Der Druck auf den britischen Premier David Cameron, ein für 2017 versprochenes Referendum über einen EU-Austritt vorzuziehen, wächst. Er kommt vor allem von den eigenen Partei- und Regierungsmitgliedern, die um ihre Wiederwahl fürchten. Konkurrenz macht ihnen an erster Stelle die EU-kritische United Kingdom Independence Party (UKIP), die in aktuellen Meinungsumfragen immer mehr Zuspruch erhält. Um ihr Wind aus den Segeln zu nehmen, haben über 100 Tory-Abgeordnete jüngst eine Gesetzesinitiative zur Vorbereitung des Referendums gestartet. Viele plädieren sogar dafür, es noch vor den Parlamentswahlen 2015 abzuhalten. Auch wenn ihr Vorhaben vorerst scheiterte, ist das Thema nicht vom Tisch.

Das Erstarken des europakritischen Lagers in Großbritannien ist Wasser auf die Mühlen der separatistischen Scottish National Party. Am 18. September 2014 werden die rund fünf Millionen Schotten gefragt: "Soll Schottland ein unabhängiges Land sein?" Die Mehrheit der Schotten ist proeuropäisch eingestellt und möchte, dass ihr Land in der EU bleibt, verdankt es doch seine Autonomie mit Parlament und Gesetzgebungskompetenz der europäischen Regionalisierungspolitik. Rückt ein britischer EU-Austritt in greifbare Nähe, wird die Zustimmung der Schotten zur Unabhängigkeit ihres Landes steigen.

Nicht nur Schottland, sondern auch Wales und Nordirland betrachten die wachsende EU-Skepsis in Großbritannien mit Sorge, schließlich wollen auch sie in der EU bleiben. Geht es nach dem Willen führender Regionalpolitiker, könnte dies im Zweifelsfall ebenfalls über den Weg einer staatlichen Unabhängigkeit realisiert werden: Martin McGuinness, stellvertretender erster Minister für Nordirland und Parteivorsitzender der Sinn Féin, hat bereits einen Volksentscheid für 2016 ins Spiel gebracht, in dem die Nordiren über die Vereinigung ihrer Region mit der Irischen Republik abstimmen sollen.

Regionalparteien haben sich europaweit organisiert

Auch Leanne Wood, eine führende Politikerin der walisischen Partei Plaid Cymru, kann sich eine politische Unabhängigkeit der rund drei Millionen Waliser in nur einer Generation vorstellen. Spätestens hier wird dem außenstehenden Beobachter klar: Die britischen Referenden der kommenden Jahre werden über die staatliche Existenz des Vereinigten Königreichs entscheiden.

Die weitere Entwicklung des Landes liegt dabei längst nicht mehr allein in der Hand seiner Bürger, sondern wird unmittelbar von der Politik auf europäischer Ebene beeinflusst. Andersherum entsteht durch die Entwicklung im Vereinigten Königreich eine Dynamik, die über die Grenzen des Landes hinausweist. So hat das europaweite Netzwerk der Regionalparteien im Jahr 2004 die politische Partei European Free Alliance (EFA) gegründet. Sie ist unter Führung der Scottish National Party und der walisischen Plaid Cymru derzeit mit sieben Abgeordneten im EU-Parlament vertreten. Sie unterstützt die Unabhängigkeitsbestrebungen anderer Regionen wie die Kataloniens oder des Baskenlandes.