monat besuchten über 170 hohe japanische Politiker, darunter mehrere Minister und der Vizepremier Taro Aso, den umstrittenen Yasukuni-Schrein in Tokio. Neben rund 2,5 Millionen Menschen, die ab 1869 in sämtlichen Kriegen für Japan starben, verehrt der Schrein auch über 1.000 Kriegsverbrecher und sorgt daher immer wieder für Diskussionen über Japans mangelhaftes Schuldbewusstsein. Zuvor hatte Premierminister Shinzo Abe gesagt, für den Begriff "Invasion" bestehe keine wissenschaftliche Definition, weshalb er im Zusammenhang mit Japans Kriegsgeschichte auch nicht passend sei.

Peking diskutiert jetzt auch über Okinawa

Nach den jüngsten Besuchen am Yasukuni-Schrein, die in den Augen vieler Japaner auch bloß eine unschuldige Verehrung der Ahnen darstellen können, hatte Südkoreas Außenminister einen Besuch in Japan abgesagt. China verkündete zudem, die Rechtmäßigkeit von Japans Besitz der südlichen Inselgruppe Okinawa zu überprüfen, die einst auch starke Verbindungen zu China hatte. Am Sonntag sichteten Japans Selbstverteidigungskräfte dann ein unbekanntes U-Boot nahe den eigenen Hoheitsgewässern um Okinawa. Japan nimmt an, dass es sich um ein chinesisches Boot handelte.

Nicht weit davon streiten sich die beiden Länder seit einem halben Jahr akut um die unbewohnten, aber strategisch wichtigen Senkaku-Inseln, die Japan nationalisiert hat und China unter dem Namen Diayou beansprucht. Beide Länder haben bereits angedroht, die Inseln notfalls mit Gewalt zu verteidigen. Zwischen China und Japan ist seither auch der Handel eingebrochen.

Als wäre das nicht genug, sorgte am Montag auch noch der Vorsitzende der rechtspopulistischen Partei Nippon Ishin no Kai (Japans Wiedergeburt) für einen Skandal. Die Zwangsprostitution von circa 300.000 Frauen, vor allem Chinesinnen und Koreanerinnen, die im Zweiten Weltkrieg dem japanischen Militär dienen mussten, bezeichnete der 43-jährige Toru Hashimoto als notwendig. Sie sei wichtig gewesen, "um für Entspannung der tapferen Soldaten zu sorgen, die ihr Leben aufs Spiel setzten. Jeder versteht das".

Auch die Äußerungen Hashimotos, der zugleich Bürgermeister von Osaka ist, erzürnen Japans Nachbarn. In Seoul wurde am Mittwoch vor der japanischen Botschaft protestiert, unter den Demonstranten war auch eine ehemals zwangsprostitutierte Frau. Hashimotos Co-Parteivorsitzender und ehemaliger Gouverneur von Tokio, Shintaro Ishihara, beeindruckte das nicht weiter: "Jedes Militär hat üblicherweise mit Prostitution zu tun. (…) Herr Hashimoto sagt im Grunde nichts Falsches."

Leserkommentare
  1. ... von kommunistischen Systemen, die nachträglich dutzende Millionen ihrer eigenen Bürger umgebracht haben, am Nasenring durch die Manege ziehen lassen, weil auf irgendeinem Politikerfoto eine Nummer zu sehen ist, die auch eine Einheit aus dem zweiten Weltkrieg hatte. Aber ein japanischer wohl nicht. ... Und das ist auch gut so.

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    Es geht hier um eine Vielzahl von Provokationen von einer Nation, die unglaubliche Kriegsverbrechen begangen hat und sich nicht im geringsten damit auseinandersetzt, sondern ihre Kriegsverbrecher auch noch als "Kami" (Götter) verehrt. Dieses Bild reiht sich ein in eine Vielzahl von Affronts gegenüber Nationen, die Japan schändlich "vergewaltigt" hat.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Kriegsverbrechen_der_japanischen_Streitkr%...

    Ich habe eine Weile in Tokyo gelebt und ich habe mir natürlich auch den Yasukuni-Schrein angesehen. Wobei der nur interessant ist, wenn Politiker glauben, mal wieder Kriegsverbrecher verehren zu müssen. Interessant ist das zum Schrein gehörende Kriegsmuseum. In Sachen Zweiter Weltkrieg finden sich hier nur Lügen, Leugnungen und Weglassen.

    Hier geht es nicht nur um ein Foto, sondern um Japans mangelndes Schuldbewusstsein und die Abneigung sich mit seiner jüngeren Geschichte auseinanderzusetzen.

    Ich liebe Japan, seine ältere Geschichte, seine Kunst, seine Kultur, seine Musik. Aber in dieser Angelegenheit kann ich die Japaner einfach nicht verstehen.

    Wenn ich jemandem Leid und Unrecht zugefügt habe, entschuldige ich mich, wo ist da das Problem?

    und revidieren Sie Ihre Ansicht.

    http://www.arte.tv/guide/de/039157-000/mengeles-erben

    Auch Shinzo Abe sollte wissen, dass das nicht irgendeine Nummer ist.

  2. wenn ich Ministerpräsident in Japan wäre.

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    Und irgendein Oberschlauer hätte dann herausgefunden, dass die berüchtigte Division Sowieso diese Nummer hatte. Oder die Zahlen die Initialen des stellvertretenden Obermotz von Sowieso von damals ergeben.

    Das ist doch echt an den Haaren herbei gezogen. Man muss nur lange genug suchen.

  3. (Dienstwagen geht ja nicht, die haben keine Buchstaben hinter dem Bindestrich) mit der Nummer B-SS 1234 für Angela Merkel kein Problem, gelle?

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    Ob man auf "SS" verzichtet, oder anfängt, bestimmte Nummern zu streichen, weil eine Einheit die hatte, die Kriegsverbrechen begangen hat. Wer weiß, vielleicht ist die "1234" dann auch nicht unproblematisch. Mal schauen, wer die hatte.^^

    ... die Nummer zugeteilt gekriegt hätte (ich gehe aber davon aus, dass es in Deutschland ein Gesetz gibt, dass solche Kürzel verhindert), dann sollte es kein Problem sein - außer für irgendwelche Scheinhysterischen Erbsenzähler.

    ... wenn sie aber gesagt hat, ich hätte gerne dieses Kennzeichen aus sentimentalen Gründen, dann wäre es ein Problem...

    EinGangLion

  4. Und irgendein Oberschlauer hätte dann herausgefunden, dass die berüchtigte Division Sowieso diese Nummer hatte. Oder die Zahlen die Initialen des stellvertretenden Obermotz von Sowieso von damals ergeben.

    Das ist doch echt an den Haaren herbei gezogen. Man muss nur lange genug suchen.

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    "Das ist doch echt an den Haaren herbei gezogen. Man muss nur lange genug suchen"

    Nope, so einfach ist es nun wieder nicht. Die Unit 731 spielte selbst für die an Brutalität und Gewaltexzessen reiche Rolle Japans im Asien der 30er und 40er Jahre eine "herausragende" Rolle. Von der Symbolik und dem Bekanntheitsgrad her durchaus vergleichbar den deutschen Vernichtungslagern, auch wenn die Funktion wie im Artikel schon angedeutet eine andere war. Der Vergleich von user "popsnoman" mit dem SS-Kennzeichen ist daher sehr treffend.

    Es mag sein, dass Abe sich dabei wirklich nichts gedacht hat. In Japan denkt so mancher nicht allzu sehr über den Krieg nach bzw. meist nur in einer für Japan bequemen Richtung. Allerdings ist man anderweitig in Asien, speziell in China und Korea alles andere als blind derartige Vorfälle. Dies umso mehr, als Japan bislang alles andere als offen war im Umgang mit diesem Teil seiner Geschichte, bzw. die Bereitschaft zu dem zu stehen, was das Land bis 1945 zu verantworten hat, alles andere als ausgeprägt ist.

    Die allgemein akzeptierte Zahl der Opfer des japanischen Krieges in China liegt bei 15 Mio Toten, wobei einige chinesische Historiker von weit höheren Zahlen ausgehen und teilweise mit bis zu 50 Mio. Toten rechnen.

    Vor diesem Hintergrund darf Abe sich nicht wundern, dass ihm der Fall jetzt um die Ohren fliegt.

    dass Sie entweder

    nicht so richtig gut über die Heldentaten der japanischen Armee in besetzten China informiert sind,

    oder dass Sie selbige für normal und akzeptabel halten, Desperado.

  5. Ob man auf "SS" verzichtet, oder anfängt, bestimmte Nummern zu streichen, weil eine Einheit die hatte, die Kriegsverbrechen begangen hat. Wer weiß, vielleicht ist die "1234" dann auch nicht unproblematisch. Mal schauen, wer die hatte.^^

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    • hladik
    • 17. Mai 2013 10:33 Uhr

    so wie 731 drei Zahlen sind. Und diese drei Zahlen sind zumindest in China ebenso eine Chiffre fuer japanische Kriegsverbrechen wie "SS" in Deutschland. In Harbin (wo die Einheit stationiert war) muss man auch nur nach "Qi san yi" fragen, wenn man den Weg zur Gedenkstaette sucht.

    fragt man sich, warum Sie sich solche Muehe geben, abscheuliche Kriegsverbrechen zu verharmlosen und jede Aeusserung menschlicher Empathie mit den Opfern bzw. deren Nachfahren so zu denunzieren, wie Sie das tun.

  6. Okinawa für 5% ihres Dollarbergs abkaufen, werden die Japaner nicht viel machen können

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  7. "Das ist doch echt an den Haaren herbei gezogen. Man muss nur lange genug suchen"

    Nope, so einfach ist es nun wieder nicht. Die Unit 731 spielte selbst für die an Brutalität und Gewaltexzessen reiche Rolle Japans im Asien der 30er und 40er Jahre eine "herausragende" Rolle. Von der Symbolik und dem Bekanntheitsgrad her durchaus vergleichbar den deutschen Vernichtungslagern, auch wenn die Funktion wie im Artikel schon angedeutet eine andere war. Der Vergleich von user "popsnoman" mit dem SS-Kennzeichen ist daher sehr treffend.

    Es mag sein, dass Abe sich dabei wirklich nichts gedacht hat. In Japan denkt so mancher nicht allzu sehr über den Krieg nach bzw. meist nur in einer für Japan bequemen Richtung. Allerdings ist man anderweitig in Asien, speziell in China und Korea alles andere als blind derartige Vorfälle. Dies umso mehr, als Japan bislang alles andere als offen war im Umgang mit diesem Teil seiner Geschichte, bzw. die Bereitschaft zu dem zu stehen, was das Land bis 1945 zu verantworten hat, alles andere als ausgeprägt ist.

    Die allgemein akzeptierte Zahl der Opfer des japanischen Krieges in China liegt bei 15 Mio Toten, wobei einige chinesische Historiker von weit höheren Zahlen ausgehen und teilweise mit bis zu 50 Mio. Toten rechnen.

    Vor diesem Hintergrund darf Abe sich nicht wundern, dass ihm der Fall jetzt um die Ohren fliegt.

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    der hat wiederholt bewiesen, dass er virtuos mit der Stimmung im Volke spielt.

    Nationalismus kommt gut, auch noch im modernen Japan, Abes Beliebtheit beim japanischen Wähler ist nach den neuesten Umfragen steil gestiegen.

    • hladik
    • 17. Mai 2013 10:33 Uhr

    so wie 731 drei Zahlen sind. Und diese drei Zahlen sind zumindest in China ebenso eine Chiffre fuer japanische Kriegsverbrechen wie "SS" in Deutschland. In Harbin (wo die Einheit stationiert war) muss man auch nur nach "Qi san yi" fragen, wenn man den Weg zur Gedenkstaette sucht.

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  • Schlagworte Shinzo Abe | China | Japan | Militär | Ostasien | Premierminister
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