BürgerkriegSyriens Aussichtslosigkeit schafft neue Chancen

Die düsteren Aussichten in Syrien zwingen Russland und die USA zu neuen Einsichten. Es gibt deshalb Chancen auf eine Atempause im Bürgerkrieg. von 

Radikale islamistische Kämpfer auf einem Geländewagen in der Region Raqqa

Radikale islamistische Kämpfer auf einem Geländewagen in der Region Raqqa  |  © Mohamed Al-Husain/Shaam News Network/Reuters

Vielleicht kommt endlich Bewegung in die syrische Tragödie. Erstmals seit zwei Jahren gehen die USA und Russland aufeinander zu und scheinen ihre Konfrontation zu lockern. Denn spätestens seit dem Verdacht auf Giftgaseinsatz, den israelischen Luftangriffen und den Bombenanschlägen im türkisch-syrischen Grenzgebiet dürften im Weißen Haus und im Kreml gleichermaßen klar geworden sein, dass das Kriegsgeschehen nur eine einzige Richtung nehmen wird – die der weiteren Eskalation. 

Das einstige Syrien würde dann endgültig in Rauch und Trümmern versinken; die regionalen Spannungen könnten sich in einem Flächenbrand entladen; und das Gebiet zwischen Damaskus und Aleppo würde zu einem permanenten Unruheherd werden, der auf die gesamte Nachbarschaft ausstrahlt und als neue Drehscheibe von Al-Kaida fungieren würde. Deren teuflischer Terror aber wird sich nicht nur gegen Amerika richten, sondern auch gegen Russland.

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Diese düsteren Aussichten haben das strategische Kalkül beider Seiten verändert. US-Präsident Barack Obama macht seit Monaten deutlich, dass die USA sich nach Irak und Afghanistan nicht in ein weiteres militärisches Abenteuer hineinziehen lassen möchten. In Washington weiß man, dass sunnitische Dschihadisten nicht tatenlos zusehen würden, wie US-Soldaten ihnen die ersehnte Trophäe eines Kalifats auf syrischem Boden wegschnappen. Und schiitische Hisbollah-Kämpfer würden nicht hinnehmen, wenn ausländische Truppen Jagd auf Assad und seine Getreuen machen.

Obamas Zurückhaltung hilft Russland

Gleichzeitig schafft Obamas Zurückhaltung Spielräume im Dialog mit Russland. Der Kreml sieht seinen Verdacht entkräftet, die westliche Supermacht suche einzig nach einem Vorwand, um wie in Libyen mit seiner Feuerkraft auf Seiten der Rebellen einzugreifen. Im Gegenzug scheint sich die russische Führung mittlerweile mit dem Gedanken anzufreunden, dass sie Syriens Präsident Baschar al-Assad fallen lassen muss, um eine Chance auf das Ende des Bürgerkriegs zu wahren. Noch haben die Hardliner um Präsident Wladimir Putin zwar nicht eingelenkt, doch der Einfluss der Pragmatiker wie Premier Dmitri Medwedew und Außenminister Sergei Lawrow wächst. Beide würden den syrischen Präsidenten opfern, wenn dies den Weg eröffnet für einen Waffenstillstand und eine nationale Übergangsregierung, ohne die Kapitulation des Regimes.

Auch dem Weißen Haus ist bewusst, dass mit Syriens Opposition allein kein Staat zu machen ist. Die Freie Syrische Armee existiert nur noch auf dem Papier. Immer zahlloser und planloser sind bewaffnete Kommandos im Land unterwegs – lokale Kämpfer, kriminelle Banden und internationale Gotteskrieger. Klare Fronten existieren schon lange nicht mehr. Wer heute Schulter an Schulter in die gleiche Richtung schießt, feuert vielleicht morgen schon aufeinander. Und Syriens Exil-Opposition, die große Reden schwingt, Luxushotels bevölkert und internationale Konferenzen abklappert, vermag noch nicht einmal ihre paar Hundert Delegierten politisch zusammenhalten. Innerhalb Syriens hat sie nie eine Rolle gespielt, auf den Schlachtfeldern fehlt ihr jegliche Autorität.

Kalter Krieg im Nahen Osten

Entscheidend für die Aussichten der von den USA und Russland geplanten Konferenz wird sein, ob sich die regionalen Widersacher auf syrischem Boden einbinden lassen. Der Iran und die libanesische Hisbollah sind entschlossen, den Sturz ihres wichtigsten Verbündeten in Damaskus zu verhindern. Saudi-Arabien, Katar und die Türkei dagegen wollen den Iran möglichst vernichtend aus dem regionalpolitischen Feld schlagen.

Die Gewinner einer möglichen Einigung für Syrien sind also noch offen, einzig die Verlierer stehen bereits fest: Die Menschen, die in Syrien ihr Leben, ihre Gesundheit und ihre Existenz verloren haben – die Kinder, die ihre Kindheit eingebüßt haben. Die komplexe soziale Textur Syriens ist zerfetzt. Religiös und ethnisch motivierte Verbrechen breiten sich aus wie Krebsmetastasen. Syriens Unheil ist noch lange nicht zu Ende. Vielleicht kann die internationale Konferenz einen Waffenstillstand erreichen, vielleicht eine erste Atempause für Millionen traumatisierter Menschen. Das wäre nach langer Zeit ein erster Funken Hoffnung.

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Leserkommentare
  1. "Der Iran und die libanesische Hisbollah sind entschlossen, den Sturz ihres wichtigsten Verbündeten in Damaskus zu verhindern"

    "Saudi-Arabien, Qatar und die Türkei dagegen wollen den Iran möglichst vernichtend aus dem regionalpolitischen Feld schlagen."

    Dabei steht Assad für ein säkulares, prädemokratisches System, das sich mit der Landesverteidigung,der Armee, die zu 70% aus Sunniten besteht wehrt gegen die Pläne des Westens unter der Führung der USA, Israel und England ein salafistisches Kaliphat oder eine Tyrannei der Muslim-Brüder einsetzten möchten unter der Beihilfe der FSA, bestehend ausschließlich aus Al-Nusra und Al-Kaida aus dem Ausland, die Kinder und frauen ermorden und Hasen mit Giftgas vernichten und UN-beobachter und Geistliche entführen und Christen abschlachten.

    28 Leserempfehlungen
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    • xy1
    • 12. Mai 2013 18:39 Uhr

    Ihre strategischen und politischen Kenntnisse in Ehren, aber glauben Sie wirklich dass:
    " die Pläne des Westens unter der Führung der USA, Israel und England ein salafistisches Kaliphat oder eine Tyrannei der Muslim-Brüder einsetzten möchten"
    irgendeinen Bezug zur Wirklichkeit hat?

  2. "Deren teuflischer Terror" Sehr gut gemacht. Besser kann man Stereotypen nicht anwenden um zu polarisieren . WELL DONE !

    4 Leserempfehlungen
  3. 3. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

  4. ....hier nicht - wie sonst üblich - die "Oppositionsaktivisten" und "demokratischen Rebellen" hemmungslos "heroisiert".

    Hätten die USA/NATO und die faschistisch-religiösen Golfdiktaturen nicht so aktiv den Konflikt "angeheizt" wäre die Lage niemals so eskaliert.

    Syrien hat nur 1 Chance:
    Einen radikalen Krieg gegen alle Djihadisten, Terroristen und Eindringlinge - und einen friedlichen Dialog mit der Opposition IN Syrien.

    Die Herren vom Kasperletheater aus den verschiedenen Luxushotels sollten wir schnellstens vergessen - die stehen einem Ende des Krieges nur im Weg.

    15 Leserempfehlungen
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    Eine "radikalen" krieg gegen Radikale...

    Hören sie eigentlich sich selbst zu, wenn sie reden?

  5. Terroristen gegen Staatsgewalt

    5 Leserempfehlungen
  6. Eine "radikalen" krieg gegen Radikale...

    Hören sie eigentlich sich selbst zu, wenn sie reden?

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Zumindest werden..."
  7. ...ob aus Gesprächen zwischen den USA und Russland mehr herauskommen kann, als ein Ultimatum durch die USA, und Trotzköpfigkeit Russlands, das schon längst gemerkt haben sollte, dass es aufs falsche Pferd gesetzt hat.

    Nicht, dass NATO oder Israel mit dem Raktensystem S-300, was Russland liefern will, nicht zurechtkommen könnte, militärisch.

    Es ist aber einfach kein guter Stil, oben die Schampusgläser zu erheben, oder sto gramm Wodka, und unter dem Tisch ans Schienbein zu treten, dass müssten auch die russische Seite wissen.

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    Entfernt. Die Redaktion/kvk

    Vielen Dank an den Autor.

    Derartige Informationen wurden von den "radikalen Interventionalisten" sehr schnell in die Kategorie "Assad- Fan" eingeordnet. Selbst die zentrale Quelle der westlichen Medien aus London passt sich den Marktforderungen nach einer differenzierten Darstellung an.

    https://www.facebook.com/...

    The dead:
    34,473 civilians, including: 4,788 children and 3,048 women.
    2,368 unidentified persons (individually archived with pictures and video).
    12,916 rebel fighters. 1,847 unidentified rebel fighters.
    1,924 defectors.
    16,729 regular soldiers.

    Offen bleibt, wie viele Zivilisten von den Rebellen getötet wurden.
    Die Richtigkeit der Zahlen mag im Detail bezweifelt werden, entscheidend ist die Zahl der Toten.

    Hoffentlich werden die positiven Ansätze zur politischen Lösung im Sinne der Genfer Vereinbarungen so schnell wie möglich in die Tat umgesetzt.

    Hinweis: auch die militärische Unterstützung durch eine UN- Truppe wurde seitens der UNO in diesem Zusammenhang geplant. Ziel: sich dem Dialog verweigernde Gruppen schrittweise zurückdrängen.

    Wann hören die kriegstreibenden Schuldzuweisungen insbesondere aus der Türkei auf und wann entschließt sich unser Außenminister endlich, nicht wie ein Dackelwackel hinter den Freunden Syriens herzulaufen und deren Spekulationen durch Freundschaftsbekundungen zu unterstützen.

    Es wäre eine echte Chance für die deutsche Politik, sachlich, ernsthaft und aktiv die politische Lösung zu unterstützen.

  8. 8. [...]

    Entfernt. Die Redaktion/kvk

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Barack Obama | Bürgerkrieg | Hisbollah | Russland | Syrien | Kreml
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