AusschreitungenSchwedens ignoriertes Migranten-Problem

Die Stockholmer Krawalle legen einen Missstand im skandinavischen Musterland offen: Einwanderer-Kinder haben trotz guter Bildung geringe Chancen. von 

Schaulustige fotografieren die Brände im Stockholmer Vorort Rinkeby.

Schaulustige fotografieren die Brände im Stockholmer Vorort Rinkeby.  |  © Fredrik Sandberg/Scanpix/Reuters

Irem Hafif wohnt direkt gegenüber ihrer Montessorischule im Stockholmer Stadtteil Kista. "Meine Mama weckte mich letzte Nacht auf", sagt die 13-Jährige. "Sie schrie, dass die Schule gegenüber brennt." Mutter und Tochter seien zusammen zum Küchenfenster gegangen und hätten herausgeschaut. "Die Flammen waren sehr groß", berichtet das Mädchen.

Eigentlich hatte die Stockholmer Polizei gehofft, mit Zurückhaltung und Deeskalation würden die seit Sonntagnacht im Vorort Husby begonnen Jungendkrawalle langsam abebben. Doch auch in der Nacht zum Freitag brannten wieder Autos und Häuser, wurden Fensterscheiben eingeschlagen und Steine auf Polizisten geworfen, die Feuerwehrleute beschützen mussten.

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Immerhin hat die Intensität der Straßenkrawalle abgenommen, auch wenn sie sich auf weitere Stadtteile ausgebreitet haben. Von vielen Hunderten Randalierern, wie vor allem ausländische Medien berichteten, kann keine Rede sein. Die meisten sind bloß Zuschauer. "Die ausländische Presse gibt ein völlig falsches, völlig übertriebenes Bild wieder", sagt ein Diplomat im Stockholmer Außenministerium ZEIT ONLINE.

Zum großen Teil handelt es sich um punktuelle Vandalenakte: Jugendliche legen ein Feuer und verschwinden in der Dunkelheit. Weder unter den Randalierern noch der Polizei gab es bisher eine nennenswerte Zahl von Verletzten. Jede Nacht wurden nur wenige Personen festgenommen.

"Wir brauchen Arbeit"

Dennoch zeigt sich nun, wie gereizt die Stimmung in den Vororten ist. Auslöser der Unruhen war der Tod eines offenbar geistig verwirrten, älteren Einwanderers, den die Polizei nach eigenen Angaben aus Notwehr erschoss. Die Ereignisse sind ein Weckruf für das ruhige Schweden.

Wirklich gefährliche Viertel gibt es in und um Stockholm nicht. Die meisten jungen Menschen mit Einwandererhintergrund sprechen perfekt Schwedisch und haben häufig Abitur, wie weit über 90 Prozent aller Jugendlichen im Land. Das gilt auch für die Betonvorstadt Tensta, nur ein paar Kilometer entfernt von der Montessorischule in Kista.

In Tensta stehen einige junge Leute zusammen und diskutieren über die Ereignisse. Alle sehen südländisch aus. Ahmed und Saman äußern Sympathie für die Krawalle. "Das ist die einzige Möglichkeit, uns bemerkbar zu machen. Wir haben hier nicht mal ein Jugendzentrum", sagt Ahmed. Ein anderer entgegnet. "Wir brauchen kein verdammtes Jugendzentrum und noch mehr Sozialarbeiter. Wir brauchen selbst Arbeit."

Leserkommentare
  1. In Tensta stehen einige junge Leute zusammen und diskutieren über die Ereignisse. Alle sehen südländisch aus. Ahmed und Saman äußern Sympathie für die Krawalle. "Das ist die einzige Möglichkeit, uns bemerkbar zu machen. Wir haben hier nicht mal ein Jugendzentrum", sagt Ahmed. Ein anderer entgegnet. "Wir brauchen kein verdammtes Jugendzentrum und noch mehr Sozialarbeiter. Wir brauchen selbst Arbeit."

    Ja, so wird das bestimmt was mit der Arbeit, tzz

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    • AndreD
    • 24. Mai 2013 22:54 Uhr

    "Die jugendlichen Einwanderer wüssten, dass sie trotz guter Noten, Abitur und Hochschulabschlüssen keine Chance hätten. Schwedens Einwandererviertel seien überfüllt mit Intellektuellen, Ärzten und Ingenieuren, die Taxi fahren."

    Wie heißt es immer?

    „Soziale Gerechtigkeit durch Chancengerechtigkeit"

    Das ist doch das, was die meisten Parteien im Bundestag erzählen.
    Aber das scheint halt doch nicht auszureichen...

    Naja, liebe FDP, CDU: Wer ist durch Faulheit in eine soziale Schieflage geraten?

    Ich kenne die Antwort der Elite darauf: Pech gehabt (Zitat aus Julia Friedrichs "Gestatten, Elite")!

    Chancengerechtigkeit durch Bildung ist eine unverschämte unhaltbare Behauptung mit der versucht wird, die Leute ruhig zu halten, anstatt die Leute am Wirtschaftswachstum und am Reichtum zu beteiligen.

    Zu guter Letzt noch einmal zu ihrem Kommentar: Die Äußerung von Frust ist wohl kein Jobqualifizierungskriterium, oder?

    • boxo
    • 24. Mai 2013 18:19 Uhr

    Jetzt wird sogar das Wolfahrtsmusterland Schweden runtergeschrieben.

    Auch in Schweden wächst nicht alles auf Bäumen.

    Die Kritik an Schweden fällt auch auf die Programme der SPD und Grünen in Deutschland für den Wahlkampf 2013 zurück. Höhrere Steuern und mehr Staat weil das in Schweden ja alles soooo toollll ist.

    Es ist Verrat an einem Vorbild. Und wieder haben Journalisten aktuelle Entwicklungen verschlafen.

    Schweden muss umdenken, [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/sam

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    ... den Zusammenhang zwischen schwedischen Migrationsproblemen und den Programmen von SPD und Grünen verständlich machen?

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/sam

  2. 3. [...]

    Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um einen sachlichen Kommentarstil. Die Redaktion/mak

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    Der Kommentar auf den Sie sich beziehen wurde bereits entfernt. Die Redaktion/mak

  3. Sorry. Ich kenne mehr wie einen Migranten der nach Schweden gegangen ist und seine Chance genutzt/versucht hat.
    Es war und ist für sie verdammt schwer, manch einer ist gescheitert, die meisten haben diesen Schritt nie bereut und auch deren Kinder werden in Schweden bleiben.
    Ich rede von Ossis.
    Gruß

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    • persef
    • 24. Mai 2013 18:36 Uhr

    ich kenne auch ein paar Leute aus dem weiteren Umfeld (Wessis..), die nach Schweden gingen, zum Austausch oder es befristet mit Arbeit versucht haben. Alle blieben und schwärmen vom Land: Freundliche Leute, gute Atmosphäre und gute Arbeit..

    Die Diskriminierung nach dem Namen der Immigranten scheint offenbar nicht für dt. Namen zu gelten.

    Auf der anderen seite muss man auch die Einwanderer kritisieren: gut gebildet, integriert, wissen wies läuft aber geben dann auf, fangen an zu fordern und - vor allem - bleiben passiv? Das ist schwach. Jeder kann sein eigenes Geschäft aufbauen! Man braucht viel Arbeit und muss jede kleine Chance beim Schopf packen, dann klappts. Das zeigen auch hierzulande genügend Einwanderer..

    ...ich finde es gut das sie uns darüber informiert haben. Ein Glück, schließlich sind Einzelfälle und private Geschichten viel Sinnvoller als Studien und Objektive beurteilungen. Jetzt wissen wir dank ihnen, das es sowas wie Rassismus in Schweden gar nicht geben kann.

    Ich finde die Kommentare auf ZO in letzter Zeit immer erschreckender da sie für mich belegen, das es eine leicht fremdenfeindliche Grundhaltung in unserer Gesellschaft gibt.

    Die Zusammenfassung vieler Kommentare ist leicht:
    Selber schuld!

    Egal was auch im Artikel stehen mag, wie z.B. der Hinweis auf die abgeschickten Bewerbungen oder das Vitamin B das wohl von nöten sein muß, es wird von den Kommentatoren gandenlos ignoriert oder marginalisiert.

    Dabei ist es natürlich möglich das viele an ihrem Schicksal selber schuld sein können. Aber das auch eine Gesellschaft an sich schwächen hat, auf die Idee kommen viele hier nicht oder es wird ignoriert.

    Wenn man sich laufend irgendwo bewirbt und spürt das man auf Grund seiner Herkunft nicht angenommen wird, dann frustriert das logischerweise. Wir sind keine Roboter oder Humankapital, sondern Menschen.

    Das aburteilen und verächtlich machen von Personen aufgrund ihrer Herkunft ist einfach wiederlich und ein wenig solidarität täte allen Menschen etwas gut.

    MfG

  4. oder die gut ausgebildete Jugend in tristen Wohnsilos laufen Nacht für Nacht durch die Straßen, zünden Autos und Schulen an? Sie schmeißen Steine auf Feuerwehrleute, um sie am Löschen zu hindern? Ganz wie in den Vororten von Paris oder in London?
    Das glauben Sie doch selber nicht.

    Soziale Probleme mögen da eine, wenn nicht DIE Rolle spielen. Die Verhaltensweisen dieser Randalieren stehen jedoch im krassen Widerspruch zu den im Artikel dargestellten heilen Welt.

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    weil ich es so erlebt habe.
    Sie unterliegen einfach dem Irrglauben, dass man mit Bildung so gut wie jedes Problem lösen kann.
    Mit Bildung alleine können Sie nicht einen einzigen gesellschaftlichen Großkonflikt lösen.

    Auch ich halte es für einigermaßen grotesk, so zu tun als wenn diese Ausschreitungen darauf zurückzuführen seien, dass gut ausgebildete Migranten keine adäquaten Arbeitsplätze finden.

    Auch wenn dies in Einzelfällen vorkommen mag, ist der "Durchschnittstyp" des jugendlichen Randalierers sicherlich nicht der "frustrierte Intellektuelle".
    Vielmehr wird den Leuten langsam klar, dass, wenn man nichts weiß und nichts kann (außer ins Handy schwatzen), die beruflichen Möglichkeiten sehr beschränkt sind - wobei man zugeben muss, dass Bildung -im Gegensatz zu früher- auch keine Garantie für einen guten Job mehr beinhaltet.

    5."Die Verhaltensweisen dieser Randalieren stehen jedoch im krassen Widerspruch zu den im Artikel dargestellten heilen Welt."

    auch wenn es niemand gerne hört oder zugibt,das sind andere Kulturen,die werden in westlichen demokratischen Ländern nie klarkommen(Ausnahmen bestätigen die Regel)
    ebenso wie Jugendliche aus Europa sicher nicht in islamischen Ländern klarkommen würden/möchten.
    Diese Tatsacehn müssen endlich akzeptiert und respektiert werden und die Politik muß reagieren.

  5. 6. [...]

    Der Kommentar auf den Sie sich beziehen wurde bereits entfernt. Die Redaktion/mak

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
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    Eine Abrechnung mit einem sehr sozialdemokratischen Staat mit hohem Anteil an Ausländern...Natürlich springen Leute des Typs "Islamkritiker", "Euroskeptiker" usw. an.

    zeigt sich das guter Wille und eine Rundumalimentierung Integrationsunwilligen nicht genug sind.

  6. so sein, was man aus den Angeboten macht! Es ist wie bei uns, wir bieten an wir weisen auf die Angebote und Möglichkeiten hin. Was daraus gemacht wird ist ein sehr ernstes Thema. Denn wenn ich nur fordere und dann noch nicht mal weiß was ich will, dann hat's ein Problem! Ich will jetzt keine Schuldzuweisungen machen, dafür stecke ich viel zu wenig im Thema, nur eins sei mir gestattet, das ständige, die Anderen sind schuld. sie müssen sich kümmern, das kann ich fast nicht mehr lesen. Ich muss, verdammt noch mal, auch mal selber was anfassen und versuchen, wenn das schiefgeht, kann ich immer noch meckern!!!

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    nützt Bildung auch was. In Skandinavien wie anderswo wachsen Jobs nicht auf den Bäumen. Wie soll Schweden mal eben so die youth bulge islamischer Länder absorbieren können - als wüchse die Zahl der Arbeitsstellen proportional zur Einwanderung.

    Leider ist da einiges an Selbstbetrug dabei, wenn man sagt "Es gibt ja die Chancen, die Leute machen halt nichts draus". In Schweden, aber auch bei uns, gibt es immer noch unterschwellig ablaufende rassistische Vorbehalte, die z.B. Arbeitgeber dazu tendieren lassen, jemand mit bekannt klingendem Namen zu bevorzugen. Da kann man aus seinen Chancen gemacht haben, was man will, wenn einen dann keiner einstellt.
    Man sollte als mitteleuropäisch aussehender Mensch, oder auch als norddeutsch aussehender Mensch echt nicht vergessen, dass wir ganz andere Erfahrungen machen als jemand mit dunkler Haut oder dem Namen Abdul... uns vermittelt man halt auch "du mit deinen wahrgenommenen Chancen bist willkommen".
    Klar kann das keine Gewalt entschuldigen... Ich denke nur immer wieder dran, wie oft allein hierzulande türkischen Kindern bei gleichem Notenstand wie deutschen NICHT das Gymnasium empfohlen wird. Und dass in einem tollen Land wie Schweden, wo es eigentlich keine riesigen gesellschaftlichen Probleme gibt, um die 25% der Menschen messbare rassistische Tendenzen ausweisen.
    Es ist in uns allen drin, es ist Evolution und Biologie und muss immer bekämpft werden, und "sie nutzen ihre Chancen nicht" ist nur ein weiteres Argument, um "denen" wieder eine Art "Schuld" zuzuschreiben.

    • persef
    • 24. Mai 2013 18:36 Uhr

    ich kenne auch ein paar Leute aus dem weiteren Umfeld (Wessis..), die nach Schweden gingen, zum Austausch oder es befristet mit Arbeit versucht haben. Alle blieben und schwärmen vom Land: Freundliche Leute, gute Atmosphäre und gute Arbeit..

    Die Diskriminierung nach dem Namen der Immigranten scheint offenbar nicht für dt. Namen zu gelten.

    Auf der anderen seite muss man auch die Einwanderer kritisieren: gut gebildet, integriert, wissen wies läuft aber geben dann auf, fangen an zu fordern und - vor allem - bleiben passiv? Das ist schwach. Jeder kann sein eigenes Geschäft aufbauen! Man braucht viel Arbeit und muss jede kleine Chance beim Schopf packen, dann klappts. Das zeigen auch hierzulande genügend Einwanderer..

    21 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Chancen?"
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    • AndreD
    • 24. Mai 2013 23:07 Uhr

    Da haben Sie erstmal nen Stein im Brett...

    Aber sie scheinen nicht lesen zu können:

    In dem Artikel steht klar und deutlich, dass Herr Erriccsoon ein Bewerbungsgespräch bekommt und der Herr XY-nichtschwedisch klingender Name nicht...

    Was wollen Sie jetzt an den Migrantenkindern kritisieren???

    • persef
    • 25. Mai 2013 9:51 Uhr

    Da steht in etwa: Auf Chancen darf man nicht warten, Chancen muss man sich nehmen. Jeder kann das, ist nur eine Einstellungssache und dann spielt der Name keine Rolle mehr.

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