Konfisziertes Kokain in Kolumbien © John Vizcaino/Reuters

Regierungen europäischer Staaten und die USA beraten über einen Bericht, der die globale Drogenpolitik verändern könnte. Das berichtete der britische Guardian. Der Bericht der OAS, der Organisation amerikanischer Staaten, wird demzufolge von einigen Experten als "revolutionär" bezeichnet und könnte ein Ende der Politik der reinen Prohibition zur Folge haben. Erstmalig würden darin ernsthafte Vorschläge präsentiert, die auch eine Duldung des Handels und eine Reform des UN-Drogenabkommens fordern. 

Die Weltkommission für Drogenpolitik, die sich für eine Änderung der Drogengesetze einsetzt, teilte mit, der Bericht breche mit einem Tabu, das die Debatte um eine menschlichere und effizientere Drogenpolitik lange blockiert hätte. Es sei an der Zeit, dass Regierungen aller Staaten mit Regulierungen experimentierten, die an die Realitäten und lokalen Bedürfnisse angepasst seien. 

Der Bericht dokumentiert dem Guardian zufolge eine wachsende Unzufriedenheit der lateinamerikanischen Staaten mit dem globalen Umgang mit verbotenen Drogen. Zudem beschreibt er die menschlichen und sozialen Effekte auf die Länder, in denen die Drogen produziert werden. In einem Ausblick wird die Entwicklung dieser Länder skizziert, sollte die Politik in der jetzigen Form fortgesetzt werden. 

Zu hohe menschliche und soziale Kosten

Der Generalsekretär der OAS, José Miguel Insulza, schreibt im Vorwort, die zunehmende Berichterstattung der Medien über Ereignisse in den drogenproduzierenden Ländern würden das dortige Ausmaß von Gewalt und Leid sichtbar machen. Daraus ergebe sich ein Eindruck von den menschlichen und sozialen Kosten, die nicht allein durch den Konsum, sondern vor allem auch durch Produktion und Handel in den Ursprungsländern entstehen. Aber auch die etwa 20 Milliarden Dollar, die die US-Regierung im vergangenen Jahrzehnt in die Bekämpfung des Drogenhandels in Lateinamerika gesteckt haben, gelten unter Reformern als verschwendet.

Der OAS-Bericht enthält laut Guardian mehrere Vorschläge, wie die bisherige strikte Prohibition reformiert werden könnte. Experten zufolge setzt dies Europa und Nordamerika unter Druck, weil die lateinamerikanischen Staaten gewillt seien, die Situation zu ändern – mit oder ohne Unterstützung der westlichen Regierungen. Die lateinamerikanischen Länder sind verärgert darüber, dass die westlichen Länder, in denen die Drogen konsumiert werden, den durch Handel verursachten Schaden in den Ursprungsländern weitgehend ignorieren.

Mögliche Duldung der Kartelle

Ein von insgesamt vier Szenarios sieht vor, dass mehrere südamerikanische Staaten mit der Prohibition von Marihuana brechen und nicht weiter gegen Drogenkartelle vorgehen, weil ihnen die menschlichen und sozialen Kosten des Drogenkriegs zu hoch sind. Im radikalsten und zugleich umstrittensten Szenario würden alle Staaten den Kampf gegen Produktion und Handel aufgeben.

In drei Wochen reist der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos Calderón, auf dessen Initiative der OAS-Bericht angefertigt wurde, nach Großbritannien, um für Änderungen in der Drogenpolitik zu werben. 2016 sollen die Vorschläge auf einer UN-Vollversammlung thematisiert werden.